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Tod im Zoo Berlin : Knut und die Knutianer

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Im Zoo Berlin gibt es einen Begriff für Knuts Fangemeinde vor dem Eisbärengehege: „Knutianer“. Zu ihnen gehören regelmäßige Besucher und auch eine große Szene von Knut-Bloggern. „Viele der Knutianer sind immer noch jeden Tag da, legen Blumen nieder und zünden Kerzen an“, sagt Heiner Klös. „Es war so, dass viele Menschen mit Knut wieder richtig angefangen haben zu leben. Unter den Knutianern sind viele Alleinstehende, die über Knut wieder Kontakte gefunden haben.“

Knuts Leben wurde zur Projektionsfläche

Die gemeinsamen Gefühle verbanden; vor dem Gehege schloss man Freundschaft und identifizierte sich in der Gruppe mit dem Eisbär. Das Zootier Knut, im Käfig, mutterlos, womöglich gemobbt, wurde zur Projektionsfläche. Fast jede Wende in Knuts Schicksal ließ sich als leidvoll interpretieren. Knuts Leben war zum Beispiel reich an Trennungen, angefangen mit seiner Geburt, nach der ihn Mutter Tosca verstieß. „Die meisten haben uns dann auch nicht verziehen, dass wir Thomas Dörflein nicht mehr zu Knut ließen“, sagt Klös. Der Kurator konnte die Verantwortung für die Sicherheit des Pflegers nicht mehr übernehmen, als Knut größer und gefährlicher geworden war. Auch für die Entscheidung, Knuts Eisbärfreundin Gianna nach einem Jahr wieder aus dem Gehege zu nehmen, hagelte es Kritik. Anschließend gliederte man Knut im Herbst 2010 in die Gruppe um Mutter Tosca ein. „Die ersten zehn Tage dort waren wirklich kein Zuckerlecken“, gibt Klös zu. „Knut war eher der Typ Einzelgänger, der sich zurückzog.“

Das Mitleid der Zoobesucher kannte keine Grenzen: „In Knuts beiden Lieblingsecken des Geheges fanden wir immer die meisten Croissants und illegalen Spielmittel, etwa Bälle und Gummihühnchen – übrigens alles Gegenstände, mit denen man einen Eisbär schwer krankmachen kann“, sagt Klös. Knut habe sich nicht wohl gefühlt in seinem Gehege, es sei zu klein gewesen, kritisieren seine Fans. „Das Gehege ist von 1966, es gibt neuere“, sagt Klös. „Man würde es heute anders bauen. Aber ich habe hier im Zoo 17.000 Tiere – nicht nur Knut.“

Jungtiere sind wichtig für Zoos

Die Debatte berührt die grundlegende Frage, ob die Haltung wilder Tiere in Zoos tierschutzgerecht gehandhabt und somit gerechtfertigt werden kann. Die meisten der deutschen Zoologischen Gärten wurden in den Jahrzehnten nach 1830 gegründet. Die Gründer waren vor allem Ärzte, Lehrer naturwissenschaftlicher Fächer, Kaufleute und Bankiers. Ihre Zoos sollten Stätten der Bildung sein – auch, weil der Biologieunterricht in den Schulen zu wünschen übrig ließ und viele Themen aus politischen Gründen ausklammerte, etwa die Biologie der Säugetiere. Nach dem Ersten Weltkrieg richtete man das Augenmerk verstärkt darauf, Nachwuchs zu haben, um Tiermütter mit ihren Kindern zeigen zu können. Bis heute ist die Nachzucht von besonders populären Tierarten für Zoos auch wirtschaftlich extrem wichtig. Die Umsätze des Berliner Zoos etwa sollen nach dem „Knut-Jahr“ 2007 im Jahr 2008 sofort wieder um 24 Prozent zurückgegangen sein.

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