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Gaststätte „Rheinischer Hof“ : Wir danken für die Treue

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Die Tischdekoration wurde schon abgeräumt.

Oliver würde sein Nachfolger werden. Wenn ein junger Mann hinter der Theke stünde, dann würden auch die jungen Leute wiederkommen, so hatte Büntgen sich das gedacht. Oliver hatte sich das nicht so gedacht, Oliver, der seine Kindheit über der Gaststätte verbracht hatte, der eingeschlafen war mit lautem Gespräch und klirrendem Besteck und aufgewacht mit dem Essensgeruch des vergangenen Abends. Oliver, den nicht nur das fehlende Haupthaar zu einem eindeutigen Sohn seines Vaters macht. Oliver ging lieber nach China.

Da ist er bis heute, er arbeitet für bayrische Wirtshäuser, macht Obazda und Haxen. Er hat in einer Sterneküche gelernt, die meisten Chinesen sind nach einer Maß betrunken. Der Vater weiß nicht, was er in Peking will, Bedburg ist doch auch schön.

Lothar Büntgen mit der Speisekarte zum Abschiedsbuffet.

Lothar Büntgen hatte als Gastwirt auf einem Eis der Selbstgewissheit getanzt, das an jenem Tag zum ersten Mal ein Stück schmolz. Wie konnte es sein, dass da einer sein Leben, das er so gerne gelebt hatte, nicht leben wollte? In jedem der folgenden Jahre, in dem die Gäste weniger wurden, schmolz diese Schicht aus Eis ein Stück mehr, und als Lothar Büntgen nicht mehr darauf stehen konnte, kurz bevor es einbrach, beschloss er, die Kneipe zu schließen.

Büntgen hat das Ende schon im Januar angekündigt. Man kann doch nicht einfach kommen und gehen und schweigen. Es gab Leute, die noch Gutscheine hatten vom „Rheinischen Hof“, 40 oder 80 Stück, genau weiß Büntgen das nicht, die sollten wissen, dass der Büntgen schließt, soll sich ja keiner betrogen fühlen. Es sind dann nicht mehr viele gekommen mit Gutscheinen, was soll’s.

Aber viele andere sind gekommen, viele, die in den vergangenen Jahren nicht gekommen sind. Ein Paar ist zum Mittagstisch gekommen, eines, das jede Woche kam, keine Feinde und keine Verräter. Es wohnt in Grevenbroich, nur wenige Kilometer entfernt, aber sie kriegen eine andere Lokalzeitung dort.

„Hätten sie das nur vor fünf Jahren mal gemacht“

Büntgen gibt ihnen einen Ausschnitt von dem Artikel, den die Lokalzeitung über ihn geschrieben hat. „Das haben sie schön gemacht, ne, schön geschrieben“, sagt die Frau. „Mh“, sagt Büntgen, „hätten sie das nur vor fünf Jahren mal gemacht, nur ne halbe Seite, dann hätte ich vielleicht gar nicht schließen brauchen, ne.“

Die Frau nickt. Dann gehen sie, und Büntgen geht auch, schlafen. Jeden Nachmittag zwei Stunden, früher musste er nur die Treppe hinauf, dann war er in seinem Schlafzimmer, 7 auf 3 Meter, Dusche auf dem Flur, kein Wohnzimmer, keine Küche. Heute wohnt er einen knappen Kilometer entfernt. In der Kneipe herrscht Ruhe.

Bis um sechs Uhr wieder Gäste kommen, es ist fast voll, und alle essen noch mal ordentlich, Büntgen läuft umher und schwitzt. Sterben ist anstrengend.

Ein Sterben, das lange dauert

Es ist ein Sterben, das lange dauert, Abschied vom Stammgast, Abschied vom Verein, Abschied vom Stammtisch, und so weiter, alle sind ein bisschen betrunken. Gerade, als man denkt, das dauert noch, das Sterben, da sind auf einmal nur schmutzige Gläser da und Teller und keine Menschen mehr. Es ist 22 Uhr. Lothar Büntgen spült.

Um eins schließt er ab. Sie werden wiederkommen, am Sonntag gibt es noch mal ein kleines Abschiedsbuffet, das gehört schon zum Aufräumen. Auf ihre Homepage werden sie schreiben: Unser Hotel-Restaurant ist geschlossen. Wir danken allen Gästen für ihre jahre- oder jahrzehntelange Treue. Fam. Lothar Büntgen und Team.

Regina und Lothar Büntgen treten auf die Straße, die Sonne ist untergegangen, hat etwas von ihrer Wärme in den Straßen hinterlassen. Es wird Sommer werden, und es wird ein Sommer werden ohne den „Rheinischen Hof“ in Bedburg.

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