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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

  • -Aktualisiert am
Soll bald fertiggestellt sein: die Sarkophag genannte Schutzhülle

Manche Gebäude sehen wir nur von außen, in andere dürfen wir hinein. Die Böden sind morsch, man muss ein wenig aufpassen, überall stehen noch Tische, Stühle, Betten, liegen Bücher und Spielzeug herum. Durch die brüchigen Böden und Mauern des Kulturhauses schimmert noch immer der Glanz einer versunkenen Pracht. Es ist atemberaubend schön.

Mittendrin in der Geschichte

Von der Reaktoranlage taucht zuerst die weiße Kuppel des noch im Bau befindlichen Sarkophags am Horizont auf. Sie ist 110 Meter hoch, 30 Tonnen schwer und kostet 1,5 Milliarden Euro. In spätestens zwei Jahren soll sie über den Reaktor 4 gezogen werden und dann für 100 Jahre verhindern, dass weiter Radioaktivität austritt. 43 Länder beteiligen sich an der Finanzierung. Was nach Ablauf der 100 Jahre passiert, die die doppelwandige Hülle halten soll, und wer in dieser Zeit für die Kosten für Betrieb und Instandhaltung aufkommen soll, ist ungeklärt.

Reaktor 4 selbst ist viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe, eigentlich sieht er aus wie eine alte Ziegelei. Wir betrachten ihn von einem Mahnmal aus in einem Abstand von etwa 100 Metern, näher dürfen wir nicht heran. Es ist, als stünde man im Krater der zusammengestürzten Twin Towers, mittendrin in der Geschichte, die so viel Leid mit sich gebracht hat und die Welt verändert hat.

Heute stehen die Leute davor, bestaunen die Reste und lesen die Tafeln, die in mehreren Sprachen die toten Helden besingen. Arbeiter gehen plaudernd in Gruppen über das Gelände, sie kommen aus aller Herren Ländern, Ost wie West. Jobs in Tschernobyl seien begehrt, sagt Yuri: überdurchschnittlich gut bezahlt, und wegen der Strahlenbelastung arbeitet man nur alle zwei Wochen.

Breite Mäuler im Abklingbecken

Es ist ein seltsames Gefühl, so dicht vor dem Reaktor zu stehen. Das Grauen ist noch immer da. Es ist da in Gestalt eines stetig wachsenden Lecks, aus dem bis heute Radioaktivität aus dem Gebäude weicht, direkt in den Boden, in die Luft und ins Wasser. Direkt am Reaktor ist die Verstrahlung am höchsten, so hoch, dass sich niemand ohne Schutzanzug längere Zeit hier aufhalten kann. Aber oben auf dem Dach des kaputten Meilers nisten Vögel und ziehen ihre Jungen auf. Man fragt sich, wie das möglich ist.

Etwa 100 Meter weiter führt uns Yuri auf eine Eisenbrücke, die über ein Abklingbecken führt. Die Ufer sind schwarz, und das Schwarze bewegt sich: Es sind Fische. So viele, dass man fast den Eindruck hat, es handele sich um überdimensionale Kaulquappen. Yuri beginnt, Brocken aus einem Weißbrotlaib ins Wasser zu werfen.

Sofort tauchen große, breite Mäuler aus dem Wasser und verschlingen sie mit einem Schmatz: Welse, die meisten zwei Meter oder länger. Majestätisch gleiten sie umeinander und schnappen sich ihre Portionen. Sie sehen phantastisch aus, schwarz, glänzend und gut genährt, ohne sichtbare Mutationen, durch keine Beulen oder Geschwüre verunstaltet.

Ein Eldorado für Wissenschaftler

„Das Wasser ist total kontaminiert, die Fische sind reine Atomkraftwerke“, sagt Yuri grinsend, „die haben bestimmt 50.000 bis 100.000 Becquerel intus.“ Würde ein Mensch ins Wasser springen oder einen der Fische essen, wäre er vermutlich des Todes. Die Fische jedoch, die in dem Wasser geboren werden und darin aufwachsen, sind gegen die Radioaktivität offenbar resistent. Ähnlich ist es mit den anderen Tieren.

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