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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

  • -Aktualisiert am

1986 lebten bei Tschernobyl fast 50.000 Menschen. Bild: Gerd Ludwig

Dreißig Jahre nach der Katastrophe ist Tschernobyl immer noch verseucht. Doch Tiere leben und Menschen arbeiten hier – und es kommen Touristen. Wer die Zone noch besichtigen möchte, sollte nicht mehr allzu lange überlegen.

          11 Min.

          Wir steigen auf keinen Fall aus“, hatten wir uns noch morgens beim Frühstück im Hotel geschworen. „Wir bleiben im Auto sitzen und schauen nur.“

          Die Kleidungsanweisungen der Agentur „Chernobyl Tours“, bei der wir einige Wochen zuvor unseren Tagesausflug gebucht hatten, sind angesichts dessen, dass wir vorhaben, in ein radioaktiv schwerverstrahltes Gebiet zu fahren, ziemlich lax: Lediglich lange Hosen (no shorts!) und festes Schuhwerk (no flip-flops, no sandals!) sind vorgeschrieben. Kein Wort von Schutzanzügen, Gesichtsmasken oder Handschuhen. Man solle in der Zone nur nicht von der Straße abweichen, immer nahe beim guide bleiben, nichts anfassen, keine Beeren oder Pilze essen und kein Wasser aus Flüssen oder Bächen trinken. Aber das hatten wir sowieso nicht vor.

          Mein Kollege Moritz hatte für alle Fälle noch OP-Mundschutz besorgt. Natürlich ist uns klar, dass uns weder lange Hosen noch ein lächerlicher Lappen vor dem Mund vor radioaktiven Strahlen schützen können. Aber vielleicht hilft das Auto. Das würden wir ja auf keinen Fall verlassen.

          Meine Ankündigung, nach Tschernobyl zu fahren, hatte im Bekannten- und Freundeskreis überwiegend Entsetzen ausgelöst. Touren dieser Art laufen in der Rubrik Katastrophentourismus und implizieren eine gewisse Waghalsigkeit und Lust, sein Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Dabei ist ein Trip nach Tschernobyl heute schon fast keine Besonderheit mehr. Seit Führungen durch die gesperrte Zone 2011 auch für den sogenannten Massentourismus freigegeben wurden, haben schon Zigtausende aus aller Welt vor dem zerstörten Reaktor gestanden und sind im verstrahlten Gebiet herumgestreift.

          60.000 Besucher pro Jahr

          Auch in den Jahren vorher wurden bereits Touren angeboten, an denen vor allem Wissenschaftler, Fotografen und Journalisten teilnahmen. Schon im Jahr 2009 sollen 7500 Touristen am Ort gewesen sein. Mittlerweile sollen die Besucherzahlen bei 60.000 pro Jahr liegen, die ukrainische Regierung würde die Zahl gern auf eine Million pro Jahr steigern. Denn die sogenannten Fallout-Touren sind ein lukratives Geschäft. Spätestens seit dem Verlust der Krim sind sie wahrscheinlich eines der attraktivsten und zudem spektakulärsten Angebote für Touristen in der Ukraine, die dringend benötigte Devisen in die leere Staatskasse spülen.

          Um 8 Uhr morgens geht es los. Vor unserem Kiewer Hotel wartet bereits ein Mitarbeiter von „Chernobyl Tours“, um uns die Dosimeter zu erklären, die wir für je 15 Euro gemietet haben. Sie werden uns nicht nur den Tag über informieren, wie hoch gerade die radioaktive Strahlung unserer direkten Umgebung ist, sondern am Ende auch die von unseren Körpern aufgenommene Dosis summieren. So werden wir gleich erfahren, ob wir komplett verstrahlt sind oder nur ein bisschen.

          Die Tour kostet für Westler pro Nase um die 200 Dollar, bei Gruppenreisen wird es um etwa die Hälfte günstiger. Es ist ein sonniger Morgen. Der Führer, der uns durch die Todeszone führen wird, erwartet uns am ersten Checkpoint kurz vor dem Ort Tschernobyl.

          Verseucht für Tausende von Jahren

          Knapp zwei Stunden haben wir gebraucht für die rund 110 Kilometer von Kiew bis zum Beginn des 30-Kilometer-Sperrings, der den Beginn des nuklear kontaminierten Areals markiert. Die Fahrt führt über schlecht asphaltierte Straßen vorbei an Wäldern, Feldern mit Korn- und Sonnenblumen sowie Dörfern, in denen Bäuerinnen am Straßenrand Obst und Gemüse anbieten und Bauern meterhoch mit Stroh beladene Pferdefuhrwerke durch die Gegend manövrieren.

          Die Ukraine hat dank ihrer Schwarzerden die ertragreichsten Ackerböden der Welt, angesichts der blühenden Pracht erklärt sich auch der Name „Kornkammer Europas“. Seit Tschernobyl ist ein großer Teil dieses fruchtbaren Landes für Tausende von Jahren radioaktiv verseucht.

          Am ersten Checkpoint, der den Beginn der Sperrzone markiert, treffen wir unseren Führer Yuri, einen durchtrainierten Enddreißiger mit Militärkäppi und Tarnhose. Ukrainische Militärangehörige kontrollieren unsere Pässe und Genehmigungen zum Betreten der Zone. Yuri erzählt, dass er die Touren seit 15 Jahren mache, meistens zwanzig Tage im Monat, sommers wie winters. Früher habe er in einem IT-Büro in Kiew gearbeitet, aber auf Dauer sei die Büroarbeit nichts für ihn gewesen. Er sei lieber draußen in der Natur - wobei ihm natürlich klar ist, dass die Luft hier alles andere als frisch ist. Krank sei er bisher nicht geworden, sagt er; wie sich sein Job langfristig auf seine Gesundheit auswirkt, weiß er allerdings nicht. Er scheint sich darüber keine großen Gedanken zu machen.

          Unfall erst nach drei Tagen eingeräumt

          Dreißig Jahre ist es jetzt her, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 im Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl durch menschliches Versagen eine Kernschmelze ausgelöst wurde. Sie verursachte die bis dahin größte Katastrophe in der Geschichte der friedlichen Atomnutzung. Bei dem GAU wurde 1500 Mal mehr Radioaktivität freigesetzt als beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Die sowjetische Regierung, an deren Spitze damals seit einem Jahr Michail Gorbatschow stand, verhängte eine Informationssperre.

          Erst als drei Tage später in einem schwedischen Kernkraftwerk und dann auch in vielen weiteren Teilen Westeuropas erhöhte radioaktive Strahlung gemessen und der Ursache auf den Grund gegangen wurde, räumten die Sowjets ein, dass es einen Unfall gegeben habe.

          Nur nach und nach wurden weitere Details bekannt, die die Dimension der Katastrophe langsam erahnen ließen. Die wurde vor allem dadurch verursacht, dass sich die Sowjetregierung aus Kostengründen die schützende Hülle um ihren Vorzeigereaktor gespart hatte, das sogenannte „containment“. Es hätte als zweite, weitaus stabilere Haut verhindert, dass nach der Explosion, die ein riesiges Loch in den Reaktor riss, radioaktive Strahlen in die Umwelt gelangten.

          Niemand sagte, wie gefährlich es war

          Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung verhielt sich die Regierung restriktiv. Die vier Kilometer entfernte Stadt Prypjat war erst 1970 eigens für die Belegschaft des Atomkraftwerks gebaut worden. 1986 lebten hier fast 50.000 Menschen mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren, fast alle arbeiteten im Kernkraftwerk. Prypjat galt damals als modernste Stadt der Sowjetunion, es gab zahlreiche Kultur- und Sportangebote, am 1. Mai sollte anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit ein Rummelplatz mit Riesenrad, Schiffschaukel und Autoscooter eröffnet werden.

          Für die nächsten Jahre war ein weiterer Ausbau des Kernkraftwerks geplant, was auch ein Anwachsen von Prypjat bedeutet hätte. Das entsprechende Gelände für weitere sozialistische Plattenbauten war bereits vorbereitet.

          Als der Reaktor explodierte, rückten die Männer der Umgebung umgehend an und begannen ohne jedwede Schutzmaßnahmen mit den Lösch- und Rettungsmaßnahmen. Ihre Frauen und Kinder standen derweil an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauten auf das Kraftwerk, das durch das ausgebrochene Feuer hell erleuchtet war. Die Rauchwolke transportierte riesige Mengen an nuklearem Material in die Atmosphäre und ließ es auch auf Pripyat und seine Bewohner rieseln. Doch niemand sagte ihnen, was passiert und wie gefährlich es war.

          Die Wolke zog Richtung Weißrussland

          Erst nach 36 Stunden wurde Prypjat evakuiert. Da waren die ersten Männer schon gestorben, andere lagen aufgedunsen und dem Tode geweiht in verschiedenen Krankenhäusern. Die Bevölkerung von Prypjat musste ihre Wohnungen Hals über Kopf verlassen und wurde in 1200 Bussen abtransportiert. Nichts durfte mitgenommen werden. Die Evakuierung, hieß es, sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, in drei Tagen könnten alle wieder zurückkehren. Doch niemand kehrte jemals zurück.

          In den nächsten Monaten wurden rund 260.000 weitere Bewohner aus der 30-Kilometer-Zone evakuiert und viele Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Kurz hinter dem Ort Tschernobyl erinnern daran ein Mahnmal aus Beton und eine Allee mit den Namen von 98 verlassenen und zerstörten Orten. Manche sehen in der Katastrophe von Tschernobyl den sozialpolitischen Katalysator für den Untergang der Sowjetunion.

          Die Nuklearwolke zog damals nach Norden Richtung Weißrussland, verschonte die großen Städte der Ukraine und kontaminierte dafür große Teile des Nachbarlandes. Die im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch hat in ihrem Buch „Tschernobyl“ die Schicksale der weißrussischen Opfer auf erschütternde Weise dokumentiert.

          Atomkraftgegner bekamen Aufwind

          Weißrussland wurde damals umfassender verseucht als die Ukraine: über 7000 Quadratkilometer verstrahltes Gebiet, Hunderte zerstörter, unbewohnbarer Dörfer, von den rund zehn Millionen Weißrussen waren zwei Millionen akut gefährdet. Bis heute leiden die Weißrussen weit mehr unter den Folgen von Tschernobyl als ihre Nachbarn.

          Bis zum GAU hatten die meisten Westeuropäer den Namen Tschernobyl noch nie gehört. Kaum jemand hatte eine Vorstellung von dem mysteriösen, todbringenden Ort hinter dem Eisernen Vorhang. Die wildesten Gerüchte wurden verbreitet, Angst machte sich breit. Pilze, Beeren, Wildfleisch, Gänse aus Polen und Milch von frei grasenden Kühen unterlagen strengen Kontrollen oder verschwanden von vielen Speisezetteln. Frisches Gemüse galt als kritisch.

          Die Atomkraftgegner bekamen Aufwind. Mütter bangten um die Gesundheit ihrer Kinder und die Folgen für die Ungeborenen. Manche schluckten aus Angst vor den Strahlen so viele Jodtabletten, dass sie mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Das Thema beherrschte auf Jahre Medien und Gesellschaft. Niemand konnte sich wohl damals vorstellen, eines Tages als normaler Tourist nach Tschernobyl zu fahren, ganz so, als unternehme man einen Ausflug nach Disneyland.

          Mehr Radioaktivität bei einem Transatlantikflug

          Wissenschaftler und Fotografen besuchen bereits seit Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre das radioaktiv verseuchte Gebiet. Manche, erzählt Yuri, buchten ihn seit Jahren regelmäßig, und sie blieben nicht selten mehrere Tage. 2012 gehörten Tschernobyl-Touren sogar zum offiziellen Fußball-EM-Tourismusprogramm der Ukraine. Dabei zählt das Gebiet laut der Umweltorganisation Blacksmith Institute noch immer zu den zehn Orten auf der Welt mit der größten Umweltverschmutzung.

          Ob ein Aufenthalt dort, egal ob wenige Stunden oder Tage, für den menschlichen Organismus gefährlich ist, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Der Standardsatz der ukrainischen Führer lautet, dass man während einer Tschernobyl-Tagestour weniger Radioaktivität aufnehme als während eines Transatlantikfluges - und das stimmt wahrscheinlich auch.

          Im Reaktor 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl kam es am 26. April 1986 zur verhängnisvollen Kernschmelze.

          Unser Dosimeter zeigt am Ende des Tages eine Strahlendosis von 0,002 Sievert (2 Millisievert) an, was in der Tat einem Langstreckenflug oder einmal Röntgen beim Zahnarzt entspricht. Auf den mehrfach geteerten Straßen, auf denen wir uns die meiste Zeit aufhalten, zeigt unser Dosimeter kaum erhöhte Strahlung an.

          Tiere zeigen keine Auffälligkeiten

          Ein paar Meter weiter kann das aber schon anders sein. Denn die Radioaktivität schwebt nicht wie eine Riesenwolke gleichmäßig über dem Gebiet, sondern befindet sich im Boden und in den Pflanzen. Und so kann es passieren, dass man auf einer Stelle steht, auf der es kaum Radioaktivität gibt, man aber nur zwei Schritte gehen und den Arm ausstrecken muss, damit die Werte steil in die Höhe schießen. Trotzdem lebt in diesen Gebieten - etwa im Roten Wald, einem der am stärksten verstrahlten Gebiete der Zone - eine Vielzahl von Tierarten.

          Zudem gibt es keinen bekannten Fall, in dem ein Wissenschaftler durch seine Arbeit in der verbotenen Zone gesundheitliche Schäden davongetragen hätte. Und auch die vielen, oft seltenen Tiere wie Luchse, Bären, Elche oder Przewalski-Pferde, die sich in dem fast menschenleeren Gebiet immer weiter ausbreiten, sind zwar nuklear belastet, zeigen laut den Aussagen verschiedener Wissenschaftler aber weder Mutationen noch irgendwelche anderen Auffälligkeiten.

          Wenige Kilometer nach dem ersten Checkpoint erreichen wir den Ort Tschernobyl. Wir halten an einer Art Einkaufsladen. Es ist die letzte Möglichkeit, Snacks und Wasser zu kaufen. Vor der Tür liegt ein Hund in der Sonne und begrüßt die Neuankömmlinge mit einem schlappen Schwanzwedeln. Wir verzichten auf Lebensmittel.

          Es ist atemberaubend schön

          Der Ort wirkt menschenleer, die Häuser verlassen und leicht marode. Dabei leben hier die meisten der 2000 bis 3000 Arbeiter, die bis heute im Kernkraftwerk arbeiten. Auch Yuri hat hier ein Apartment. In seiner Kiewer Wohnung, sagt er, sei er hingegen nur selten.

          Auf dem Weg zum Reaktor halten wir noch zweimal an. Unser Vorsatz, nicht auszusteigen, ist vergessen. Ohne zu zögern, folgen wir Yuri in den sonnendurchfluteten, dichtbegrünten Wald. Er zeigt uns die Überreste zweier Dörfer, die überwuchert sind von Bäumen und Büschen. Vor allem Birken wachsen hier - vor den Häusern, in den Häusern, auf den Häusern. Hier sei einmal die Bank, dort der Kaufladen, hier ein Kulturhaus, da ein Kinderheim gewesen, erklärt Yuri.

          Soll bald fertiggestellt sein: die Sarkophag genannte Schutzhülle

          Manche Gebäude sehen wir nur von außen, in andere dürfen wir hinein. Die Böden sind morsch, man muss ein wenig aufpassen, überall stehen noch Tische, Stühle, Betten, liegen Bücher und Spielzeug herum. Durch die brüchigen Böden und Mauern des Kulturhauses schimmert noch immer der Glanz einer versunkenen Pracht. Es ist atemberaubend schön.

          Mittendrin in der Geschichte

          Von der Reaktoranlage taucht zuerst die weiße Kuppel des noch im Bau befindlichen Sarkophags am Horizont auf. Sie ist 110 Meter hoch, 30 Tonnen schwer und kostet 1,5 Milliarden Euro. In spätestens zwei Jahren soll sie über den Reaktor 4 gezogen werden und dann für 100 Jahre verhindern, dass weiter Radioaktivität austritt. 43 Länder beteiligen sich an der Finanzierung. Was nach Ablauf der 100 Jahre passiert, die die doppelwandige Hülle halten soll, und wer in dieser Zeit für die Kosten für Betrieb und Instandhaltung aufkommen soll, ist ungeklärt.

          Reaktor 4 selbst ist viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe, eigentlich sieht er aus wie eine alte Ziegelei. Wir betrachten ihn von einem Mahnmal aus in einem Abstand von etwa 100 Metern, näher dürfen wir nicht heran. Es ist, als stünde man im Krater der zusammengestürzten Twin Towers, mittendrin in der Geschichte, die so viel Leid mit sich gebracht hat und die Welt verändert hat.

          Heute stehen die Leute davor, bestaunen die Reste und lesen die Tafeln, die in mehreren Sprachen die toten Helden besingen. Arbeiter gehen plaudernd in Gruppen über das Gelände, sie kommen aus aller Herren Ländern, Ost wie West. Jobs in Tschernobyl seien begehrt, sagt Yuri: überdurchschnittlich gut bezahlt, und wegen der Strahlenbelastung arbeitet man nur alle zwei Wochen.

          Breite Mäuler im Abklingbecken

          Es ist ein seltsames Gefühl, so dicht vor dem Reaktor zu stehen. Das Grauen ist noch immer da. Es ist da in Gestalt eines stetig wachsenden Lecks, aus dem bis heute Radioaktivität aus dem Gebäude weicht, direkt in den Boden, in die Luft und ins Wasser. Direkt am Reaktor ist die Verstrahlung am höchsten, so hoch, dass sich niemand ohne Schutzanzug längere Zeit hier aufhalten kann. Aber oben auf dem Dach des kaputten Meilers nisten Vögel und ziehen ihre Jungen auf. Man fragt sich, wie das möglich ist.

          Etwa 100 Meter weiter führt uns Yuri auf eine Eisenbrücke, die über ein Abklingbecken führt. Die Ufer sind schwarz, und das Schwarze bewegt sich: Es sind Fische. So viele, dass man fast den Eindruck hat, es handele sich um überdimensionale Kaulquappen. Yuri beginnt, Brocken aus einem Weißbrotlaib ins Wasser zu werfen.

          Sofort tauchen große, breite Mäuler aus dem Wasser und verschlingen sie mit einem Schmatz: Welse, die meisten zwei Meter oder länger. Majestätisch gleiten sie umeinander und schnappen sich ihre Portionen. Sie sehen phantastisch aus, schwarz, glänzend und gut genährt, ohne sichtbare Mutationen, durch keine Beulen oder Geschwüre verunstaltet.

          Ein Eldorado für Wissenschaftler

          „Das Wasser ist total kontaminiert, die Fische sind reine Atomkraftwerke“, sagt Yuri grinsend, „die haben bestimmt 50.000 bis 100.000 Becquerel intus.“ Würde ein Mensch ins Wasser springen oder einen der Fische essen, wäre er vermutlich des Todes. Die Fische jedoch, die in dem Wasser geboren werden und darin aufwachsen, sind gegen die Radioaktivität offenbar resistent. Ähnlich ist es mit den anderen Tieren.

          Bis heute versuchen Wissenschaftler das Rätsel zu lösen, warum die Tiere in einer Umgebung überleben und sich sogar fortpflanzen, in der die radioaktive Strahlung etwa tausendmal höher ist als normalerweise. Für Wissenschaftler ist die Todeszone ein Eldorado, ein einzigartiges Freiluftlabor, in dem sie die Auswirkungen nuklearen Fallouts auf Fauna und Flora unter Realbedingungen testen können.

          In der früheren Schule im vier Kilometer vom Atomkraftwerk entfernten Prypjat. Die Verwüstungen sind auf Vandalismus zurückzuführen.

          Als wir nach Prypjat kommen, legen wir unseren Mundschutz an. Wir wollen möglichst wenig kontaminierten Staub einatmen. Laubbäume schmücken die Straßen und Plätze, sie erobern die Turnhalle und das ehemalige Kulturzentrum mit seinen bröckelnden Wandmalereien, schmiegen sich an die Wände und siedeln sich auf Mauern und Dächern an. Dort ist die vielbeschriebene und tausendfach fotografierte Geisterstadt mit dem Riesenrad, dem Autoscooter, der Schiffschaukel.

          Mahnmal der Überheblichkeit

          In der Schule liegen Hunderte von Kindergasmasken (welche die Kinder für den Fall eines Angriffs des westlichen Feindes schützen sollten, nicht vor radioaktiver Strahlung), es wirkt wie eine Installation. Bücher, Hefte und das gesamte Mobiliar sind wild verstreut, die Fenster sind zu Scherben zerborsten. Es sieht aus, als habe es eine große Detonation gegeben, die alles herumwirbelte, aber die Verwüstungen wurden durch Menschen verursacht. Es wird auch viel geplündert in Prypjat und den anderen Orten, trotz der hohen Verstrahlung.

          Der Ort ist ein einzigartiges Mahnmal der Überheblichkeit des menschlichen Geistes und seines Scheiterns. Durch seine idyllische Schönheit hat er mit landläufigen Vorstellungen von apokalyptischen, atomverseuchten Wüstenlandschaften nichts gemein. Ein Ort, der Demut lehrt und zeigt, dass die Natur und alles, was in ihr kreucht und fleucht, viel stärker ist als der Mensch. Und so ist auch die einst hochmoderne, gesichtslose Plattenbaustadt Prypjat heute, durchwirkt vom hellen Grün der Bäume und Sträucher, viel schöner als vor dreißig Jahren.

          Wer es sehen will, sollte sich beeilen

          Aber wie lange wird es diesen Ort noch geben? Die Mauern bröckeln, der Stahl rostet, und irgendwann werden die ersten Häuser zusammenfallen. Deshalb kämpft das öffentliche Projekt Pripyat.com, 2004 von ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt gegründet, dafür, die Stadt als Museum und Mahnmal zu erhalten. Wie man das angesichts der hohen Verstrahlung und der immensen Kosten anstellen soll, ist allerdings offen.

          So steht zu befürchten, dass schon bald die ersten der seit drei Jahrzehnten unbewohnten, unbeheizten und Regen, Schnee und Kälte ausgesetzten Gebäude in sich zusammenfallen werden. Dass die Stadt für Touristen gesperrt wird, weil die Einsturzgefahr zu hoch ist. Dass Prypjat irgendwann nur noch auf den Fotos und Filmen im Netz existiert. Wer es mit eigenen Augen sehen möchte, sollte sich also beeilen: Besuchen Sie Tschernobyl, solange es noch steht.

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