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Gaststätte „Rheinischer Hof“ : Wir danken für die Treue

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Herr Wirtz geht ohne Zögern hindurch zu einem Tisch mit vier Stühlen, nimmt Platz, alleine. Büntgen bringt ihm eine Flasche Wasser, Gerolsteiner, 0,2, dann Gulaschsuppe, sie reden nicht, Herr Wirtz hat schon draußen auf die Karte geguckt, die in einem dieser wunderbaren Kästen hängt mit einem Biermarkenlogo oben drauf.

Tageskarte 13. Mai 2016; zu jedem Gericht eine Tagessuppe und ein Dessert. Heute Gulaschsuppe; Spareribs, Pommes frites, Salat, 11,50 Euro; Leber mit Zwiebelringen, Bratkartoffeln, Apfelmus, 11,80 Euro, kl. Portion 9,30 Euro; Rühreier, Kohlrabi, Kartoffeln, 9,80 Euro, kl. Portion 7,30 Euro; Filetspitzen Stroganoff, Pommes frites, Salat, 18,50 Euro, kl. Portion 13,50 Euro; Rotbarschfilet Müllerin 18,50 Euro; kl. Portion 13,50 Euro. Wenn Sie Allergiker sind und Fragen haben, dann sprechen Sie uns an.

Der Fisch ist frisch und gut heute, Herr Wirtz isst Fisch. Büntgen bringt ihn, klopft sich auf die nackte Stirn, es klatscht, sagt: „Ne, meine Frau ist heute auch nicht gut drauf“, weil sie das Brot vergessen hat, und holt welches.

Eine Gesellschaft betritt den Raum, die an diesem Tag eine diamantene Hochzeit feiert. Sie hat schon silberne und goldene Hochzeit bei Büntgen gefeiert und besteht aus vielen Senioren, die tippeln, und einigen Junioren, die man in Anzüge gesteckt hat und die darin leidlich glücklich aussehen.

Sie sollten sich ein Beispiel nehmen an ihrem Opa oder Uropa, der aussieht wie aus einem Katalog für gutaussehende Uropas, beim sonntäglichen Kaffeekranz sicherlich immer noch beeindruckte Blicke von Witwen einfängt und in seinem dunkelblauen Anzug durch den Raum schlendert.

Aber jetzt ist diamantene Hochzeit, die Frau zieht schon am Ärmel, es bleibt nicht mehr viel Zeit, in jeder Hinsicht. Die Gesellschaft geht in einen abgetrennten Raum, Büntgen macht die Tür zu, die eine dieser wunderbaren Falttüren ist und aussieht wie eine Ziehharmonika.

„Wären die alle mal vorher gekommen“

Wirtz hat die Hauptspeise aufgegessen, zum Nachtisch fährt Büntgen noch mal richtig groß auf, rollt mit einem Servierwagen daher und flambiert Crêpes in mächtig Alkohol.

„Ne, dat is mir zu süß“, sagt Wirtz.

„Ist ja auch das letzte Mal, dass Sie das bei mir essen müssen“, sagt Büntgen. „Das allerletzte Mal.“ Aus seinen spöttischen Worten spricht die Melancholie. Wirtz lacht. „Haben Sie eigentlich einen Nachfolger?“

„Ne, ne“, sagt Büntgen. „Ich habe auch nicht gesucht. Bei dem, was ich in den vier letzten Wochen gearbeitet habe.“

„Wären die alle mal vorher gekommen“, sagt Wirtz. „Ja“, sagt Büntgen. „Jetzt trinke ich erst mal einen Sekt.“ Warum auch immer.

Er geht hinter die Theke, schüttet sich einen Sekt ein und zündet die nächste Zigarette an. Er bietet einen bizarren Anblick, wie er da den Sekt hält zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und die Zigarette zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. Büntgen ist müde und traurig und wütend, und das alles hat mit einem Tag zu tun vor acht Jahren.

An diesem Tag vor acht Jahren setzten sich Lothar Büntgen und sein Sohn Oliver an einen Tisch in der Gaststätte, die Nachfolge sollte geklärt werden.

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