https://www.faz.net/-gum-7whnz

Trauer in China : Dreimal verbeugen – und das war’s

  • -Aktualisiert am

Endlose Reihen: Ein Mann besucht ein Grab auf dem Friedhof von Tianjin Bild: UPI Photo / eyevine

Für Trauer hat China keinen Platz mehr. Die Bestattung ist ein kaltes Geschäft. Viele wollen die alten Gebräuche zurück.

          5 Min.

          Als der verehrte Professor im hohen Alter starb, beraumte seine Familie innerhalb eines Tages eine Trauerfeier im Krankenhaus an. In aller Eile wurden Angehörige und Freunde benachrichtigt. Sie sollten sich in der „Halle des großen Friedens“ versammeln, der Aufbahrungshalle des Krankenhauses.

          Die „Halle des großen Friedens“ in dem riesigen Krankenhaus zu suchen – ein Irrgang. Verstörte Trauernde finden schließlich nach mehrmaligem Fragen nicht die erwartete Aufbahrungshalle, sondern einen großen, kahlen, schmucklosen Raum mit Betonboden am Seiteneingang des Krankenhauses, dessen einzige Tür sich zur Straße hin öffnet. Krankenhausbesucher hetzen vorüber, Autos fahren vorbei.

          Der Tod wird heute in China schnell abgefertigt. Alle Toten müssen eingeäschert werden. Ausnahmen gibt es auf dem Land und für Muslime. Die meisten Chinesen sind nicht religiös und von der Kommunistischen Partei auf den Materialismus verpflichtet. So gibt es nur zivile Trauerfeiern, die wenig Eindruck hinterlassen. Die meisten finden in Krankenhäusern oder bei den großen Krematorien statt, nicht in Tempeln oder Kirchen. Auf dem Babaoshan, dem größten Friedhof Pekings, ist immer Hochbetrieb. Gruppen von Trauernden irren laut schluchzend durch die weitläufige Anlage, zu einem der kleinen Trauerräume, die pro halber Stunde umgerechnet 1000 bis mehrere 10.000 Euro kosten. Von dort werden die Toten direkt in das Krematorium gebracht, und die Angehörigen können die Asche gleich mitnehmen, um sie anderswo aufzubewahren. Nur hohe Funktionäre vom Rang eines stellvertretenden Ministers an dürfen auf dem Babaoshan bestattet werden.

          Alte Gebräuche sind in Vergessenheit geraten

          „Der Umgang mit dem Tod heute widerspricht vollkommen der konfuzianischen Kultur Chinas“, sagt Wang Guohua, der stellvertretende Vorsitzende der chinesischen Vereinigung für Bestattungen. Im alten China sei der Tod ein wichtiges Ereignis gewesen, auf das man sich vorbereitet habe und an dem die ganze Familie beteiligt gewesen sei. Für die Aufbahrung des Toten, die Bestattung, für Trauer und Ahnenverehrung gab es genaue Vorschriften. Sie waren Teil der konfuzianischen Tugend der „Pietät“ der Kinder gegenüber den Eltern. Die korrekte Bestattung und Trauer waren wichtig für das Wohlergehen der ganzen Familie. Auch hohe kaiserliche Beamte bekamen drei Jahre Trauerurlaub, wenn ihre Eltern starben.

          Schon während der Zeit der Republik wurden die Trauergebräuche dann vereinfacht. Aber es war der Kommunistenführer Mao Tse-tung, der mit seiner Kulturrevolution die alten Gebräuche ausmerzen wollte. Die Traditionen um Tod, Begräbnis und Ahnenverehrung wurden als „feudalistischer Aberglauben“ und „reaktionärer Müll“ verurteilt und verboten. Klassenkampf war wichtiger als Totengedenken. Begräbnisse hatten einfach und unzeremoniell zu sein. Nur die Helden der Revolution wurden gesondert gefeiert. Vor allem die Vorstellung eines Jenseits, die es auch im chinesischen Volksglauben gab, wurde strikt abgelehnt. Das wirkt bis heute nach. Die alten Gebräuche sind so lange schon verboten, dass sie in Vergessenheit geraten sind. Nur auf dem Land sind sie zum Teil zurückgekehrt, und dort finden sich auch große Grabstätten, die sich Wohlhabende schon zu Lebzeiten errichten. In der Stadt bleibt den meisten nur die Trauerzeremonie – nüchtern, kurz und teuer. Vor allem Plätze auf den meist weit außerhalb der Stadt gelegenen 33 Friedhöfen des Bezirks Peking sind teuer; sie kosten je nach Lage bis zu 100.000 Euro.

          Bestattungen als lukratives Geschäft

          Die Bestatter konzentrieren sich in Peking rund um die großen Krankenhäuser. Es sind meist düstere kleine Läden, die mit der Aufschrift „Kleider des langen Lebens“ werben. So werden die Totenkleider genannt, die nach chinesischem Brauch neu gekauft sein müssen. In den schmucklosen Auslagen stehen Urnen und kleine Plastikkoffer, die alles enthalten, was der Tote braucht. Die meisten Bestatter bieten „Service-Pakete“: Abholen des Toten, Einäscherung und Kauf einer Urnenstelle.

          Weitere Themen

          Das deutsche Alcatraz der Viren Video-Seite öffnen

          Ostsee-Insel Riems : Das deutsche Alcatraz der Viren

          Oft wird sie die „gefährlichste Insel Deutschlands“ genannt: Auf der Ostsee-Insel Riems in der Nähe von Greifswald wird an tödlichen Tierseuchen geforscht – wie Ebola, Tollwut und der Afrikanischen Schweinepest. Und das seit mittlerweile seit über 100 Jahren.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.