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Tierseuche : BSE-Schnelltests am lebenden Tier sind noch Zukunftsmusik

  • -Aktualisiert am

Der Fleischkonsum ist wieder auf dem Stand wie vor der BSE-Krise Bild: dpa

Obwohl sich die Negativschlagzeilen um das Thema BSE wieder häufen, bleiben die meisten Verbraucher gelassen.

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          „Die Verbraucher sind noch nicht verunsichert“, sagt Dietmar Weiß, Leiter der Abteilung Vieh und Fleisch der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP). Das aber kann sich schnell ändern, denn statt verbesserter Tests zur Früherkennung von BSE, kommt nur unzureichend geprüftes Fleisch auf den Markt. Schlampig arbeitende Labore, nachlässige Kontrolleure, gravierende Mängel bei der Zentralen BSE-Datenbank „HIT“ und keine neuen Erkenntnisse in der BSE-Forschung sind in Sicht.

          Ob Bundesministerium für Verbraucherschutz, Pharmaunternehmen oder Wissenschaftler, die Antwort auf Frage nach dem Stand der BSE-Forschung ist jedes Mal ähnlich lapidar: „Zwar arbeitet eine Reihe von Instituten intensiv etwa am Lebendtiertest, aber wann solch ein Test auf den Markt kommt, ist ungewiss“, bewertet etwa Ursula Horzetzky, stellvertretende Pressesprecherin der Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft den Stand der Forschung. „Noch sind alle Parameter der Krankheit, also Ursache und auch Übertragungsweg, nicht einwandfrei geklärt und solange wird praktisch im Nebel herumgestochert.“

          Tests nicht ausgereift

          Das bestätigt auch Oskar-Rüger Kaaden vom Münchner Institut für Medizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenmedizin. „Es gibt viele Ansätze, aber nichts scheint mir weit gereift.“ Als Beispiel nennt er das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. „Noch bis vor Kurzem haben sie vollmundig gesagt, bald mit einem Test auf den Markt zu kommen. Jetzt hat Boehringer diese Aussage zurück genommen.“ Noch im Winter 2000 hatte das Unternehmen einen Bluttest am lebenden Tier für Ende 2001 angekündigt, der ein mit der Krankheit korrelierendes Markermolekül nachweist.

          Doch „unsere Hoffnungen, bald mit einem Schnelltest auf den Markt zu kommen, haben sich zerschlagen“, bestätigt Julia Kleinmann, Pressesprecherin des Unternehmens. „Unser Ansatz war erfolgversprechend, hat sich aber als nicht wirklich spezifisch genug erwiesen.“ Auch Kleinmann glaubt nicht daran, dass noch in diesem Jahr ein anderer Test am lebendigen Tier auf den Markt kommt: „Die BSE-Seuche ist ein rätselhaftes Feld, schon allein deshalb, weil wir es hier mit einer neuen Erregerform zu tun haben“, sagt sie

          Noch nicht heilbar: die Creutzfeld-Jakob-Krankheit

          „Bis ein Test Marktreife hat, dass kann noch dauern“, schätzt sie. Auch eine Therapie der Creutzfeld-Jakob-Krankheit sei in nächsten Zeit nicht in Sicht. „Wenn wir noch nicht einmal genügend über den exakten Verlauf der Krankheit wissen, ist es schwierig, konkret über eine Therapie nachzudenken. Es gibt aber sicher einige Gedankenexperimente“, sagt Kleinmann. Aber die Infektion zu verhindern, müsse die Maxime sein. Neben unzureichenden Erkenntnissen über Ursache und Übertragungswege der Krankheit erweist sich bei der Erforschung von BSE die Krankheit selbst als Hemmschuh. So sei es nach Angaben Kleinmanns in Deutschland schwierig, etwa an Blutproben infizierter Tiere zu gelangen. Der Grund: Die bisher einzige verlässliche Methode, BSE-infizierte Kühe zu identifizieren, ist die Untersuchung des Hirngewebes nach Tötung der Tiere.

          So viel steht fest: Solange es weder verbesserte Testmethoden noch Therapieansätze von BSE und der Creutzfeld-Jakob-Krankhit gibt, müssen die Verbraucher mit den vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen vorlieb nehmen. Doch gerade bei den BSE-Schnell-Tests, die kontaminiertes Fleisch aussortieren sollen, wird geschlampt. Was tun? „Wir wollen den Ländern in Zukunft ein Lastenheft zur Qualitätssicherung an die Hand geben, doch die Umsetzung und Überwachung obliegt ihrer Verantwortung und darauf pochen sie auch“, erklärt Horzetzky. Allerdings: „Die Bereitschaft der Länder, sich auf bundesweit einheitliche Vereinbarungen einzulassen, wächst.“

          BSE-Test-Schlampereien in vier Bundesländern

          Mit den BSE-Tests gepfuscht haben nach Angaben des Verbraucherministeriums insgesamt zwölf Labore. Betroffen sind mehr als 40.000 Tests. Mängel in Laboren wurden in den vier Bundesländer Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden Württemberg und Bremen festgestellt. Bayern steht mit 71 Fällen von positiven Tests an der Spitze der BSE-Fälle, gefolgt von Niedersachsen mit 24 positiven Tests und Schleswig-Holstein mit 18 und Baden-Württemberg mit 14 Fällen. Insgesamt wurden bislang 158 BSE-Fälle in der Bundesrepublik registriert.

          In welchem Maße bei der Zentralen BSE-Datenbank „HIT“ geschlampt wurde, wird sich nach Angaben Horzetzkys in den nächsten Tagen herausstellen: Dann geben Prüfer des Europäischen Rechnungshofs ihren Gesamtbericht ab. Inzwischen versuchen die Kontrolleure sich vor Ort ein Bild von den Zuständen in Bayern zu verschaffen. So viel steht jetzt schon fest: „Statt jährlich an 10 Prozent der Rinderbestände Stichproben etwa in Hinblick auf Tierbewegung und Ohrmarker durchzuführen, wurde in Bayern in diesem Zeitraum nur etwa ein Drittel der Tiere überprüft.“

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