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Beziehungen : Gehen oder bleiben?

Je näher die Hochzeit rückte, desto größer wurde der Druck

Laura Kunze hatte in den Phasen, in denen sie über die Trennung nachdachte, vor allem vor den Wochenenden Angst. „Ich stellte mir vor, wie ich da gefühlt in einem Keller sitzen würde und gar nichts anzufangen wüsste.“ Trotzdem: Je näher die Hochzeit rückte, umso schlechter wurde das Verhältnis zu ihrem Freund. Im Februar hatten sie sich verlobt, Anfang Oktober sollte geheiratet werden. Die Location war reserviert, die Save-the-Dates rausgeschickt, DJ und Band gebucht, das Kleid gekauft. „Und zugleich trug ich diesen Druck mit mir herum.“ Gehen oder bleiben? „Ich sagte mir ständig, dass andere Männer auch nicht besser wären.“

Die Hochzeitsplanung, was die Leute denken könnten, wenn sie alles hinschmeißen würde - das war ihr in dem Moment egal. „Es ist sogar so, dass ich ohne den Druck der Hochzeit diese Entscheidung vielleicht gar nicht getroffen hätte.“ Die beiden stritten sich immer öfter, Kunze buchte sich oft spontan über Nacht im Hotel ein. „Einmal schlief ich drei Nächte auf der Couch einer Freundin.“ Davon bekam sie solche Rückenschmerzen, dass ihre Eltern eine möblierte Wohnung in München anmieteten. „Sie haben das ja mitbekommen und sagten, ich solle für die Entscheidungsfindung einen Ort haben, an den ich gehen könnte, wenn ich ihn brauchte.“ Ihr Freund wusste davon nichts.

Dabei stimmten die Rahmenbedingungen eigentlich. Die beiden hatten eine ähnliche Vorstellung davon, wie der Rest ihres Lebens aussehen sollte. „Aber seine Charakterzüge, sein total selbstbewusstes Auftreten, seine unbemühte Art, sich nie zu entschuldigen, brachten mich zur Verzweiflung.“ Auch die Sache mit der Pulsuhr klingt zunächst banal. Aber das macht solche Meinungsverschiedenheiten zugleich gefährlich. Man ertappt sich dabei, sie als Kleinigkeiten abzutun. Leider besteht der Alltag vor allem aus Banalitäten.

„Das Mutigste, was ich im Leben gemacht habe“

An einem Wochenende eskalierte der Streit mal wieder. „Da war auf einmal klar, dass das nicht mein Mann werden könnte. Ich bin einfach gegangen, habe später erst mal nur Dinge für eine Nacht geholt, dann in den folgenden Tagen immer mehr, wenn ich wusste, dass er nicht da war.“ Eine Woche später meldete sich der Ex-Freund bei ihr. Der Geburtstag des Vaters stand an, da hätte er ursprünglich auch dabei sein sollen. „Er schrieb, das Geschenk stehe jetzt in der Wohnung. Das hat er immer so gemacht nach Streitigkeiten.“ Eine Art teaser, dass wieder alles gut sei und man sich doch vertragen könne. Für Laura Kunze war nichts gut. „Ich habe ihm dann eine Mail geschrieben, dass ich, wenn ich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts von ihm höre, die Hochzeit stornieren würde.“ Die Tage vergingen, Kunze stornierte.

Selbst da machte sie sich noch Vorwürfe, ob sie überreagiert habe, ob sie zu intolerant sei, ob Bleiben nicht doch die bessere Entscheidung gewesen wäre als Gehen. „Dann traf ich drei Wochen später zufällig seine Freunde. Die wussten nichts von der Trennung. Sie sagten: ,Wir haben uns schon gewundert, wie du den hättest heiraten wollen.' Und das sind seine besten Freunde.“ Dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, erkannte Kunze erst da. „Wenn mich jemand fragt, was das Mutigste ist, was ich im Leben gemacht habe, dann ist es diese Entscheidung.“

Ein Jahr später setzte er noch einmal zu einer Comeback-Aktion an. Laura Kunze war da längst gegangen.

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