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Es geht immer noch schlimmer : Titten, Arsch und Stimme

  • -Aktualisiert am

Kay One hält sich für unverwundbar. Bild: RTL

Kay One lässt in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ seine ganz persönliche Sau raus. Der Rapper bedient die Zielgruppe, die glaubt: Wenn so einer es dahin schafft, kann ich das auch.

          Wenn er auftritt, jubeln die Mädchen im Publikum in einer Weise, die nach purer pubertärer Entzückung klingt. Womit die Frage, was diesen Rapper, der sich Prince Kay One nennt, dafür qualifiziert, in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ zu sitzen, womöglich auch schon beantwortet ist.

          Er ist 29 Jahre alt, was man gar nicht glauben kann, es sei denn, man hätte sich auch Beavis und Butt-Head als Endzwanziger vorgestellt. Sein Kriterium bei der Beurteilung der Talente, die vor ihm singen und tanzen, ist klar: Gewinnen sollte, wer ihm die größte Erektion verschafft. „Einen fetten Ständer“, diagnostizierte er am vergangenen Samstag bei sich nach einem Auftritt. Mit einem dummglücklichen Strahlen im Gesicht attestierte er einer Kandidatin, dass sie „alle drei Sachen“ habe: „Titten, Arsch, Stimme“. Und der Aufzählung von Dieter Bohlen, der eine Kandidatin schon Huhn, Ziege und Frosch genannt hatte, fügte er sichtlich stolz über die eigene Originalität ein viertes Tier hinzu: „Geile Sau.“

          Gewinnen sollte, wer ihm die größte Erektion verschafft: Kay One wünscht sich im Kreise seiner Kollegen einen „Ständer“.

          Manchmal versucht er, so etwas wie einen Gedanken zu formulieren: „Weißwieichmein? Ganz normal. Kuckma.“ Vielleicht sitzt er hier nicht aufgrund seiner Erfolge als Rapper und Selbstvermarkter, sondern im Gegenteil stellvertretend für eine Zielgruppe, die ihn sieht und denkt: Wenn so einer es dahin schafft, kann ich das auch. Gegen das Nicht-Superstar-Werden in dieser Sendung ist ja der Traum, es in die Superstar-Jury zu schaffen, ungemein attraktiv.

          Als Möchtegern-Titänchen sitzt Kay One neben Bohlen, inflationiert dessen Universal-Lob „Hammer“ in Sätzen wie: „Du hast das Hammer gemeistert!“ und kopiert Bohlens Art, die Kandidaten runterzupöbeln. Nur dass der seine Methode, so unangenehm sie auch ist, wenigstens beherrscht. Es sind kalkulierte Beleidigungen, zielgerichtet und vernichtend. Kay One dagegen stolpert, gleichzeitig unsicher und zum Äußersten entschlossen, durch die Show wie ein Besoffener mit einem Arsenal entsicherter Handgranaten, die überall hinfliegen und explodieren, gern auch mal in seiner Hand. Immer wieder muss Bohlen seinen Schützling sachte einfangen oder mit fieser Ironie bremsen, und vielleicht ist auch das ein Grund, warum dieser Kay One in der Jury sitzt: damit Bohlen im Vergleich plötzlich reif, vernünftig und sozial kompetent wirkt.

          Das Ziel ist, den anderen zu verletzen

          Manchmal glaubt man selbst das DSDS-Saal-Publikum scharf einatmen zu hören, wenn Kay One eine positiv gemeinte Beurteilung abschließt mit dem Satz: „Das Einzige, was mich abgelenkt hat von der Performance, waren diese hässlichen Tänzerinnen.“ Oder einer jungen Frau, die sich noch Hoffnung macht, hier ihre Gesangskarriere starten zu können, sagt: „Ich hoffe, du gewinnst das Auto heute, dann kannst du dein Geld mit Taxifahren verdienen“, was er anscheinend nicht einmal böse meinte, das Blut war nur womöglich wieder nicht im Gehirn, wobei nicht ganz klar ist, ob das einen Unterschied machen würde. Als er, für eine Überleitung, sagen soll, wie spät es ist, muss er mit Blick auf seinen Arm passen: „Ich seh’ nur Steine auf der Uhr.“ Auf das darauf folgende Raunen antwortet er hilflos: „Ich wollte nicht angeben!“

          Mit dem Engagement Kay Ones hat RTL das Kunststück geschafft, das Karma einer ohnehin schon übellaunigen und zynischen Fernsehsendung noch weiter zu belasten. Wenn sich die Juroren untereinander anzicken, die Herren Bohlen und One gegen Marianne Rosenberg und „Mia“-Sängerin Mieze Katz, ist das kein munteres Gefrotzel im Dienste der Unterhaltung, sondern ein aggressives Rechthaben- und Verletzenwollen. Wenn Rosenberg erklärt, dass sie halt andere Kriterien habe als den reinen Kommerz, und das anhand eigener Entscheidungen erklärt, erwidert Bohlen: „Ich akzeptier’ das völlig“, nur um hinzuzufügen: „Wenn man erfolglos sein will, muss man diesen Weg konsequent weitergehen.“ Und Kay One sitzt dazwischen, vermutlich auf eine andere Art wieder erregt, und fragt begeistert: „Das ist die beste Sendung in Deutschland, oder?“ Zum Glück nicht einmal mehr, wenn man es nach Quoten mäße.

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