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Tschernobyl : Eine Reise in die Zone

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Verseucht für Tausende von Jahren

Knapp zwei Stunden haben wir gebraucht für die rund 110 Kilometer von Kiew bis zum Beginn des 30-Kilometer-Sperrings, der den Beginn des nuklear kontaminierten Areals markiert. Die Fahrt führt über schlecht asphaltierte Straßen vorbei an Wäldern, Feldern mit Korn- und Sonnenblumen sowie Dörfern, in denen Bäuerinnen am Straßenrand Obst und Gemüse anbieten und Bauern meterhoch mit Stroh beladene Pferdefuhrwerke durch die Gegend manövrieren.

Die Ukraine hat dank ihrer Schwarzerden die ertragreichsten Ackerböden der Welt, angesichts der blühenden Pracht erklärt sich auch der Name „Kornkammer Europas“. Seit Tschernobyl ist ein großer Teil dieses fruchtbaren Landes für Tausende von Jahren radioaktiv verseucht.

Am ersten Checkpoint, der den Beginn der Sperrzone markiert, treffen wir unseren Führer Yuri, einen durchtrainierten Enddreißiger mit Militärkäppi und Tarnhose. Ukrainische Militärangehörige kontrollieren unsere Pässe und Genehmigungen zum Betreten der Zone. Yuri erzählt, dass er die Touren seit 15 Jahren mache, meistens zwanzig Tage im Monat, sommers wie winters. Früher habe er in einem IT-Büro in Kiew gearbeitet, aber auf Dauer sei die Büroarbeit nichts für ihn gewesen. Er sei lieber draußen in der Natur - wobei ihm natürlich klar ist, dass die Luft hier alles andere als frisch ist. Krank sei er bisher nicht geworden, sagt er; wie sich sein Job langfristig auf seine Gesundheit auswirkt, weiß er allerdings nicht. Er scheint sich darüber keine großen Gedanken zu machen.

Unfall erst nach drei Tagen eingeräumt

Dreißig Jahre ist es jetzt her, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 im Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl durch menschliches Versagen eine Kernschmelze ausgelöst wurde. Sie verursachte die bis dahin größte Katastrophe in der Geschichte der friedlichen Atomnutzung. Bei dem GAU wurde 1500 Mal mehr Radioaktivität freigesetzt als beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Die sowjetische Regierung, an deren Spitze damals seit einem Jahr Michail Gorbatschow stand, verhängte eine Informationssperre.

Erst als drei Tage später in einem schwedischen Kernkraftwerk und dann auch in vielen weiteren Teilen Westeuropas erhöhte radioaktive Strahlung gemessen und der Ursache auf den Grund gegangen wurde, räumten die Sowjets ein, dass es einen Unfall gegeben habe.

Nur nach und nach wurden weitere Details bekannt, die die Dimension der Katastrophe langsam erahnen ließen. Die wurde vor allem dadurch verursacht, dass sich die Sowjetregierung aus Kostengründen die schützende Hülle um ihren Vorzeigereaktor gespart hatte, das sogenannte „containment“. Es hätte als zweite, weitaus stabilere Haut verhindert, dass nach der Explosion, die ein riesiges Loch in den Reaktor riss, radioaktive Strahlen in die Umwelt gelangten.

Niemand sagte, wie gefährlich es war

Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung verhielt sich die Regierung restriktiv. Die vier Kilometer entfernte Stadt Prypjat war erst 1970 eigens für die Belegschaft des Atomkraftwerks gebaut worden. 1986 lebten hier fast 50.000 Menschen mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren, fast alle arbeiteten im Kernkraftwerk. Prypjat galt damals als modernste Stadt der Sowjetunion, es gab zahlreiche Kultur- und Sportangebote, am 1. Mai sollte anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit ein Rummelplatz mit Riesenrad, Schiffschaukel und Autoscooter eröffnet werden.

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