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Weltmarktführer : Holland sieht rot: Jetzt werden die Tomaten gedopt

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Hier wachsen die Tomatenpflanzen schon in Röhrensystemen. Dünger und Nährlösung werden vom Dach aufgefangen und durch die geschlossenen Rohrleitungen an ihre Wurzeln gespült. So versickert kaum ein Tropfen ungenutzt im Boden. Wenn Huub Loffler, Professor an der Universität Wageningen, zurecht mahnt: ,„Weltweit verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent des Frischwassers, das ist immens“, dann hat Willem Kemmers dafür vielleicht schon eine Lösung.

Sonnenkollektoren und schwenkbare Spiegel

Er ist zuständig für Forschung beim Agrardienstleister Priva und leitet das Projekt EcoFutura. Das versprüht in Gewächshäusern kein Frischwasser mehr – sondern Fisch-Wasser: Das Abwasser aus Fischzuchtbecken wird an die Tomatenwurzeln gepumpt. Denn was Fische an Mineralien im Becken hinterlassen, das gibt den Gemüsepflanzen zusätzliche Nährstoffe. Gerade für Küstenländer wäre das „eine Revolution, wenn es massenhaft angewandt würde“, sagt er und flachst: „Man kann allerdings streiten, ob diese Tomaten auch für Vegetarier geeignet sind.“

Tiere sparen auch an anderer Stelle Kosten: So besorgen Hummeln in den meisten Gewächshäusern die Bestäubung der Pflanzen, wo früher noch Menschen per Hand einzeln die Tomatenblüten betupfen mussten. Und nützliche Insekten werden auf die Pflanzen gesetzt, um Schädlinge von den Blättern zu fressen. Das ist billiger als Chemie.

Andere beweisen schon, dass die Gewächshäuser keine Stromfresser sein müssen, sondern sogar welchen produzieren können: Beim Prototypen der Universität Wageningen fangen Sonnenkollektoren und schwenkbare Spiegel auf dem Dach das Sonnenlicht ein. Sie wandeln es in Energie um und speisen sie ins Stromnetz ein. So produzieren die Glashausbesitzer tagsüber den Strom selbst, den sie nachts für Beleuchtung oder Lüftung abzapfen. Etwa jeder dritte Gewächshausbesitzer nutzt auch schon Solarzellen.

„Im Prinzip ist die Technik schon so weit“

Und auch das funktioniert bereits im Großversuch: Sonnenkollektoren auf dem Dach erhitzen im Sommer große Wassermengen, die tief unter die Erde gepumpt werden. Dort speichert die Erde die Temperatur monatelang, bis das Wasser im Winter herausgepumpt wird und mit 20 Grad in die Heizungsrohre gepumpt wird. „Im Prinzip ist die Technik schon so weit, dass wir sie auf unsere 10.000 Hektar Gewächshäuser in Holland setzen könnten“, sagt Entwickler Piet Sonneveld. Würde sie flächendeckend installiert, ließen sich 4000 Megawattstunden Strom pro Jahr erzeugen und zwei bis drei große Kraftwerke ersetzen, schätzt er.

Der Nebeneffekt, den die meisten Ideen der Züchter und Forscher haben: Sie ersparen der Landwirtschaft nicht nur Kosten, sondern bringen auch noch einen Gewinn für die Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass den Holländern nur zu bewusst ist, wie abhängig sie von dieser Umwelt sind, dass sie gerade auf solche Techniken so viel kreative Energie verwenden. Denn 20 Prozent ihrer Landmasse liegen tiefer als der Meeresspiegel, betont Ministerin Edda van Burgh. Nur die hohen Deiche rund um die westlichen Provinzen halten die See bisher davon ab, das kleine Königreich zu fluten. Deshalb fördern Thronfolger auch Willem Alexander und die beiden Ministerien für Wirtschaft und Landwirtschaft die Erforschung neuer Technologien mit Fördergeldern.

Beinahe täglich erinnern die Zeitungen aber daran, was passieren würde, wenn Erderwärmung und Klimawandel den Meeresspiegel anheben würden. Und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die Holländer das englische Wort „greenhouse“ in ihren Sprachschatz aufgenommen haben, das nämlich rückt sowohl die schädlichen Treibhausgase als auch die Gewächshäuser in viel größere Nähe als ihr eigenes Wort vom „Glasgartenbau“.

„Dann wachsen die Pflanzen deutlich schneller“

Aber auch gegen den Ausstoß des Treibhausgases CO2 ist ihnen längst etwas eingefallen, was wiederum den Tomaten hilft: Kohlendioxid setzt schließlich die Photosynthese in Gang. Deshalb fangen Großunternehmen einen Teil ihrer Abluft auf, reinigen und komprimieren sie und leiten sie über ein Pipeline-System in die Gewächshäuser. Dort befeuern sie gewissermaßen das Pflanzenwachstum. Zusätzlich zu dem CO2-Gehalt, den die sich ohnehin aus der Luft holen würden. „Vergrößert man den CO2-Gehalt auf diese Weise, wachsen die Pflanzen deutlich schneller“, sagt Jos van Mil.

Die Hälfte der Gewächshäuser ist schon an das Rohrsystem angeschlossen. Die Industrieunternehmen bezahlen für die Verlegung der Rohre und den Gastransport. Die Züchter zahlen einen kleineren Betrag für den Dünger der besonderen Art. Jetzt muss nur noch jemand den Kunden erzählen, dass sie mit jeder dieser Tomaten auch der Umwelt helfen.

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