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Gaststätte „Rheinischer Hof“ : Wir danken für die Treue

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Büntgen sagt, er möchte den ganzen Kram nicht verkaufen, wenn er geschlossen hat. Dann käme ja keiner. Aber wenn er es verschenken würde, dann kämen sie alle. Lieber schmeißt er die 350 Servietten und das Besteck und die unbenutzten Weingläser und die Teller an den Wänden und die Tischdecken und alles in den Müll.

Warum sollte er es den Leuten noch freundlich hinterherschenken, die ihn so bitterlich im Stich gelassen haben in den letzten Jahren, findet er. Büntgen und die Gäste, es ist so eine Sache.

Büntgen ist wie der Mann, der von seiner Frau für einen Neuen verlassen wurde. Nur ist ihm das nicht einmal passiert, sondern hundert- oder tausendmal, und diesen ganzen großen Schmerz versucht er damit zu bekämpfen, dass sie doch alle gar nicht so toll waren, seine Ex-Gäste.

Er flucht und motzt und zetert und vermisst sie. Hat er, der sich über die Jahre so geplagt hat, nicht ein Recht auf Glück und Anerkennung?

An dem Tag, an dem Lothar Büntgen die Gaststätte schließt, entsteht eine Lücke zwischen Frühstück und Zigarette und Mittagessen, eine Lücke, die Büntgen mit nichts zu füllen vermag. Die Tische sind gedeckt, Gabel, Messer, Löffel, im scharfen Bug gefaltete grün-weiße Servietten, weiße Tischdecken, Trockenblume.

Seine Frau Regina steht in der Küche und kocht. Büntgen ist verloren hinter seiner Theke und raucht und redet, damit er nicht denken muss. „Vor ein paar Tagen hat ein Mann bei mir angerufen, wollte einen Tisch bestellen. Ich hatte keinen mehr frei, es war schon alles ausgebucht. Ich hatte ihm letzte Woche schon gesagt, dass das wahrscheinlich so ist. Aber er wollte ja nicht hören.“

Früher, da hieß es: Hochzeit? Zu Büntgen. Geburtstag? Zu Büntgen. Stammtisch? Beim Büntgen.
Früher, da hieß es: Hochzeit? Zu Büntgen. Geburtstag? Zu Büntgen. Stammtisch? Beim Büntgen. : Bild: Edgar Schoepal

Da hat er angefangen zu schimpfen. Wie es denn sein könne, dass man einen jahrelangen Stammkunden vor die Tür setze. „Ne, so sind die Leute ja heute. Was die einem immer als treuen Stammgast verkaufen wollen. Da habe ich einmal angefangen zu rechnen. Der ist meistens einmal die Woche gekommen, hat Mittagstisch gegessen für 13 oder 14 Euro pro Kopf, manchmal bisschen mehr, manchmal bisschen weniger. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall, das muss man halt so sagen, hat der immer geschlabbert, die Tischdecke konnte ich danach in die Reinigung bringen. Die Reinigung von so einer Tischdecke kostet mich 2,90 Euro. Ich klau’ ja den Einkauf nicht, ich muss ja auch Miete zahlen, und Strom und so weiter. Was habe ich denn an dem dann verdient? Und der meint, er wäre ein guter Gast.“ So sieht Büntgen das, und vielleicht sieht er es auch nicht so und ist nur traurig.

Büntgen war ein Wirt, auch als Kind, da nannte man ihn nur nicht so, und bald wird er keiner mehr sein.

Schinken und Russeneier

Er stand im „Rheinischen Hof“, als Konrad Adenauer Bundeskanzler war und als Willy Brandt Kanzler war und als Helmut Kohl Kanzler war und bei allen anderen Kanzlern auch.

Als er Kind war und die Eltern am Nachmittag schliefen, schüttete Büntgen in der Gaststätte Korn aus und Bier und für einen Stammgast, einen Veteranen, drehte er Schinken zu Röllchen und machte Russeneier.

Büntgen sagt, es habe keinen Moment in seinem Leben gegeben, in dem er nicht wusste, dass er Wirt werden wollte.

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