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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

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Bis heute versuchen Wissenschaftler das Rätsel zu lösen, warum die Tiere in einer Umgebung überleben und sich sogar fortpflanzen, in der die radioaktive Strahlung etwa tausendmal höher ist als normalerweise. Für Wissenschaftler ist die Todeszone ein Eldorado, ein einzigartiges Freiluftlabor, in dem sie die Auswirkungen nuklearen Fallouts auf Fauna und Flora unter Realbedingungen testen können.

In der früheren Schule im vier Kilometer vom Atomkraftwerk entfernten Prypjat. Die Verwüstungen sind auf Vandalismus zurückzuführen.

Als wir nach Prypjat kommen, legen wir unseren Mundschutz an. Wir wollen möglichst wenig kontaminierten Staub einatmen. Laubbäume schmücken die Straßen und Plätze, sie erobern die Turnhalle und das ehemalige Kulturzentrum mit seinen bröckelnden Wandmalereien, schmiegen sich an die Wände und siedeln sich auf Mauern und Dächern an. Dort ist die vielbeschriebene und tausendfach fotografierte Geisterstadt mit dem Riesenrad, dem Autoscooter, der Schiffschaukel.

Mahnmal der Überheblichkeit

In der Schule liegen Hunderte von Kindergasmasken (welche die Kinder für den Fall eines Angriffs des westlichen Feindes schützen sollten, nicht vor radioaktiver Strahlung), es wirkt wie eine Installation. Bücher, Hefte und das gesamte Mobiliar sind wild verstreut, die Fenster sind zu Scherben zerborsten. Es sieht aus, als habe es eine große Detonation gegeben, die alles herumwirbelte, aber die Verwüstungen wurden durch Menschen verursacht. Es wird auch viel geplündert in Prypjat und den anderen Orten, trotz der hohen Verstrahlung.

Der Ort ist ein einzigartiges Mahnmal der Überheblichkeit des menschlichen Geistes und seines Scheiterns. Durch seine idyllische Schönheit hat er mit landläufigen Vorstellungen von apokalyptischen, atomverseuchten Wüstenlandschaften nichts gemein. Ein Ort, der Demut lehrt und zeigt, dass die Natur und alles, was in ihr kreucht und fleucht, viel stärker ist als der Mensch. Und so ist auch die einst hochmoderne, gesichtslose Plattenbaustadt Prypjat heute, durchwirkt vom hellen Grün der Bäume und Sträucher, viel schöner als vor dreißig Jahren.

Wer es sehen will, sollte sich beeilen

Aber wie lange wird es diesen Ort noch geben? Die Mauern bröckeln, der Stahl rostet, und irgendwann werden die ersten Häuser zusammenfallen. Deshalb kämpft das öffentliche Projekt Pripyat.com, 2004 von ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt gegründet, dafür, die Stadt als Museum und Mahnmal zu erhalten. Wie man das angesichts der hohen Verstrahlung und der immensen Kosten anstellen soll, ist allerdings offen.

So steht zu befürchten, dass schon bald die ersten der seit drei Jahrzehnten unbewohnten, unbeheizten und Regen, Schnee und Kälte ausgesetzten Gebäude in sich zusammenfallen werden. Dass die Stadt für Touristen gesperrt wird, weil die Einsturzgefahr zu hoch ist. Dass Prypjat irgendwann nur noch auf den Fotos und Filmen im Netz existiert. Wer es mit eigenen Augen sehen möchte, sollte sich also beeilen: Besuchen Sie Tschernobyl, solange es noch steht.

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