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Gaststätte „Rheinischer Hof“ : Wir danken für die Treue

  • -Aktualisiert am

Im Gastraum des Rheinischen Hofes. Bild: Edgar Schoepal

Der „Rheinischer Hof“ ist 90 Jahre alt, seit 1978 hat der Wirt in dem Lokal nichts mehr verändert. Jetzt muss er schließen – wegen eines Tages vor acht Jahren.

          11 Min.

          Am Morgen spielt das Radio leise Swing. Lothar Büntgen hat schlecht geschlafen, nach vier Stunden hat ihn der Schmerz in seinem Rücken geweckt. Früher, bevor er alt war, hat er im Urlaub zwölf Stunden am Stück geschlafen.

          Gleichgültig wäscht er sich und streift ein blaues Hemd über. Sein Bauch glättet die Falten. Er krempelt die Ärmel hoch und lässt die oberen drei Knöpfe geöffnet. Sie erlauben den Blick auf wirres Brusthaar, ein Wirt ist kein Anwalt. In seinem Gesicht ist Winter.

          Büntgen macht sich auf zur Gaststätte, zu seiner. Den Straßenrand säumen Häuser, an deren Fenstern die Rollläden heruntergezogen sind.

          Es ist leer und hell, als Büntgen um wenige Minuten vor sechs den „Rheinischen Hof“ betritt. Rechtzeitig, um das Frühstück vorzubereiten für die Hotelgäste, von denen es drei gab in der vergangenen Nacht. Die Gäste sind rauhbeinige Gestalten, Monteure, 29 Euro das Einzelzimmer. Die Brötchen sind kross und warm und gut und die Monteure zufrieden, sie essen stumm. Die Glühbirnen, die in Halbschirmen über den Tischen hängen, sind aus.

          „Wer bezahlt mir denn das?“

          Büntgen steht hinter der Theke, spült und hält Gläser ins Licht des Morgens, Sonnenstrahlen zwängen sich durch die Lücken zwischen den Häusern auf der gegenüberliegenden Seite.

          Büntgens Kopf ist rund und fleischig und nur an den Seiten über den Ohren von Haar bedeckt. 65 Jahre ist er alt. Er trägt eine Brille, deren Gestell etwas schief auf seiner Nase hockt, und poliert mit Eifer. Es bleiben keine Wasserflecken.

          Der gestrige Tag ist lang gewesen, nach eins lag Büntgen im Bett, zum Reibekuchenbuffet, seinem letzten, waren 88 Gäste gekommen. Angemeldet waren 93, Büntgen schimpft. „Wer bezahlt mir denn das, eigentlich müsste ich zu denen hingehen, mir das Geld geben lassen, was ich an dem Tisch verdient hätte, finden Sie nicht auch? Ich werde das machen.“ Den Tisch, an dem niemand saß, hatte sein Nachbar reserviert.

          Ruhetag? Gab es nicht für Großvater und Vater. Hatte auch Lothar Büntgen nie.

          Büntgen frühstückt, bevor er sich eine Zigarette der Marke Dunhill anzündet, er raucht nie vor dem Frühstück. Büntgen raucht an einem Tisch rechts neben der Eingangstür, auf dem Zeitschriften in der blauen Hülle des „Lesezirkels“ liegen. Büntgens Vater ist an diesem Tisch gestorben, beim Zeitunglesen, Herzinfarkt vor lauter Aufregung, tot. Sie haben doch immer gesagt, er soll sich nicht so über die Politiker aufregen.

          Die Zigarette ist außerordentlich lang und dünn, hin und wieder hustet Büntgen, rauh. Er darf hier eigentlich nicht rauchen, Nichtraucherschutzgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen §2 Absatz 7, es interessiert Büntgen nicht. Soll sich doch jemand beschweren, jetzt ist es zu spät. Büntgen raucht nie vor der Tür und im Winter schon gar nicht, er mag kalten Rauch nicht.

          Der Rauch steigt auf zur Decke, die Fenster sind geschlossen, es riecht nicht. Büntgen drückt die Zigarette in einer gläsernen Schale aus, in der Stumpen auf Asche liegen.

          Sieben Tage die Woche, kein Ruhetag

          So beginnt der Tag, an dem Lothar Büngten den „Rheinischen Hof“ in 50181 Bedburg schließt, endgültig. Nach 90 Jahren, sieben Tage die Woche, kein Ruhetag, hat der Großvater nicht gehabt, hat der Vater nicht gehabt, warum hätte Lothar Büntgen einen haben sollen?

          Bedburg liegt irgendwo neben Köln, manchmal kommen die Studenten von dort, um in Bedburg Fußball zu spielen. Eine Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern, mit Tankstellen, Baumärkten und Discountern, eine Stadt, von deren Art es zahlreiche gibt in Nordrhein-Westfalen.

          Nicht fern von Bedburg öffnet sich im Boden ein 31 Quadratkilometer großes Loch, in dem schweres Gerät schwarzes Gold abbaut, der Tagebau Garzweiler, der viele Dörfer um Bedburg das Leben kostete, Haus für Haus wurden sie abgebaut oder verlassen, es gibt schönere Gegenden in Deutschland. Aber der Tagebau gab den Bedburgern Arbeit und gibt sie ihnen noch. Bis 2045, dann ist Schluss, und das Loch soll mit Wasser aus dem Rhein gefüllt werden, 40 Jahre lang bis 2085. Vielleicht kommen dann Touristen, ist alles egal für den „Rheinischen Hof“.

          Ein angesehener Mann im Dorf

          Dessen Geschichte begann im Jahr 1926, in dem Lothar Büntgens Großvater Toni eine Gaststätte an der Neusser Straße 2 übernahm. Sie trug damals den Namen „Zum Grünen Kranze“, Toni nannte sie um und machte ein Restaurant mit Fremdenzimmern draus. Er war ein angesehener Mann im Dorf, was an seinem leutseligen Charakter lag sowie daran, dass er gutes Essen servierte und ein begnadeter Zapfer war. Toni Büntgen starb 1943 in einer Bombennacht.

          Die Neusser Straße ist eine zweispurig befahrene Hauptstraße Bedburgs, die aus dem Ort hinausführt und hinein. Die Gaststätte schmiegt sich rechter Hand an ein Wohnhaus, während linker Hand die Wand frei ist. Die Gaststätte besitzt drei Stockwerke und ist in einem Gelb gestrichen, das verblasst.

          Im unteren Stockwerk befindet sich der Gastraum, im mittleren die Zimmer der Wirtsfamilie und Fremdenzimmer, von denen es im oberen weitere gibt. Die Eingangstür ist aus Holz, so dick, dass man damit über Meere segeln könnte. Sobald man die Eingangstür durchschritten hat, erreicht man einen kleinen Flur, an dessen Ende sich der Weg dreiteilt. Links geht es in die Küche, in der Mitte führen Treppen zu den Wohn- und Gasträumen hinauf, rechts in den großen Gastraum.

          „War nett damals“

          Betritt man den Gastraum, wechselt der geflieste Boden unter den Füßen zu grauem Teppich, der die Schritte stumm aufnimmt. Es sind Schritte in die Vergangenheit. Zur Straße hin, entlang den Fenstern, öffnen sich vier Nischen, allesamt mit viereckigen Tischen bestückt. Im Raum stehen weitere Tische, 120 Plätze insgesamt.

          Sterben dauert, wenn man sich vom Stammgast verabschieden muss – und vom Stammtisch.

          1978 hat Lothar Büntgen die Gaststätte neu eingerichtet. Stühle und Tische gekauft bei Jakobs Möbelgeschäft um die Ecke, 55 Prozent Rabatt, das Stühle- und Tischlager in Köln wollte nur 48 geben.

          War nett damals, sagt Büntgen, heute sind sie doch alle Katastrophen, Porta und wie sie heißen, sehen Sie, die verkaufen ihr Essen für 4,50 Euro, wie soll ich das machen?

          Lieber schmeißt er alles in den Müll

          Büntgen hat seit 1978 in der Gaststätte nichts mehr verändert. Die Möbel sind dunkel, Lehne und Sitz der Stühle mit beigem Polster bezogen. An den Wänden hängen Urkunden und Teller, an der Garderobe seit mehreren Tagen drei Krawatten. Niemand weiß, woher sie kommen und was sie wollen.

          Büntgen sagt, er möchte den ganzen Kram nicht verkaufen, wenn er geschlossen hat. Dann käme ja keiner. Aber wenn er es verschenken würde, dann kämen sie alle. Lieber schmeißt er die 350 Servietten und das Besteck und die unbenutzten Weingläser und die Teller an den Wänden und die Tischdecken und alles in den Müll.

          Warum sollte er es den Leuten noch freundlich hinterherschenken, die ihn so bitterlich im Stich gelassen haben in den letzten Jahren, findet er. Büntgen und die Gäste, es ist so eine Sache.

          Büntgen ist wie der Mann, der von seiner Frau für einen Neuen verlassen wurde. Nur ist ihm das nicht einmal passiert, sondern hundert- oder tausendmal, und diesen ganzen großen Schmerz versucht er damit zu bekämpfen, dass sie doch alle gar nicht so toll waren, seine Ex-Gäste.

          Er flucht und motzt und zetert und vermisst sie. Hat er, der sich über die Jahre so geplagt hat, nicht ein Recht auf Glück und Anerkennung?

          An dem Tag, an dem Lothar Büntgen die Gaststätte schließt, entsteht eine Lücke zwischen Frühstück und Zigarette und Mittagessen, eine Lücke, die Büntgen mit nichts zu füllen vermag. Die Tische sind gedeckt, Gabel, Messer, Löffel, im scharfen Bug gefaltete grün-weiße Servietten, weiße Tischdecken, Trockenblume.

          Seine Frau Regina steht in der Küche und kocht. Büntgen ist verloren hinter seiner Theke und raucht und redet, damit er nicht denken muss. „Vor ein paar Tagen hat ein Mann bei mir angerufen, wollte einen Tisch bestellen. Ich hatte keinen mehr frei, es war schon alles ausgebucht. Ich hatte ihm letzte Woche schon gesagt, dass das wahrscheinlich so ist. Aber er wollte ja nicht hören.“

          Früher, da hieß es: Hochzeit? Zu Büntgen. Geburtstag? Zu Büntgen. Stammtisch? Beim Büntgen.

          Da hat er angefangen zu schimpfen. Wie es denn sein könne, dass man einen jahrelangen Stammkunden vor die Tür setze. „Ne, so sind die Leute ja heute. Was die einem immer als treuen Stammgast verkaufen wollen. Da habe ich einmal angefangen zu rechnen. Der ist meistens einmal die Woche gekommen, hat Mittagstisch gegessen für 13 oder 14 Euro pro Kopf, manchmal bisschen mehr, manchmal bisschen weniger. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall, das muss man halt so sagen, hat der immer geschlabbert, die Tischdecke konnte ich danach in die Reinigung bringen. Die Reinigung von so einer Tischdecke kostet mich 2,90 Euro. Ich klau’ ja den Einkauf nicht, ich muss ja auch Miete zahlen, und Strom und so weiter. Was habe ich denn an dem dann verdient? Und der meint, er wäre ein guter Gast.“ So sieht Büntgen das, und vielleicht sieht er es auch nicht so und ist nur traurig.

          Büntgen war ein Wirt, auch als Kind, da nannte man ihn nur nicht so, und bald wird er keiner mehr sein.

          Schinken und Russeneier

          Er stand im „Rheinischen Hof“, als Konrad Adenauer Bundeskanzler war und als Willy Brandt Kanzler war und als Helmut Kohl Kanzler war und bei allen anderen Kanzlern auch.

          Als er Kind war und die Eltern am Nachmittag schliefen, schüttete Büntgen in der Gaststätte Korn aus und Bier und für einen Stammgast, einen Veteranen, drehte er Schinken zu Röllchen und machte Russeneier.

          Büntgen sagt, es habe keinen Moment in seinem Leben gegeben, in dem er nicht wusste, dass er Wirt werden wollte.

          Zur Ausbildung schickte ihn sein Vater hinaus, man sollte nicht beim eigenen Vater lernen, und das war gut für Lothar Büntgen, denn im Düsseldorfer Industrieclub lernte er Regina kennen. Regina war bodenständig und nicht schlecht anzuschauen und lernte Köchin. Büntgen fragte Regina, ob sie nicht Lust habe, seine Frau zu werden. Regina hatte nicht schlecht Lust.

          Büntgen hat nichts verändert

          Als Regina ausgebildet war, wurde sie Köchin im „Rheinischen Hof“ und Büntgen Chef, und wenn sie arbeiteten, dann nannte Regina ihren Mann „Chef“ und er sie manchmal „Chefin“. Es waren goldene Jahre, in denen die Antworten in Bedburg einfach waren. Hochzeit? Zu Büntgen. Runder Geburtstag? Zu Büntgen. Feines Essen mit den Schwiegereltern? Zu Büntgen. Stammtisch? Beim Büntgen.

          Dann kamen Vereinsheime, es kamen Restaurantketten, es kamen Menschen, die zum Essen hinausfuhren aus ihren Dörfern. Es kamen Paare, die Locations für ihre Hochzeit wollten, die Schlösser wollten oder wenigstens alte Fabriken und keine Gaststätte, in der es aussieht wie auf den Hochzeitsbildern der eigenen Eltern.

          Büntgen hat nichts verändert, nicht die Karte und nicht die Möbel und nicht sich selbst, während sich sonst so ziemlich alles verändert hat in Deutschland, und man kann ihm ein lautes „Selbst schuld“ hinterherrufen, wenn er geht, oder man kann ihn dafür bewundern, dass er seinem Bild davon, wie eine Gaststätte sein soll, bis zum Ende treu blieb.

           Passionierter Karnevalist: Urkunden des Lokalbesitzers im Gastraum des „Rheinischen Hofs.“

          Büntgen ist früher. Früher, da aßen die Leute noch zu Mittag. Früher, da gab es noch keine Kantinen. Früher, da aßen die Leute noch deutsches Essen. Früher, da gab es noch nicht überall Chinesen und Mexikaner und sonst was. Früher, da kamen die Rentner noch, die bei ihm Mittag aßen.

          Heute sind sie tot.

          Büntgens Gaststätte hatte Jahrzehnte lang einen Stammtisch für Fans von Märklin-Spielzeugeisenbahnen. Es ist kein Zufall, dass in Horst Seehofers Keller auch so eine steht. Die Gaststätte war Heimat für derlei Gruppen. Sie war Räumlichkeit für Feste von Hochzeitsjahrestagen, die heute nur wenige noch erreichen.

          Die Lücke zwischen Frühstück und Mittag ist vorbei, es ist zwölf Uhr, die Zeit, zu der ein Rentner isst, und Büntgen schaltet das Licht an. Bei Büntgen essen seit langem keine jungen Leute mehr. Bei Büntgen essen Rentner, und er sagt, sie täten ihm ein bisschen leid. Es gibt doch nirgendwo mehr gutbürgerlich, wo sollen sie denn noch essen?

          Rustikal: Das Mobiliar des Gasthofs.

          Das Licht ist an und kräftig, und gleich sieht alles weniger schummrig aus. Büntgen sagt, dass Herr Wirtz jetzt kommt, und wenige Sekunden später betritt ein Mann, der augenscheinlich Herr Wirtz ist, den Gastraum, ein Läuten begleitet ihn. Herr Wirtz kommt seit immer in den „Rheinischen Hof“, sieht dafür unvermutet jung aus und ist ein fülliger Herr mit Vollbart und Brille und Hemd mit Karo-Muster.

          Man könnte fast denken, er sei Hipster, aber wahrscheinlich hat er das so getragen, bevor Mittzwanziger mit Macbook anfingen, so etwas cool zu finden. Wenn Herr Wirtz ein Hipster wäre, ginge er ohnehin in Burger-Läden und nicht zu Büntgen, da ist es selbst dem gemeinen Hipster zu retro. Speisekarten auf Schiefertafeln gibt es hier auch nicht.

          „Guten Tag“, sagt Herr Wirtz und schaut nicht hoch. Man muss sich Herrn Wirtz in seiner Gesamtheit als leisen Mann vorstellen. „Guten Tag“, sagt Büntgen.

          Herr Wirtz geht ohne Zögern hindurch zu einem Tisch mit vier Stühlen, nimmt Platz, alleine. Büntgen bringt ihm eine Flasche Wasser, Gerolsteiner, 0,2, dann Gulaschsuppe, sie reden nicht, Herr Wirtz hat schon draußen auf die Karte geguckt, die in einem dieser wunderbaren Kästen hängt mit einem Biermarkenlogo oben drauf.

          Tageskarte 13. Mai 2016; zu jedem Gericht eine Tagessuppe und ein Dessert. Heute Gulaschsuppe; Spareribs, Pommes frites, Salat, 11,50 Euro; Leber mit Zwiebelringen, Bratkartoffeln, Apfelmus, 11,80 Euro, kl. Portion 9,30 Euro; Rühreier, Kohlrabi, Kartoffeln, 9,80 Euro, kl. Portion 7,30 Euro; Filetspitzen Stroganoff, Pommes frites, Salat, 18,50 Euro, kl. Portion 13,50 Euro; Rotbarschfilet Müllerin 18,50 Euro; kl. Portion 13,50 Euro. Wenn Sie Allergiker sind und Fragen haben, dann sprechen Sie uns an.

          Der Fisch ist frisch und gut heute, Herr Wirtz isst Fisch. Büntgen bringt ihn, klopft sich auf die nackte Stirn, es klatscht, sagt: „Ne, meine Frau ist heute auch nicht gut drauf“, weil sie das Brot vergessen hat, und holt welches.

          Eine Gesellschaft betritt den Raum, die an diesem Tag eine diamantene Hochzeit feiert. Sie hat schon silberne und goldene Hochzeit bei Büntgen gefeiert und besteht aus vielen Senioren, die tippeln, und einigen Junioren, die man in Anzüge gesteckt hat und die darin leidlich glücklich aussehen.

          Sie sollten sich ein Beispiel nehmen an ihrem Opa oder Uropa, der aussieht wie aus einem Katalog für gutaussehende Uropas, beim sonntäglichen Kaffeekranz sicherlich immer noch beeindruckte Blicke von Witwen einfängt und in seinem dunkelblauen Anzug durch den Raum schlendert.

          Aber jetzt ist diamantene Hochzeit, die Frau zieht schon am Ärmel, es bleibt nicht mehr viel Zeit, in jeder Hinsicht. Die Gesellschaft geht in einen abgetrennten Raum, Büntgen macht die Tür zu, die eine dieser wunderbaren Falttüren ist und aussieht wie eine Ziehharmonika.

          „Wären die alle mal vorher gekommen“

          Wirtz hat die Hauptspeise aufgegessen, zum Nachtisch fährt Büntgen noch mal richtig groß auf, rollt mit einem Servierwagen daher und flambiert Crêpes in mächtig Alkohol.

          „Ne, dat is mir zu süß“, sagt Wirtz.

          „Ist ja auch das letzte Mal, dass Sie das bei mir essen müssen“, sagt Büntgen. „Das allerletzte Mal.“ Aus seinen spöttischen Worten spricht die Melancholie. Wirtz lacht. „Haben Sie eigentlich einen Nachfolger?“

          „Ne, ne“, sagt Büntgen. „Ich habe auch nicht gesucht. Bei dem, was ich in den vier letzten Wochen gearbeitet habe.“

          „Wären die alle mal vorher gekommen“, sagt Wirtz. „Ja“, sagt Büntgen. „Jetzt trinke ich erst mal einen Sekt.“ Warum auch immer.

          Er geht hinter die Theke, schüttet sich einen Sekt ein und zündet die nächste Zigarette an. Er bietet einen bizarren Anblick, wie er da den Sekt hält zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und die Zigarette zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. Büntgen ist müde und traurig und wütend, und das alles hat mit einem Tag zu tun vor acht Jahren.

          An diesem Tag vor acht Jahren setzten sich Lothar Büntgen und sein Sohn Oliver an einen Tisch in der Gaststätte, die Nachfolge sollte geklärt werden.

          Die Tischdekoration wurde schon abgeräumt.

          Oliver würde sein Nachfolger werden. Wenn ein junger Mann hinter der Theke stünde, dann würden auch die jungen Leute wiederkommen, so hatte Büntgen sich das gedacht. Oliver hatte sich das nicht so gedacht, Oliver, der seine Kindheit über der Gaststätte verbracht hatte, der eingeschlafen war mit lautem Gespräch und klirrendem Besteck und aufgewacht mit dem Essensgeruch des vergangenen Abends. Oliver, den nicht nur das fehlende Haupthaar zu einem eindeutigen Sohn seines Vaters macht. Oliver ging lieber nach China.

          Da ist er bis heute, er arbeitet für bayrische Wirtshäuser, macht Obazda und Haxen. Er hat in einer Sterneküche gelernt, die meisten Chinesen sind nach einer Maß betrunken. Der Vater weiß nicht, was er in Peking will, Bedburg ist doch auch schön.

          Lothar Büntgen mit der Speisekarte zum Abschiedsbuffet.

          Lothar Büntgen hatte als Gastwirt auf einem Eis der Selbstgewissheit getanzt, das an jenem Tag zum ersten Mal ein Stück schmolz. Wie konnte es sein, dass da einer sein Leben, das er so gerne gelebt hatte, nicht leben wollte? In jedem der folgenden Jahre, in dem die Gäste weniger wurden, schmolz diese Schicht aus Eis ein Stück mehr, und als Lothar Büntgen nicht mehr darauf stehen konnte, kurz bevor es einbrach, beschloss er, die Kneipe zu schließen.

          Büntgen hat das Ende schon im Januar angekündigt. Man kann doch nicht einfach kommen und gehen und schweigen. Es gab Leute, die noch Gutscheine hatten vom „Rheinischen Hof“, 40 oder 80 Stück, genau weiß Büntgen das nicht, die sollten wissen, dass der Büntgen schließt, soll sich ja keiner betrogen fühlen. Es sind dann nicht mehr viele gekommen mit Gutscheinen, was soll’s.

          Aber viele andere sind gekommen, viele, die in den vergangenen Jahren nicht gekommen sind. Ein Paar ist zum Mittagstisch gekommen, eines, das jede Woche kam, keine Feinde und keine Verräter. Es wohnt in Grevenbroich, nur wenige Kilometer entfernt, aber sie kriegen eine andere Lokalzeitung dort.

          „Hätten sie das nur vor fünf Jahren mal gemacht“

          Büntgen gibt ihnen einen Ausschnitt von dem Artikel, den die Lokalzeitung über ihn geschrieben hat. „Das haben sie schön gemacht, ne, schön geschrieben“, sagt die Frau. „Mh“, sagt Büntgen, „hätten sie das nur vor fünf Jahren mal gemacht, nur ne halbe Seite, dann hätte ich vielleicht gar nicht schließen brauchen, ne.“

          Die Frau nickt. Dann gehen sie, und Büntgen geht auch, schlafen. Jeden Nachmittag zwei Stunden, früher musste er nur die Treppe hinauf, dann war er in seinem Schlafzimmer, 7 auf 3 Meter, Dusche auf dem Flur, kein Wohnzimmer, keine Küche. Heute wohnt er einen knappen Kilometer entfernt. In der Kneipe herrscht Ruhe.

          Bis um sechs Uhr wieder Gäste kommen, es ist fast voll, und alle essen noch mal ordentlich, Büntgen läuft umher und schwitzt. Sterben ist anstrengend.

          Ein Sterben, das lange dauert

          Es ist ein Sterben, das lange dauert, Abschied vom Stammgast, Abschied vom Verein, Abschied vom Stammtisch, und so weiter, alle sind ein bisschen betrunken. Gerade, als man denkt, das dauert noch, das Sterben, da sind auf einmal nur schmutzige Gläser da und Teller und keine Menschen mehr. Es ist 22 Uhr. Lothar Büntgen spült.

          Um eins schließt er ab. Sie werden wiederkommen, am Sonntag gibt es noch mal ein kleines Abschiedsbuffet, das gehört schon zum Aufräumen. Auf ihre Homepage werden sie schreiben: Unser Hotel-Restaurant ist geschlossen. Wir danken allen Gästen für ihre jahre- oder jahrzehntelange Treue. Fam. Lothar Büntgen und Team.

          Regina und Lothar Büntgen treten auf die Straße, die Sonne ist untergegangen, hat etwas von ihrer Wärme in den Straßen hinterlassen. Es wird Sommer werden, und es wird ein Sommer werden ohne den „Rheinischen Hof“ in Bedburg.

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