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Beziehungen : Gehen oder bleiben?

„Viele haben im Bewusstsein, dass um die 30 herum der passende Partner gefunden sein sollte, wenn man Kinder plant, ist der Druck für Frauen höher“, sagt der Psychologe Guy Bodenmann. Bild: Thomas Fuchs

Die Frage kann man sich in jedem Alter stellen. Mit Ende zwanzig, Anfang dreißig aber ist sie besonders schwer zu beantworten. Weil vieles klar ist und zugleich wenig konkret.

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          Zum Beispiel der Streit wegen der Pulsuhr. Laura Kunze, damals 27 Jahre alt, studierte zu diesem Zeitpunkt in Wien und war für das Wochenende zu Besuch bei ihrem Freund in München. Dem Freund gefiel Laura Kunzes Pulsuhr so gut, dass er auch eine haben wollte. Da Kunzes Vater ein Geschäft für Sportartikel in Süddeutschland betrieb und die Uhren günstiger im Einkauf bekam, gab er der Tochter ein Exemplar für den Freund mit. An einem frühen Samstagabend saß Kunze noch über ihren Büchern, während ihr Freund gerade dabei war, die Pulsuhr zu installieren. „Er hat sie ausgepackt, aber sie funktionierte nicht“, erzählt Laura Kunze, heute 32. „Werksfehler, kann ja mal passieren.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Reklamationsstelle für die Pulsuhr war am Stadtrand von München. Um die Pulsuhr nicht wieder mit zurück nach Österreich nehmen zu müssen und sie dann ihrem Vater mehrere hundert Kilometer weit zu schicken, der sie dann wiederum nach Bayern einsenden würde, schlug Kunze vor, ihr Freund solle sie doch am Montag direkt von München aus dorthin schicken. „Daraufhin ist er ausgerastet. Er wolle sich darum nicht kümmern, mein Vater und ich hätten das Ding besorgt, also läge es nun auch an uns, dafür Sorge zu tragen.“

          Es gab einen Riesenstreit. Wegen einer Pulsuhr. Abends waren Freunde zum Grillen da. Für den nächsten Morgen hatte Laura Kunze, die wie alle Frauen in diesem Text eigentlich anders heißt, sich vorgenommen, mit ihm über seinen Mangel an Kooperationsbereitschaft zu sprechen. „Aber er wollte noch vor dem Frühstück ins Fitnessstudio, hat mich total gehetzt mitzukommen.“ Dann wurde es ihr zu viel. Sie verabschiedete sich und machte sich auf zum Bahnhof, um zurück nach Wien zu fahren. Ein paar Wochen lang hatten sie keinen Kontakt. Ein Jahr später waren die beiden verlobt.

          Ende 20, Anfang 30: Eine Zeit der Entscheidungen

          Gehen oder bleiben - natürlich stellt man sich vor jeder Trennung in jedem Alter diese Frage. Natürlich ist sie nie einfach zu beantworten, schon gar nicht, wenn es Kinder gibt, eine gemeinsame Existenz, man vielleicht mehr als ein halbes Leben zusammen verbracht hat.

          Aber mit Ende 20, Anfang 30 ist sie besonders schwer zu beantworten. In einer Zeit der Entscheidungen, wenn das Leben eigentlich gerade in die Spur kommen sollte, wenn ein grober Entwurf für die nächsten Jahrzehnte konkreter wird und womöglich plötzlich auf einen anderen Entwurf stößt. Wenn Kleinigkeiten auf einmal viel mehr als das sind, sie darauf hinweisen können, dass ein Leben mit dem Anderen in zehn, 20, 30 Jahren, wenn man sich einmal gebunden hat, unerträglich werden könnte. Wenn es darum geht einzuschätzen, wie schwerwiegend die Schwächen des Anderen sind. Mit welchen Macken kann man bestenfalls den Rest seines Lebens verbringen? Welche kann man abtun? Über welche hinweglächeln? Über welche nicht?

          Zu der Pulsuhr-Geschichte lassen sich in der Beziehung von Laura Kunze und ihrem Freund genauso viele Gegenbeispiele finden, die für das Bleiben sprechen. Gehen oder bleiben, es ist ein ständiges Einerseits, Andererseits. „Man überlegt sich, ob man mit dem aktuellen Partner eine verbindliche, auf Dauer angelegte Beziehung eingehen möchte und ob man allenfalls zu einer Ehe oder zu Kindern bereit wäre“, sagt der Psychologe und Paarforscher Guy Bodenmann von der Universität Zürich über diese Zeit, die heute typischerweise mit dem 30. Geburtstag beginnt. „Diese Fragen gehen implizit mit einem Test des Partners einher. Man überprüft sorgfältiger und kritischer, ob er sich für diese Perspektiven eignet, oder ob man die aktuelle Beziehung beenden und sich nochmals nach einem neuen, attraktiveren Partner umsehen soll.“

          Gehen oder bleiben - das fragt sich auch Johanna Ahlers, 32. Sie lebt seit sieben Jahren mit ihrem Freund zusammen, einem gut aussehenden, beruflich erfolgreichen Mann, dem Ahlers' Freunde nur wünschenswerte Eigenschaften attestieren: Humor, Herzlichkeit, Empathie. Auf der anderen Seite erzählt Johanna Ahlers von seiner kaum erträglichen Familie im Hintergrund, seinen zuweilen gehässigen Kommentaren. In der Buchhandlung stand sie neulich schon am Regal für Scheidungsratgeber. Dabei geht es nur um eine mögliche Trennung. Gehen oder bleiben?

          Und dann plötzlich der Heiratsantrag

          Mit dieser Frage haderte Laura Kunze nicht nur im Zuge der Pulsuhr-Geschichte. Ihren Freund hatte sie zwei Jahre zuvor auf Ibiza kennengelernt. Die beiden kamen zusammen, führten eine Fernbeziehung zwischen Wien und München. Probleme ließen sich unter der Woche ganz gut ausblenden. Dann kam die Sache mit der Pulsuhr, es folgten die paar Wochen Funkstille. Irgendwann bekam Laura Kunze von ihrem Freund einen Brief, dann eine SMS, dann rief er an. Nach wenigen Monaten waren sie wieder zusammen. Sie stand in der Zeit kurz vor ihrem Abschluss und hatte ein Angebot in Wien, fachlich ihr Traum-Job. Dann kam sein Heiratsantrag. „Natürlich war das auch ein Signal, zu ihm zu ziehen und nicht in Wien zu bleiben. Er musste agieren, damit ich reagiere“, sagt Laura Kunze heute, an einem Abend bei einem Münchner Vietnamesen. Sie belädt ihren Löffel mit Gemüsecurry. „Aber ich glaube schon, dass es von Herzen kam.“

          Im Rückblick gab es in der Zeit vor dem Antrag ein knappes Jahr lang an der Beziehung nichts auszusetzen. Nach dem großen Streit mit der Pulsuhr verstanden die beiden sich bestens. „Noch beim Antrag sagte ich ihm, er müsse mir versprechen, dass er die Krise ernstgenommen hat und so etwas nicht noch einmal passieren würde. Er sagte, das sei klar. Und trotzdem, mein Inneres hat mir ein Störsignal gesendet.“

          Laura Kunze hörte nicht darauf, sondern suchte nach einer Job-Alternative in München. Als sich etwas ergab, stand ihr Traum-Job gegen einen ganz guten Job und die Beziehung in München. „Ich habe tatsächlich gehadert“, sagt sie. „Aber zugleich dachte ich auch, dass ich keinen anderen Freund finden würde, der mir gefällt und zu mir passt.“

          „Um die 30 ist der Druck für Frauen höher“

          Gehen oder bleiben ist in diesem Alter vor allem eine typisch weibliche Frage. „Es ist ein bescheuertes Alter, um sich zu trennen“, sagt eine, die es gerade hinter sich hat. „Ich will nicht second-round sein“, meint eine andere, die damit hadert und Angst hat, nun in einer Zeit, da alle um sie herum heiraten und Kinder kriegen, eben auf die zweite Runde warten zu müssen - wenn viele Männer geschieden sind, das heißt wieder frei. Einerseits: total neurotisch. Andererseits: verständlich. Die Entscheidung zu gehen bedeutet auch, möglicherweise für lange Zeit auf eine eigene Familie zu verzichten. „Da bei Frauen die Fertilität von 20 Jahren an mit zunehmendem Alter abnimmt und viele im Bewusstsein haben, dass um die 30 herum der passende Partner gefunden sein sollte, wenn man Kinder plant, ist der Druck für Frauen höher“, sagt der Psychologe Guy Bodenmann.

          Dessen sind sich wiederum auch die Männer bewusst. Silvia Gerske, 31, zum Beispiel, lebte ein paar Jahre lang mit ihrem Freund in Kalifornien. Dann wollte sie zurück nach Deutschland gehen, er entschied sich, in Kalifornien zu bleiben. Die geografische Distanz führte auch zur emotionalen. Und dann zur Trennung. Neulich lernte sie einen Mann in ihrem Alter kennen. „Der sagte, ich sei ihm zu alt. Er wisse, wie es mit Frauen in diesem Alter sei, er kenne den Druck. Leider ist das ja sogar die traurige Wahrheit“, sagt Gerske. „Männer können auch noch mit Mitte 40 mit der Familienplanung beginnen.“

          Im Schnitt heirateten Frauen 1991 fünf Jahre eher

          Das mag in einer Zeit, in der die Chancengleichheit für ein gutes Leben bei Männern und Frauen als gegeben gilt, im ersten Moment ein bisschen arg nach Fünfziger-Jahre-Verhältnissen und sozialer Abhängigkeit klingen. Auf den zweiten Blick ist die Frage „Gehen oder bleiben?“ aber symptomatisch für ein zunehmend selbstbestimmtes Leben von Frauen. Betrug das durchschnittliche Heiratsalter lediger Frauen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2014 schon 31 Jahre, lag es 1991 noch bei 26 Jahren. Je mehr Zeit bleibt, das Leben nach den eigenen Vorstellungen auszurichten, desto größer ist auch der Spielraum zum Hadern. Ein Luxus. Und ein Fluch.

          Denn klar: Die Freiheit, sich selbst entscheiden zu können, mit wem man sein Leben wie verbringen will, ob zu zweit, allein mit einem Kind oder gar mit einem anderen Paar und einem gemeinsamen Kind, Stichwort Co-Parenting, war noch nie größer. Auch Single zu sein hat seine guten Seiten. Laut einer Studie der Universität von Kalifornien aus diesem Jahr sind Singles im Durchschnitt sogar glücklicher als verheiratete Menschen. Sie führen demnach ein erfüllteres Sozialleben mit besseren Entfaltungsmöglichkeiten. Mag stimmen, klingt aus der Sicht von Frauen, die sich einen anderen Lebensentwurf vorstellen, trotzdem zu sehr nach Beyonces „Single Ladies“, nach Cocktails mit bunten Schirmchen.

          Je näher die Hochzeit rückte, desto größer wurde der Druck

          Laura Kunze hatte in den Phasen, in denen sie über die Trennung nachdachte, vor allem vor den Wochenenden Angst. „Ich stellte mir vor, wie ich da gefühlt in einem Keller sitzen würde und gar nichts anzufangen wüsste.“ Trotzdem: Je näher die Hochzeit rückte, umso schlechter wurde das Verhältnis zu ihrem Freund. Im Februar hatten sie sich verlobt, Anfang Oktober sollte geheiratet werden. Die Location war reserviert, die Save-the-Dates rausgeschickt, DJ und Band gebucht, das Kleid gekauft. „Und zugleich trug ich diesen Druck mit mir herum.“ Gehen oder bleiben? „Ich sagte mir ständig, dass andere Männer auch nicht besser wären.“

          Die Hochzeitsplanung, was die Leute denken könnten, wenn sie alles hinschmeißen würde - das war ihr in dem Moment egal. „Es ist sogar so, dass ich ohne den Druck der Hochzeit diese Entscheidung vielleicht gar nicht getroffen hätte.“ Die beiden stritten sich immer öfter, Kunze buchte sich oft spontan über Nacht im Hotel ein. „Einmal schlief ich drei Nächte auf der Couch einer Freundin.“ Davon bekam sie solche Rückenschmerzen, dass ihre Eltern eine möblierte Wohnung in München anmieteten. „Sie haben das ja mitbekommen und sagten, ich solle für die Entscheidungsfindung einen Ort haben, an den ich gehen könnte, wenn ich ihn brauchte.“ Ihr Freund wusste davon nichts.

          Dabei stimmten die Rahmenbedingungen eigentlich. Die beiden hatten eine ähnliche Vorstellung davon, wie der Rest ihres Lebens aussehen sollte. „Aber seine Charakterzüge, sein total selbstbewusstes Auftreten, seine unbemühte Art, sich nie zu entschuldigen, brachten mich zur Verzweiflung.“ Auch die Sache mit der Pulsuhr klingt zunächst banal. Aber das macht solche Meinungsverschiedenheiten zugleich gefährlich. Man ertappt sich dabei, sie als Kleinigkeiten abzutun. Leider besteht der Alltag vor allem aus Banalitäten.

          „Das Mutigste, was ich im Leben gemacht habe“

          An einem Wochenende eskalierte der Streit mal wieder. „Da war auf einmal klar, dass das nicht mein Mann werden könnte. Ich bin einfach gegangen, habe später erst mal nur Dinge für eine Nacht geholt, dann in den folgenden Tagen immer mehr, wenn ich wusste, dass er nicht da war.“ Eine Woche später meldete sich der Ex-Freund bei ihr. Der Geburtstag des Vaters stand an, da hätte er ursprünglich auch dabei sein sollen. „Er schrieb, das Geschenk stehe jetzt in der Wohnung. Das hat er immer so gemacht nach Streitigkeiten.“ Eine Art teaser, dass wieder alles gut sei und man sich doch vertragen könne. Für Laura Kunze war nichts gut. „Ich habe ihm dann eine Mail geschrieben, dass ich, wenn ich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts von ihm höre, die Hochzeit stornieren würde.“ Die Tage vergingen, Kunze stornierte.

          Selbst da machte sie sich noch Vorwürfe, ob sie überreagiert habe, ob sie zu intolerant sei, ob Bleiben nicht doch die bessere Entscheidung gewesen wäre als Gehen. „Dann traf ich drei Wochen später zufällig seine Freunde. Die wussten nichts von der Trennung. Sie sagten: ,Wir haben uns schon gewundert, wie du den hättest heiraten wollen.' Und das sind seine besten Freunde.“ Dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, erkannte Kunze erst da. „Wenn mich jemand fragt, was das Mutigste ist, was ich im Leben gemacht habe, dann ist es diese Entscheidung.“

          Ein Jahr später setzte er noch einmal zu einer Comeback-Aktion an. Laura Kunze war da längst gegangen.

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