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Weltmarktführer : Holland sieht rot: Jetzt werden die Tomaten gedopt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Hollands Tomaten werden immer praller, immer größer - und immer geschmackloser. Sie wachsen ohne Erde, leben von Fischwasser und atmen Industriegase. Welche Tricks verwenden die Züchter?

          Aus der Ferne sieht es aus, als habe jemand eine flache, gigantische Glasglocke über die Felder gestülpt. Sie haben einfach den kompletten Landstrich überdacht. Denn eines können sie sich hier nicht leisten: Landmasse unbeackert zu lassen, nur weil Küstenwind und Nieselregen unwirtlich darüber hinwegfegen. Bis an den Horizont reichen die Plantagen aus Gewächshäusern. Darunter steckt die halbe Provinz Westland und eine Menge Hochtechnologie. Holland produziert Gemüse für Milliarden. Denn obwohl es eines der kleinsten Länder der Erde ist: Es ist der zweitgrößte Landwirtschaftsexporteur der Welt.

          Nur die Vereinigten Staaten produzieren noch mehr Getreide, Gemüse und Vieh für den Weltmarkt. Was sie aber der schieren Größe ihrer Anbauflächen verdanken. Trotz des enormen Flächenunterschieds halten die Holländer beim Ausstoß bestens mit. Ein Zehntel des niederländischen Bruttosozialprodukts stammt aus der Landwirtschaft. Das ist für ein Industrieland viel. In Deutschland ist es gerade mal ein Prozent.

          Immer praller, immer größer - und immer geschmackloser

          Produktiver als die Holländer ist außerdem kaum einer. Sie haben insbesondere beim Gemüse gezeigt, wie sich mehr Kilo aus jedem Quadratmeter Fläche herausholen lassen. Sie haben die Pflanzenzucht nicht nur perfektioniert, man könnte glatt sagen: Sie haben sie industrialisiert. Erde sucht man in den Gewächshäusern vergebens. Die Stengel wachsen auf Steinwollehäufchen und werden per Zeitschaltuhr mit Nährlösung, Luft und Licht versorgt. Dank solcher Techniken ist die Produktivität der holländischen Landwirtschaft zweieinhalb mal höher als der europäische Durchschnitt. Und bei den Tomaten macht ihnen sowieso keiner was vor.

          Kein anderes Land dominiert den globalen Tomatenmarkt so wie sie. Dafür haben sie freilich einen hohen Preis bezahlt: Immer mehr Platz räumten sie der Tomate in den vergangenen 40 Jahren ein und bauten stetig neue Gewächshäuser für die südländische Frucht. Inzwischen berankt sie so viel Raum, wie Deutschland insgesamt an Treibhausfläche aufzubieten hat: 1500 Hektar, das sind 3000 Fußballfelder. Würde man Hollands Tomatensträucher gesammelt verpflanzen, wäre in unseren Treibhäusern nicht einmal Platz für eine einzige Gurkenranke.

          Aber nicht nur die Fläche wuchs, die Züchter machten die Früchte auch immer praller, immer größer – und immer geschmackloser. Das quittierten deutsche Verbraucher in den 80er Jahren, indem sie der Hollandtomate eine Wasserbombe schimpften. Der Schmähruf hält sich seit 20 Jahren und nagt an der Züchterseele.

          Die spanischen Bauern sind die größte Konkurrenz

          Man merkt es, wenn Großzüchter wie Jos van Mil über das gesamteuropäische Lieblingsgemüse reden. Über die Pflanze, die „so lange unterschätzt“ wurde, immerhin eine 1000-jährige Geschichte und 60 Geschmackssorten hat und deren Image dringend aufpoliert gehöre. Dazu hat er das Innovations- und Anbauzentrum „Tomatoworld“ mitgegründet. Hier soll die Tomate einerseits zurückbekommen, was sie verloren hat: den Geschmack. Andererseits erproben Züchter hier, wie sie es schaffen, dass die ausländische Konkurrenz der holländischen Tomate nicht zu sehr auf die Pelle rückt.

          „Wir haben einen guten Standort mitten in Europa und ein gutes Klima, aber wir denken sehr viel darüber nach, wie wir unsere Füße trocken halten können“, sagt Landwirtschaftsministerin Edda van Burgh dazu.

          Die spanischen Bauern sind die größte Konkurrenz. Weil die intensiv den europäischen Markt beackern, aber viel billiger produzieren können: Ihre Lohnkosten sind niedriger und Tomaten wachsen unter südlicher Sonne fast von selbst. So sparen sie sich die teuren Gewächshäuser, denn sie brauchen bloß ein bisschen Plastikfolie um die Felder abzudecken und vielleicht noch ein paar Schädlingsbekämpfungsmittel.

          Tomatenpflanzen in Röhrensystemen

          Die Füße trocken halten heißt für Hollands Agrarleute also in erster Linie: Kosten senken. Wie sie das machen können? Die Bauern müssen den Wasser- und Stromverbrauch ihrer Gewächshäuser reduzieren. Parallel dazu müssten die Züchter das Wachstum der Pflanzen verbessern, sagt Nico Koomen, Vorsitzender des niederländischen Rates für Gemüseanbau. Dass das einfacher ist, als viele glauben, zeigen die Feldversuche, die bei Tomatoworld und der landwirtschaftliche Universität von Wageningen zarte Wurzeln geschlagen haben:

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