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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

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Mehr Radioaktivität bei einem Transatlantikflug

Wissenschaftler und Fotografen besuchen bereits seit Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre das radioaktiv verseuchte Gebiet. Manche, erzählt Yuri, buchten ihn seit Jahren regelmäßig, und sie blieben nicht selten mehrere Tage. 2012 gehörten Tschernobyl-Touren sogar zum offiziellen Fußball-EM-Tourismusprogramm der Ukraine. Dabei zählt das Gebiet laut der Umweltorganisation Blacksmith Institute noch immer zu den zehn Orten auf der Welt mit der größten Umweltverschmutzung.

Ob ein Aufenthalt dort, egal ob wenige Stunden oder Tage, für den menschlichen Organismus gefährlich ist, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Der Standardsatz der ukrainischen Führer lautet, dass man während einer Tschernobyl-Tagestour weniger Radioaktivität aufnehme als während eines Transatlantikfluges - und das stimmt wahrscheinlich auch.

Im Reaktor 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl kam es am 26. April 1986 zur verhängnisvollen Kernschmelze.

Unser Dosimeter zeigt am Ende des Tages eine Strahlendosis von 0,002 Sievert (2 Millisievert) an, was in der Tat einem Langstreckenflug oder einmal Röntgen beim Zahnarzt entspricht. Auf den mehrfach geteerten Straßen, auf denen wir uns die meiste Zeit aufhalten, zeigt unser Dosimeter kaum erhöhte Strahlung an.

Tiere zeigen keine Auffälligkeiten

Ein paar Meter weiter kann das aber schon anders sein. Denn die Radioaktivität schwebt nicht wie eine Riesenwolke gleichmäßig über dem Gebiet, sondern befindet sich im Boden und in den Pflanzen. Und so kann es passieren, dass man auf einer Stelle steht, auf der es kaum Radioaktivität gibt, man aber nur zwei Schritte gehen und den Arm ausstrecken muss, damit die Werte steil in die Höhe schießen. Trotzdem lebt in diesen Gebieten - etwa im Roten Wald, einem der am stärksten verstrahlten Gebiete der Zone - eine Vielzahl von Tierarten.

Zudem gibt es keinen bekannten Fall, in dem ein Wissenschaftler durch seine Arbeit in der verbotenen Zone gesundheitliche Schäden davongetragen hätte. Und auch die vielen, oft seltenen Tiere wie Luchse, Bären, Elche oder Przewalski-Pferde, die sich in dem fast menschenleeren Gebiet immer weiter ausbreiten, sind zwar nuklear belastet, zeigen laut den Aussagen verschiedener Wissenschaftler aber weder Mutationen noch irgendwelche anderen Auffälligkeiten.

Wenige Kilometer nach dem ersten Checkpoint erreichen wir den Ort Tschernobyl. Wir halten an einer Art Einkaufsladen. Es ist die letzte Möglichkeit, Snacks und Wasser zu kaufen. Vor der Tür liegt ein Hund in der Sonne und begrüßt die Neuankömmlinge mit einem schlappen Schwanzwedeln. Wir verzichten auf Lebensmittel.

Es ist atemberaubend schön

Der Ort wirkt menschenleer, die Häuser verlassen und leicht marode. Dabei leben hier die meisten der 2000 bis 3000 Arbeiter, die bis heute im Kernkraftwerk arbeiten. Auch Yuri hat hier ein Apartment. In seiner Kiewer Wohnung, sagt er, sei er hingegen nur selten.

Auf dem Weg zum Reaktor halten wir noch zweimal an. Unser Vorsatz, nicht auszusteigen, ist vergessen. Ohne zu zögern, folgen wir Yuri in den sonnendurchfluteten, dichtbegrünten Wald. Er zeigt uns die Überreste zweier Dörfer, die überwuchert sind von Bäumen und Büschen. Vor allem Birken wachsen hier - vor den Häusern, in den Häusern, auf den Häusern. Hier sei einmal die Bank, dort der Kaufladen, hier ein Kulturhaus, da ein Kinderheim gewesen, erklärt Yuri.

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