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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

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Für die nächsten Jahre war ein weiterer Ausbau des Kernkraftwerks geplant, was auch ein Anwachsen von Prypjat bedeutet hätte. Das entsprechende Gelände für weitere sozialistische Plattenbauten war bereits vorbereitet.

Als der Reaktor explodierte, rückten die Männer der Umgebung umgehend an und begannen ohne jedwede Schutzmaßnahmen mit den Lösch- und Rettungsmaßnahmen. Ihre Frauen und Kinder standen derweil an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauten auf das Kraftwerk, das durch das ausgebrochene Feuer hell erleuchtet war. Die Rauchwolke transportierte riesige Mengen an nuklearem Material in die Atmosphäre und ließ es auch auf Pripyat und seine Bewohner rieseln. Doch niemand sagte ihnen, was passiert und wie gefährlich es war.

Die Wolke zog Richtung Weißrussland

Erst nach 36 Stunden wurde Prypjat evakuiert. Da waren die ersten Männer schon gestorben, andere lagen aufgedunsen und dem Tode geweiht in verschiedenen Krankenhäusern. Die Bevölkerung von Prypjat musste ihre Wohnungen Hals über Kopf verlassen und wurde in 1200 Bussen abtransportiert. Nichts durfte mitgenommen werden. Die Evakuierung, hieß es, sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, in drei Tagen könnten alle wieder zurückkehren. Doch niemand kehrte jemals zurück.

In den nächsten Monaten wurden rund 260.000 weitere Bewohner aus der 30-Kilometer-Zone evakuiert und viele Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Kurz hinter dem Ort Tschernobyl erinnern daran ein Mahnmal aus Beton und eine Allee mit den Namen von 98 verlassenen und zerstörten Orten. Manche sehen in der Katastrophe von Tschernobyl den sozialpolitischen Katalysator für den Untergang der Sowjetunion.

Die Nuklearwolke zog damals nach Norden Richtung Weißrussland, verschonte die großen Städte der Ukraine und kontaminierte dafür große Teile des Nachbarlandes. Die im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch hat in ihrem Buch „Tschernobyl“ die Schicksale der weißrussischen Opfer auf erschütternde Weise dokumentiert.

Atomkraftgegner bekamen Aufwind

Weißrussland wurde damals umfassender verseucht als die Ukraine: über 7000 Quadratkilometer verstrahltes Gebiet, Hunderte zerstörter, unbewohnbarer Dörfer, von den rund zehn Millionen Weißrussen waren zwei Millionen akut gefährdet. Bis heute leiden die Weißrussen weit mehr unter den Folgen von Tschernobyl als ihre Nachbarn.

Bis zum GAU hatten die meisten Westeuropäer den Namen Tschernobyl noch nie gehört. Kaum jemand hatte eine Vorstellung von dem mysteriösen, todbringenden Ort hinter dem Eisernen Vorhang. Die wildesten Gerüchte wurden verbreitet, Angst machte sich breit. Pilze, Beeren, Wildfleisch, Gänse aus Polen und Milch von frei grasenden Kühen unterlagen strengen Kontrollen oder verschwanden von vielen Speisezetteln. Frisches Gemüse galt als kritisch.

Die Atomkraftgegner bekamen Aufwind. Mütter bangten um die Gesundheit ihrer Kinder und die Folgen für die Ungeborenen. Manche schluckten aus Angst vor den Strahlen so viele Jodtabletten, dass sie mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Das Thema beherrschte auf Jahre Medien und Gesellschaft. Niemand konnte sich wohl damals vorstellen, eines Tages als normaler Tourist nach Tschernobyl zu fahren, ganz so, als unternehme man einen Ausflug nach Disneyland.

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