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Tödliches Superbakterium : Im Wettlauf mit resistenten Erregern

  • -Aktualisiert am

Dem Superbakterium auf der Spur: In Antwerpen wird nach einem Todesfall nach den „NDM-1-Keimen” geforscht Bild: AFP

In Belgien gab es den ersten Todesfall, der dem neuen Superbakterium NDM-1 zugeschrieben wird. Es ist resistent gegenüber fast allen Antibiotika. Auf ihrem Siegeszug haben die Erreger auch Deutschland erreicht.

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          Bakterien mit ausgeprägter Resistenz gegenüber fast allen Antibiotika drohen sich immer weiter auszubreiten. Sie wecken Befürchtungen, eines Tages gegen Infektionen mit solchen Erregern machtlos zu sein. Neuerdings sind es „NDM-1-Keime“, die zu Beunruhigung führen. Sie kommen vor allem in Indien und Pakistan vor und wurden anscheinend schon in mehrere Länder verschleppt. Man fand sie, wie eine Forschergruppe kürzlich in der Zeitschrift „Lancet Infectious Diseases“ berichtete, unter anderem in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.

          Auf ihrem Siegeszug haben die multiresistenten Erreger auch den europäischen Kontinent erreicht. In Belgien gab es einen Todesfall, der mit den Bakterien in Zusammenhang gebracht wird. Ein Patient pakistanischer Herkunft war dort nach einem Verkehrsunfall in eine Klinik gebracht worden, wo die Erreger eine schwere Wundinfektion verursachten.

          Erste Fälle in Deutschland

          In diesem Jahr wurden die Keime, die zu den gram-negativen Bakterien zählen, zum ersten Mal auch in Deutschland nachgewiesen. (Die Bezeichnung „gram-negativ“ dient nur der groben Einteilung und besagt, dass die Erreger mit einem bestimmten Verfahren nicht angefärbt werden können.) Es handelt sich aber nur um vereinzelte Fälle. Sie machen weit weniger als ein Prozent aller erfassten Infektionen mit multiresistenten gram-negativen Erregern aus, wie Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut, Bereich Wernigerode, erläutert. Witte leitet das in Wernigerode ansässige Fachgebiet „Nosokomiale Infektionen“ und ist mit dem Phänomen der Vielfach-Resistenz vertraut. Am Robert-Koch-Institut überwacht man systematisch das Vorkommen entsprechender Erreger. Dazu wurde in den vergangenen drei Jahren das Antibiotika-Resistenz-Surveillance-System ARS aufgebaut. Wie wichtig es ist, rechtzeitig Auftreten und Verbreitung resistenter Infektionserreger zu erkennen, um dann wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten, zeigte sich bei den berüchtigten MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus). Was die Verbreitung von NDM-1-Keimen in Deutschland betrifft, sieht Witte bisher „kein akutes Problem“.

          Hinter dem Kürzel NDM-1 verbirgt sich das Wortungetüm „Neu-Delhi-Metallo-Beta-Lactamase“. Es steht für ein bakterielles Enzym, eine Carbapenemase. Die Bezeichnung Carbapenemase rührt daher, dass dieses Enzym den Keimen die Fähigkeit verleiht, sogenannte Carbapenem-Antibiotika unschädlich zu machen. Gerade diese Medikamente gelten aber als eine der letzten Verteidigungslinien gegen Krankheitserreger mit vielfacher Resistenz. Carbapeneme gehören zur therapeutisch wichtigen Gruppe der Beta-Laktam-Antibiotika. Auf sie greift man bisher zurück, wenn andere Beta-Laktame nicht mehr anschlagen. Tückischerweise ist die Carbapenem-Resistenz auf Stücken des bakteriellen Erbgutes verankert, die leicht auf andere gram-negative Bakterien übertragen werden können.

          Eingeschleppt durch Schönheitsoperationen

          Erschwert wird die Situation dadurch, dass die jetzt ins Blickfeld gerückte Resistenz nicht etwa bei irgendwelchen exotischen Erregern vorkommt, sondern bei gewöhnlichen Darmbakterien der Art Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae. Gerade in Schwellenländern mit mangelhafter Trinkwasseraufbereitung finden solche Bakterien gute Voraussetzungen für ihre Verbreitung. In Indien wurden sie bereits in Oberflächengewässern entdeckt. Im Zuge der Globalisierung werden die Keime über Kontinente hinweg verschleppt. Als eine – aber gewiss nicht die einzige – Quelle werden Schönheitsoperationen in indischen Kliniken genannt, denen sich westliche Medizintouristen unterziehen.

          In Staaten wie Deutschland dürfte das bezüglich NDM-1 sehr geringe Ansteckungsrisiko nach Ansicht von Witte auf Krankenhäuser beschränkt bleiben. Dort müsse schon wegen der vielen anderen potentiellen Krankheitserreger strengstens auf Hygiene geachtet werden. Auch komme es darauf an, die Antibiotikabehandlung auf die lokale Situation hinsichtlich des Erregerspektrums abzustimmen. Zum Beispiel lasse sich durch eine sparsame Anwendung von Carbapenemen die Selektion resistenter Keime eindämmen. Gegen die NDM-1-Bakterien gibt es nach Witte „in begrenztem Umfang noch therapeutische Alternativen“. Dazu gehören die Antibiotika Tigezyklin und Colistin.

          18 Tote in New York

          Anders als manche Berichte über die NDM-1-Keime nahelegen, sind Resistenzen gegen Carbapeneme keineswegs neu, sondern Fachleuten seit Jahren bekannt. So starben 1998 in einer New Yorker Klinik 18 Patienten an Infektionen mit Klebsiella-Bakterien, die über die Carbapenem-Resistenz KPC-2 verfügten. Später verursachten diese Erreger vereinzelt Infektionen in Frankreich und Deutschland. Der Wettlauf zwischen der Entwicklung neuer Antibiotika und der Ausbreitung von Resistenzen dauert jedenfalls schon lange – und es gilt zu verhindern, dass die resistenten Krankheitserreger an Vorsprung gewinnen.

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