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Traunstein : Die Kruzifixe durften bleiben

  • -Aktualisiert am

Die Erinnerung an den heiligen Georg ist einfacher als die an die Nazi-Vergangenheit Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Stadt Traunstein, wo der Papst zur Schule ging, setzt sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Ratzinger war zwar wie alle Mitglied der Hitlerjugend, stand aber als Schüler des Priesterseminars am Pranger

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          Franz Mitterreiter versteht die Welt nicht mehr. Der 74 Jahre alte Handwerker aus der Umgebung von Traunstein, wo der neue Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, seine Jugendjahre verbracht hat, ist verärgert darüber, wie über den Papst und das Traunsteiner Studienseminar St. Michael in einigen Zeitungen berichtet wurde.

          "Das waren keine Nazis", sagt er, "die Seminaristen und Joseph Ratzinger waren zwangsweise in der Hitlerjugend!" Weil seine beiden verstorbenen Brüder Alois und Ludwig zur gleichen Zeit wie die Brüder Joseph und Georg Ratzinger das katholische Knabenseminar oberhalb der Stadt besuchten, weiß er, wie man damals dachte: "Sie wurden unten in der Stadt schikaniert und beschimpft."

          NSDAP hatte in Traunstein 1933 keine Mehrheit

          Als Sitz der Landkreisverwaltung war Traunstein Ende der dreißiger Jahre, als die Familie Ratzinger sich in Hufschlag vor den Toren der Stadt niederließ, eine mittelständische, katholisch geprägte Behörden- und Schulstadt mit 10000 Einwohnern. Bei den letzten freien Reichstagswahlen von 1933 hatten 34 Prozent der Traunsteiner für die nationalkonservative Bayerische Volkspartei und 31 Prozent für die NSDAP gestimmt.

          "Daß die NSDAP hier nicht die Mehrheit hatte, war etwas Besonderes für Bayern", sagt Gerd Evers, der über die Geschichte Traunsteins zwei Bücher veröffentlicht hat. Er schätzt, daß die Partei in den dreißiger Jahren hier tausend Mitglieder hatte.

          Parteitreue erhielten wichtige Posten

          Schon 1922 war in Traunstein einer der ersten Ortsverbände der NSDAP gegründet worden. Nach der Machtergreifung wurden wichtige Posten in der Stadt mit parteitreuen Leuten besetzt. Das sei aber "kein Traunsteiner Phänomen" gewesen, sagt der Stadtarchivar Franz Haselbeck.

          Von 1936 an sei auch die Traunsteiner Presse gleichgeschaltet gewesen: Die städtische Zeitung, das "Traunsteiner Tagblatt", wurde vom nationalsozialistischen "Chiemgauboten" vereinnahmt. Traunstein sei aber "keine braune Stadt gewesen", ergänzt Gerd Evers. Die einzige jüdische Familie der Stadt, die Familie Holzer, sei 1938 in der Reichspogromnacht nach München gebracht worden.

          Seminaristen hatten wenig Zeit für Außerschulisches

          Oberhalb der Stadt befand sich das katholische Studienseminar St. Michael, das Joseph Ratzinger besuchte. Michael Kardinal Faulhaber hatte es 1929 gegründet, um begabte Knaben aus der Region auf den Priesterberuf vorzubereiten. "Viele Seminaristen waren arme Bauernsöhne aus der Gegend, die bei der Erzdiözese darum bitten mußten, daß ihnen die hundert Reichsmark Gebühren für das Internat erlassen wurden", erzählt Thomas Frauenlob, der heutige Direktor.

          Der Stundenplan verlangte nicht wenig von den 140 Knaben, die wie Joseph Ratzinger das Seminar besuchten. Unter der Aufsicht von sechs Priestern und bis zu 15 Schwestern mußten sie morgens um sechs Uhr aufstehen, Sport treiben, die Messe besuchen und in Zweierreihen zusammen zur Schule in die Stadt gehen.

          Den Nachmittag bestimmten neben der religiösen Erziehung Studierstunden sowie Musik und Sport. "Joseph Ratzinger war aber, was Sport betrifft, nicht so begabt", erzählt Thomas Frauenlob. "Er hat oft am Rand gestanden." Zeit für Besuche in der Stadt gab es nur wenig.

          Am Gymnasium unterrichteten auch Nazis

          Das humanistische Gymnasium lag am Ende der Straße, die vom Seminar aus hinunter nach Traunstein führte. Dort wurden die katholisch erzogenen Knaben zusammen mit den anderen Schülern unterrichtet. Nicht wenige Lehrer waren Nazis. Unterricht und Schulalltag waren von der Zeit geprägt.

          So mußten im Deutschunterricht Schulaufsätze mit der Aufgabe geschrieben werden: "Wie erklären sich die Erfolge unserer Wehrmacht?" Lehrer, die nicht im Sinne des Regimes unterrichteten, liefen Gefahr, von Schülern aus der Hitlerjugend (HJ) denunziert zu werden und ihre Anstellung zu verlieren.

          "Die Seminaristen wußten aber genau, was sie von all dem zu halten hatten", sagt Thomas Frauenlob. "Die Knaben waren von ihrer religiösen Erziehung im Internat geprägt und konnten sehr wohl unterscheiden."

          Mit Erlaß vom 9. Dezember 1940 wurde das Seminar aufgelöst. Die Knaben wurden als Notlösung in katholischen Traunsteiner Familien untergebracht. Tagsüber gingen sie weiter zum Gymnasium.

          Zwangsweise Aufnahme in die Hitlerjugend

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