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Transsibirische Eisenbahn : Zeitreise über 9.000 Kilometer

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Die Transsibirische Eisenbahn wird 100. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Ein Reisebericht.

          Die Transsibirische Eisenbahn, Russlands stählerne Lebensader zwischen Moskau und Wladiwostok, feiert ihren 100. Geburtstag. Wann genau zu feiern ist, musste Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich entscheiden. Da unter Historikern und Eisenbahnern sechs unterschiedliche Daten kursieren, legte Putin den 21. Oktober als offiziellen Geburtstag für die längste Eisenbahnstrecke der Welt fest.

          An diesem Tag trafen sich vor hundert Jahren die von Westen und Osten kommenden Bauarbeiter bei Pogranitschnaja, unweit von Wladiwostok, an der Grenze zu China.

          Für Lena Makarenko ist die Transsib heute ein Segen. Dank der 9.288 Kilometer langen Strecke von Moskau bis Wladiwostok kann sie einmal im Jahr ihre halbe Verwandtschaft quer durch Russland abklappern.

          Am Bahnsteig in Nowosibirsk wartet eine Freundin auf die 35- Jährige, am Haltepunkt Taiga steht Punkt 0.45 Uhr Lenas Schwiegermutter. „Diesen Sommer hat es nicht geklappt mit einem Besuch, darum treffen wir uns nur kurz am Zug“, erzählt die Hausfrau. Nach zehn Minuten kommt sie mit Taschen, Töpfen und Tüten voller Kartoffeln, Kohl und Piroggen in das Abteil zurück. Natürlich müssen alle Mitreisenden die dampfende Hausmannskost probieren.

          Am nächsten Morgen reißt Dieter Bohlen die Fahrgäste aus dem Schlaf und trällert ihnen durch die knisternden Lautsprecher „You are not alone“ vor. Zugbegleiterin Marina Alexejewna wirft den Staubsauger an, fegt durch den schmalen Gang und weckt auch die letzten Schlafmützen.

          Sechs unsanfte Weckaktionen

          Bis an den Pazifik stehen den Passagieren noch fünf weitere unsanfte Weckaktionen ins Abteil. Sieben Zeitzonen durchquert der Schienenexpress zwischen Hauptstadt und Pazifischem Ozean. Die Fenster des Zuges sind ein Schaufenster ins Innere Russlands mit Details einer fast verschwundenen Zeit. Da zieht eine verfallene Kolchose vorbei, deren Dachstuhl längst zarte Birkenstamme erobert haben. Doch der Slogan „Ruhm der KPdSU“ trotzt an der Hauswand Wind und Wetter.

          Die eineinhalbwöchige Fahrt auf der legendären Strecke ist noch immer eine Zeitreise. Je weiter sich die Lok von Moskau entfernt, desto höher die Dichte der unversehrten Lenindenkmäler auf den Bahnhofsvorplätzen. Viele Bahnhöfe entlang der Trasse sind in diesem Jahr frisch getüncht - minzgrün, rosa oder gelb. In Nasywajewskaja verrät ein buntes Plakat, warum: „100 Jahre Transsib“. Gleich hinter der Station beginnt das Dorf. Geduckte Holzhäuser, sandige Wege und Pferdegespanne erinnern daran, dass dies Sibirien ist.

          Jeder noch so öde Haltepunkt entlang des Weges verwandelt sich in einen geschäftigen Basar, wenn am Horizont der lang ersehnte Zug auftaucht. Mit Trockenfisch, duftenden Teigtaschen, Eis und Bier warten Babuschkas auf die Fahrgäste, um ihre karge Rente mit ein paar Rubeln aufzubessern. Ab Ilanskaja, 4377 Kilometer östlich von Moskau, locken Chinesen die Reisenden mit kopierter Markenkleidung.

          Transsib als Wirtschaftsfaktor

          Ein Wirtschaftsfaktor war die Transsib von Anfang an, nicht nur für die fliegenden Händler. Als Zar Alexander III. 1887 die ersten Expeditionen in die Taiga schickte, um eine geeignete Strecke zu vermessen, träumte er davon, die „reichen Naturgaben Sibiriens mit einem Eisenbahnnetz zu verbinden“. So wurden die gewaltigen Kolonialgebiete im Osten endgültig ein Teil des Russischen Reiches, die immensen Bodenschätze plötzlich greifbar. „Der Osten ist erwacht, meine Herren“, jubelte der zarentreue Politiker Pjotr Stolypin.

          Bis heute ist die Transsibirische Eisenbahn das Rückgrat der russischen Infrastruktur. Doch Moskau würde gern mehr Profit mit der Strecke machen. Laut Eisenbahnministerium braucht ein Zug zwischen dem Fernosthafen Nachodka und Finnland nur elf Tage, auf dem Seeweg sind die Güter mehr als doppelt so lange unterwegs. Doch bislang laufen über die Sibirienmagistrale nur fünf Prozent des Frachtaufkommens zwischen dem asiatisch-pazifischen Raum und Europa. Darum soll die Transsib nun bis nach Tschechien, Seoul und Japan weitergebaut werden. An neuen Superlativen wird die Strecke also auch in Zukunft keinen Mangel haben.

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