https://www.faz.net/-gum-yfmy

Tod im Zoo Berlin : Knut und die Knutianer

  • -Aktualisiert am

In der Geschichte der Zoos gab es mehrere Anläufe, die Wildtierhaltung in Gefangenschaft grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine erste Welle der fundamentalen Kritik entstand schon Ende des 18. Jahrhunderts, als Wildtiere noch nicht in Zoos, sondern in den fürstlichen Menagerien gezeigt wurden. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Zoos dann wieder von Kritikern grundsätzlich in Frage gestellt, da man dem Tierschutzgedanken neue Bedeutung zumaß. Doch dann kam der Krieg, und die Kritik verhallte. Heute betrachten Tierschützer die Zoos erneut mit Argwohn. „Egal was wir machen, wir sitzen auf dem Dach und können an beiden Seiten hinunterrutschen“, beschreibt Heiner Klös die Situation.

Peta fordert ein Ende der Eisbärenhaltung

Die Kritik am Umgang des Zoos mit Knut wäre wohl durch kein Sektionsergebnis der Welt aus der Welt geschafft worden. Schließlich kann Stress durch Mobbing das Immunsystem schwächen und Krankheiten verschlimmern. Auch Inzucht, der zweite große Vorwurf, kann, aber muss ein Tier nicht krank machen. Inzucht kommt selbst in der Natur vor, auch bei Eisbären. Die Jungtiere verlassen den Familienverband, die Männchen haben größere Streifgebiete als die Weibchen und können auf Schwester, Tante oder Mutter treffen. Je nach Genpool werden Krankheiten dann begünstigt oder nicht.

Der Tierschutzverband Peta Deutschland fordert aus Anlass von Knuts Tod, die Eisbärenhaltung in Zoos zu beenden: „Die Tiere haben einen enormen Bewegungs- und Raumbedarf, den ihnen ein Zoo nicht im Entferntesten bieten kann“, heißt es auf der Homepage des Verbandes. „Ein Leben in Gefangenschaft macht die Eisbären automatisch krank.“

War das Problem die mutterlose Aufzucht?

Falls auch Knut ein schweres Leben hatte, glaubt zumindest Ulrich Schürer die Ursache dafür zu kennen. Der Zoologe ist Direktor des Zoos Wuppertal, in dem Knuts Vater Lars lebt. „Das zentrale Problem bei Knut war, dass er von seiner Mutter nicht angenommen wurde“, sagt Schürer. Tatsächlich sind Verhaltensprobleme bei Tieren aus Handaufzucht häufig. Ihre Gehirnanatomie spiegelt das. So beobachtete man etwa bei mutterlos aufgewachsenen Rattenbabys, dass ihre Synapsen, die Verbindungen zwischen Nervenzellen, im limbischen System, einem Gehirnteil, völlig anders verteilt waren als bei Ratten, die von ihrer Mutter umhegt worden waren.

Ob Knut unglücklich gewesen ist in seinem kurzen Leben im Zoo, wird wohl niemand je genau wissen. Für die Knutianer wenigstens scheinen die vier Jahre eine glückliche Zeit gewesen zu sein. Der vergangene Freitag, Knut war seit sechs Tagen tot, war der vierte Jahrestag seines ersten öffentlichen Auftritts 2007, der ihn weltberühmt gemacht hatte. Knut-Fan „ChristinaBerlin“ schrieb an diesem Tag in ihren Blog „cutecrazyknut.blog.de“: „Vier unvergessliche Jahre waren das, die einem viel länger vorkamen, weil sie so erfüllt waren.“

Weitere Themen

Fassungslose Anwohner wollen Antworten Video-Seite öffnen

Isolierte Familie in Ruinerwold : Fassungslose Anwohner wollen Antworten

Die Bewohner des holländischen Ort Ruinerwold verstehen die Welt nicht mehr. In ihrer Nachbarschaft sollen Kinder neun Jahre lang gegen ihren Willen auf einem Hof festgehalten worden sein. F.A.Z-Redakteur Sebastian Eder hat sich vor Ort umgeschaut.

Topmeldungen

„Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.