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Gaststätte „Rheinischer Hof“ : Wir danken für die Treue

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Zur Ausbildung schickte ihn sein Vater hinaus, man sollte nicht beim eigenen Vater lernen, und das war gut für Lothar Büntgen, denn im Düsseldorfer Industrieclub lernte er Regina kennen. Regina war bodenständig und nicht schlecht anzuschauen und lernte Köchin. Büntgen fragte Regina, ob sie nicht Lust habe, seine Frau zu werden. Regina hatte nicht schlecht Lust.

Büntgen hat nichts verändert

Als Regina ausgebildet war, wurde sie Köchin im „Rheinischen Hof“ und Büntgen Chef, und wenn sie arbeiteten, dann nannte Regina ihren Mann „Chef“ und er sie manchmal „Chefin“. Es waren goldene Jahre, in denen die Antworten in Bedburg einfach waren. Hochzeit? Zu Büntgen. Runder Geburtstag? Zu Büntgen. Feines Essen mit den Schwiegereltern? Zu Büntgen. Stammtisch? Beim Büntgen.

Dann kamen Vereinsheime, es kamen Restaurantketten, es kamen Menschen, die zum Essen hinausfuhren aus ihren Dörfern. Es kamen Paare, die Locations für ihre Hochzeit wollten, die Schlösser wollten oder wenigstens alte Fabriken und keine Gaststätte, in der es aussieht wie auf den Hochzeitsbildern der eigenen Eltern.

Büntgen hat nichts verändert, nicht die Karte und nicht die Möbel und nicht sich selbst, während sich sonst so ziemlich alles verändert hat in Deutschland, und man kann ihm ein lautes „Selbst schuld“ hinterherrufen, wenn er geht, oder man kann ihn dafür bewundern, dass er seinem Bild davon, wie eine Gaststätte sein soll, bis zum Ende treu blieb.

 Passionierter Karnevalist: Urkunden des Lokalbesitzers im Gastraum des „Rheinischen Hofs.“
Passionierter Karnevalist: Urkunden des Lokalbesitzers im Gastraum des „Rheinischen Hofs.“ : Bild: Edgar Schoepal

Büntgen ist früher. Früher, da aßen die Leute noch zu Mittag. Früher, da gab es noch keine Kantinen. Früher, da aßen die Leute noch deutsches Essen. Früher, da gab es noch nicht überall Chinesen und Mexikaner und sonst was. Früher, da kamen die Rentner noch, die bei ihm Mittag aßen.

Heute sind sie tot.

Büntgens Gaststätte hatte Jahrzehnte lang einen Stammtisch für Fans von Märklin-Spielzeugeisenbahnen. Es ist kein Zufall, dass in Horst Seehofers Keller auch so eine steht. Die Gaststätte war Heimat für derlei Gruppen. Sie war Räumlichkeit für Feste von Hochzeitsjahrestagen, die heute nur wenige noch erreichen.

Die Lücke zwischen Frühstück und Mittag ist vorbei, es ist zwölf Uhr, die Zeit, zu der ein Rentner isst, und Büntgen schaltet das Licht an. Bei Büntgen essen seit langem keine jungen Leute mehr. Bei Büntgen essen Rentner, und er sagt, sie täten ihm ein bisschen leid. Es gibt doch nirgendwo mehr gutbürgerlich, wo sollen sie denn noch essen?

Rustikal: Das Mobiliar des Gasthofs.
Rustikal: Das Mobiliar des Gasthofs. : Bild: Edgar Schoepal

Das Licht ist an und kräftig, und gleich sieht alles weniger schummrig aus. Büntgen sagt, dass Herr Wirtz jetzt kommt, und wenige Sekunden später betritt ein Mann, der augenscheinlich Herr Wirtz ist, den Gastraum, ein Läuten begleitet ihn. Herr Wirtz kommt seit immer in den „Rheinischen Hof“, sieht dafür unvermutet jung aus und ist ein fülliger Herr mit Vollbart und Brille und Hemd mit Karo-Muster.

Man könnte fast denken, er sei Hipster, aber wahrscheinlich hat er das so getragen, bevor Mittzwanziger mit Macbook anfingen, so etwas cool zu finden. Wenn Herr Wirtz ein Hipster wäre, ginge er ohnehin in Burger-Läden und nicht zu Büntgen, da ist es selbst dem gemeinen Hipster zu retro. Speisekarten auf Schiefertafeln gibt es hier auch nicht.

„Guten Tag“, sagt Herr Wirtz und schaut nicht hoch. Man muss sich Herrn Wirtz in seiner Gesamtheit als leisen Mann vorstellen. „Guten Tag“, sagt Büntgen.

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