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Tschernobyl : Vielleicht einmal in 20.000 Jahren

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Tschernobyl, Kontrollraum: Hier wollten Ingenieure am 26. April 1986 kurz nach 1 Uhr nachts testen, was passiert, wenn der Strom ausfällt Bild: Konrad Schuller

Durch den „Goldenen Korridor“ gelangt man im Sarkophag von Tschernobyl in den zerstörten Kontrollraum des Kraftwerks. F.A.Z-Korrespondent Konrad Schuller berichtet über seine unheimliche Wanderung in ein verseuchtes Universum 25 Jahre nach dem Reaktorunfall.

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          Wer hier ins Innere will, muss durch viele Türen gehen. Und durch viele Zonen. In der Kleiderkammer, schon in Sichtweite des Sarkophags, hatten wir unsere Sachen zurückgelassen. Nichts, was zurückkehren sollte in die Welt der Lebenden, durfte mit, und so standen wir also in Anstaltskittel und Badeschlappen abermals vor einem Durchlass. Über dem Tor eine Warnschrift: „Brudna Zona“ – die „Schmutzige Zone“, der innere Kreis von Tschernobyl.

          Während 8.000 Kilometer weiter östlich, an der japanischen Pazifikküste, Ingenieure und Rettungsarbeiter hektisch versuchen, die nukleare Katastrophe im Kraftwerk Fukushima zu begrenzen, hat hier im ukrainischen Tschernobyl längst die Ruhe einer anderen Zeitrechnung begonnen. Am 26. April wird es 25 Jahre her sein, dass Reaktor vier dieses Kraftwerks, das einmal das größte der Welt werden sollte, verunglückt ist – in einer Knallgasexplosion zunächst, ganz wie jetzt in Japan, später dann in einem verheerenden Feuersturm, der das radioaktive Innere des Reaktors über Tage in die Atmosphäre geschleudert hat.

          Seither gelten hier andere Zeitmaße. 25 Jahre schrumpfen zu nichts vor den Dimensionen der Nuklearphysik. Manche Isotope, die der Rauch damals ins Land getragen hat, etwa Cäsium 137 und Strontium 90, haben Halbwertszeiten von dreißig Jahren. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wird in drei Jahrhunderten verklungen sein. Plutonium 239 dagegen verliert die Hälfte seiner Strahlung erst in 24.110 Jahren. Bis es seine tödliche Kraft verloren hat, vergehen Erdzeitalter.

          Tschernobyl: die Strahlenkontrolle auf dem Weg in die „Schmutzige Zone”

          Hier beginnt die Geisterwelt

          In Tschernobyl hat die menschliche Geschäftigkeit auf die Fristen der Natur mit einem System konzentrischer Zonen und Sperren reagiert. Die Tür zur „Brudna Zona“, die wir jetzt durchschreiten, ist nicht die erste Grenze dieses Tages gewesen. Der äußerste Schlagbaum hatte dreißig Kilometer weiter draußen im ukrainischen Schnee gestanden. Hier begann die „Ausschlusszone“, das verbotene Territorium von Tschernobyl, eine Geisterwelt, aus der nach dem Unglück 350.000 Menschen ausgesiedelt wurden.

          Jenseits der Stacheldrahtsperren säumen eingestürzte Bauernkaten die zugewachsenen Wege: Lose Schienen und umgekippte Strommasten rosten vor sich hin. Auf der Lenin-Straße, der Hauptmagistrale der einstigen Musterstadt Pripjat mitten im Sperrbezirk, haben Birke und Pappel die Herrschaft übernommen, und die Autoscooter vom Rummelplatz stehen noch so locker und bunt auf der Piste, als wäre das Juchzen der Pionierjungen am Steuer gerade erst verklungen. Andere Ortschaften sind verschwunden: weggebaggert, „begraben“, wie man hier sagt. Damit nicht Plünderer die verstrahlten Fernseher auf die Kiewer Märkte bringen.

          Jetzt aber, einen Steinwurf vom Reaktor, das Sperrgebiet im Sperrgebiet. Die Grenze zur „Schmutzigen Zone“, die wir in Badeschlappen überschreiten, ist zunächst nur eine Tür zwischen zwei Umkleideräumen: Sanatoriumsatmosphäre, Spinde, Duschen. Hier bleiben jetzt auch die Kittel zurück, die wir nach der Trennung von unseren Kleidern erhalten haben. Stattdessen werden Schutzanzüge, Helme und Atemmasken ausgegeben. Aus Lautsprechern quäken Durchsagen. Unter einem mit Häschen geschmückten Wandkalender ordnet eine Art Krankenschwester einen letzten Strahlentest an, danach geht es, je ein Dosimeter in der Rechten und eines in der Linken, durch eine lila gefärbte Pfütze: Stiefel-Dekontamination. Die letzte Tür geht auf, der Weg über den Schnee zum Kraftwerk ist frei.

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