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Traumatisierte Soldaten : Durchs Rost gefallen

Daniel L. sagt über sich selbst: „Um ein Haar wäre ich zu Staub geworden” Bild: Florian Sonntag

Ein Elitesoldat wird in Afghanistan verletzt und als „vorübergehend dienstunfähig“ aus der Bundeswehr entlassen. Inzwischen lebt er von Hartz IV und manchmal auch im Wald. Wen kümmert's?

          Daniel L. sieht einen grellen Lichtblitz. Die Explosion, die ihm beide Trommelfelle zerreißt, hört er nicht mehr. Er spürt einen stumpfen Aufschlag auf der Brust, fliegt acht Meter weit durch die Luft, schlägt mit dem Kopf auf einem Stein auf, und das erste, was er denkt, ist: „Glück gehabt. Um ein Haar wäre ich zu Staub geworden.“ Er rappelt sich auf, prüft, ob ihm nicht ein Bein oder Arm fehlt. Neben ihm liegt ein Soldat mit verkohltem Gesicht. Das Auge hängt heraus und wird nur noch vom Sehnerv gehalten. Daniel L. kann nicht mehr erkennen, welcher von seinen Kameraden es ist. Er versucht, dessen Blutung zu stoppen, und sagt immer wieder: „Halt durch, morgen bist du bei deiner Familie“. Nur in diesen Momenten unterbricht der Schwerverletzte sein Stöhnen, die Worte scheinen in sein Bewusstsein durchzudringen. Hinter dem Verwundeten liegt ein weiterer Mann, der zu Daniel L. herüberschaut und immer wieder zu schreien versucht. Einige der Metallwürfel, die bei der Explosion freigesetzt wurden, haben seinen Unterkiefer durchschlagen, andere sein Knie. Daniels eigenes Gesicht ist übersät mit dunkelroten und schwarzen Stellen. Es sind Fleisch und Knochensplitter des Soldaten, der durch die Explosion direkt gegen seine Brust geschleudert wurde.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Daniel L. ist einer der deutschen Fallschirmjäger, die die Explosion bei der missglückten Entschärfung zweier russischer SA-3-Raketen am 6. März 2002 in Kabul überlebt haben. Fünf seiner Kameraden starben: Zwei deutsche und drei dänische Soldaten – unter ihnen der Mann, der direkt vor Daniel L. stand und ihm dadurch das Leben gerettet hat. „Er war erst Anfang zwanzig, hatte noch ein ganz kindliches Gesicht und zwei kleine Kinder zu Hause, vier Monate alt das eine und knapp über ein Jahr das andere“, erinnert sich Daniel L.. Er macht viele Pausen beim Sprechen – als taste er sich in vermintem Gelände voran. Ende dreißig ist er, ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann, der höflich, zurückhaltend und bescheiden auftritt. Man sieht ihm nicht an, was er durchgemacht hat. Aber man merkt es ihm an. Auch er selbst spürt es. Ihm ist schwindlig beim Reden, er hat ein Gefühl wie Gänsehaut auf dem Körper und eine große Anspannung in sich. Er sagt: „Ich komm‘ da nicht raus aus der Schleife. Es ist keine Vergangenheit, es ist immer noch da. Mein Gehirn hat die Szene falsch abgelegt. Immer wenn ich es erzähle, ist es so, als würde es mir wieder passieren. Dann ist das Bild meiner verletzten Kameraden, ihr Schreien, Wimmern und Stöhnen wieder da.“

          Von der Bundeswehr ins zivile Leben abgeschoben

          Daniel L. leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) – einer Störung, die bei jedem Menschen nach extrem belastenden Situationen auftreten kann und dazu führt, dass die Betroffenen depressiv, gleichgültig, suchtmittelabhängig, suizidgefährdet und vieles mehr werden können. Gute Heilungschancen bietet eine Traumatherapie. Doch nicht alle Soldaten, die unter PTBS leiden, erhalten sie. Etliche wurden stattdessen von der Bundeswehr ins zivile Leben abgeschoben. „Das ist billiger“, sagt Daniel L., der einer dieser Abgeschobenen ist und seit zwei Jahren von Hartz IV lebt.

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