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Traunstein : In tiefster Provinz ein Fundament aus Genügsamkeit

Heimat für den Papst: Das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael Bild: AP

Joseph Ratzinger hat den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Traunstein verbracht. Dort wurde er erzogen und geistig geformt. Die Ausbildung in der Provinz bereitete Ratzinger ein solides Fundament.

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          Geboren wurde Joseph Ratzinger in Marktl, erzogen und geistig geformt aber in Traunstein. Ein intellektueller Kopf wie er konnte später von Glück sagen, daß sein Vater, der Polizeibeamte, genauer der Landgendarm, in die Nähe einer Kreisstadt versetzt worden war, die der Jugend ein Humanistisches Gymnasium bieten konnte.

          Roswin Finkenzeller

          Schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als der junge Joseph Latein und Griechisch lernte, muß er in seinem Element gewesen sein. Die den Kurienkardinal auszeichnende Beherrschung mehrerer moderner Sprachen hatte ein solides altphilologisches Fundament, das in der Provinz mit besonderer Hingabe vermittelt wurde. Aber tiefste Provinz war es schon. Vom Fremdenverkehr noch unbeleckt, lag vor dem Zweiten Weltkrieg der östliche Chiemgau da, mit dem Chiemgau-Gymnasium als geistigem Mittelpunkt.

          In ungewöhnlich großer Gesellschaft

          Den Mangel an Weltläufigkeit hat Ratzinger empfunden, als er, ein schlaksiger, unsportlicher Mensch von 16 Jahren, zur Flak, zur Flugzeugabwehr, eingezogen wurde und damit nach München kam. Zum Ausgleich hatte er schon damals einige Erfahrung im Umgang mit Menschenmassen. Denn einen Teil seiner Gymnasialzeit mußte er in einem Internat verbringen, in dessen Schlafsaal 60 Betten standen. Auch wenn er die Mahlzeiten einnahm, befand er sich in ungewöhnlich großer Gesellschaft. Heute macht das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael einen ausgezeichneten Eindruck, denn mit der Renovierung von 1994 verschwand manche unbequeme Altertümlichkeit. Doch Joseph Ratzinger und sein älterer Bruder Georg sehen in dem Anwesen nach wie vor ein Stück Heimat.

          Dort begegneten sie sich in den vergangenen Jahren immer wieder, mochte der Anlaß das Weihnachtsfest, ein Jubiläum, eine Firmung oder ein Klassentreffen sein. Die beiden verstehen sich glänzend - zwei geistliche Herren, die 1951 zu Priestern geweiht wurden, zwei Musiker auch, von denen der eine die Regensburger Domspatzen dirigierte und der andere nicht schlecht Klavier spielt. Vor der fast völligen Erblindung Georgs schlenderten die beiden gern durch Traunstein, nahmen mangels Menge zwar kein Bad in dieser, ließen sich aber von den Leuten bereitwillig ansprechen. Und der Kurienkardinal gab sich wohl vollkommen unkompliziert.

          Die gewisse „intellektuelle Schärfe“

          „Unkompliziert“ ist die Wertung, die Thomas Frauenlob, dem Direktor des Seminars, über die Lippen kommt, wenn er an den neuen Papst denkt, der als Gast in Traunstein auf die Blut-und-Leberwurst-Kombination versessen gewesen war, vor allem aber auf Süßspeisen. Der Kurienkardinal sei jedoch stets „genügsam“ gewesen - was zu sein einer ja gelernt hat, der in der Jugend dauernd genötigt war, mit Massenverpflegung vorlieb zu nehmen. Auch als „scheu“ charakterisiert Frauenlob den hohen Herrn, was nur so gemeint sein kann, daß Ratzinger die Aufdringlichkeit für eine Unart, auch für einen taktischen Fehler hält und statt dessen lieber mit gespitzten Ohren und schnellen Blicken die Rhetorik der Gegenseite abwartet. Ganz und gar nicht ist der einstige Gastgeber mit der Bezeichnung „Panzerkardinal“ einverstanden. So habe er den berühmten Mann nie kennengelernt, dessen Wehrhaftigkeit einzig und allein in einer gewissen „intellektuellen Schärfe“ bestehe.

          Diese Schärfe beruht auf Begabung und Lektüre. Die ersten großen literarischen Erlebnisse hatte Benedikt XVI. in Traunstein, doch dadurch wird die Kreisstadt noch lange nicht zur Fremdenverkehrsattraktion. Die Liebe zu den Büchern wurde hier geweckt, doch aus dem Häuschen bringt das keinen. Im Chiemgau reifte vor allem der frühe Entschluß, Priester zu werden. Beim Anblick Kardinal Faulhabers, der von München nach Traunstein gekommen war, soll schon das Kind ausgerufen haben, es wolle sein wie dieser Geistliche. Der Tag nach der Papstwahl aber ist der reinste Alltag - mit schlechtem Wetter und kaum aufgeregten Straßenpassanten. Ein Fernsehteam treibt sich herum, auf der Suche nach irgendeiner Aktualität.

          Der „Traunsteiner Fall“

          Eine besonders hübsche und außerdem klerikale ist älter als 100 Jahre, ging aber als „Traunsteiner Fall“ in die bayerische Justizgeschichte in. Der Bauernbündler Georg Eisenberger, der es noch zum Reichstagsabgeordneten bringen sollte, hatte einen Wallfahrtspriester von Maria Eck mit der Unterstellung beleidigt, dieser habe zu eifrig nachgeholfen, als eine schwerkranke Frau ihre Habseligkeiten der Kirche vermachte. Maria Eck ist ein frommes Ausflugsziel, ein Blickfang für die Benützer der Salzburger Autobahn und ein einstiges Lieblingsziel Kardinal Ratzingers. Der Amtsrichter verurteilte den Bauernbündler zu einer Strafe von 50 Goldmark, erklärte jedoch, dieser habe sich in der Person geirrt und mit der Beleidigung nicht den klagenden Wallfahrtspriester, sondern berechtigterweise dessen Vorgänger treffen wollen.

          Da der Klerus auf die Begründung empört reagierte, wurde der Amtsrichter vom Landgericht Traunstein abgemahnt, zu guter Letzt aber doch von der Regierung zum Oberamtsrichter befördert, weil mittlerweile der Landtag den Fall so hingebungsvoll aufgegriffen hatte, daß an einer Ehrenrettung des Richters nicht mehr vorbeizukommen war. Nach dem Krieg beschäftigte die Traunsteiner Justiz ein anderer klerikaler Gegenstand, der Meßwein. Es war der einzige Wein, der aus Südtirol eingeführt werden durfte. Er landete aber nicht auf den Altären, sondern auf den Tischen zahlender Laien.

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