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Tierliebhaber Wolfgang Herkt : Alle Vögel sind noch da

„Den Begriff Tierschützer liebe ich überhaupt nicht“: Wolfgang Herkt mit einem Uhu Bild: Pilar, Daniel

Verletzte Wildvögel füttert er mit toten Küken. Nur so kann Wolfgang Herkt seine Tierstation in Osnabrück überhaupt unterhalten. Zu seinen Patienten gehören teils streng geschützte oder bedrohte Arten.

          7 Min.

          Es piept im Auto des Vogelschützers. Doch von der Gurtpflicht lässt sich einer wie Wolfgang Herkt nicht einmal dann beeindrucken, wenn sie so störend daherkommt wie das Anschnall-Warnsignal. „Man nennt mich Tierschützer, darauf lege ich jedoch keinen Wert“, erzählt er über den Warnton hinweg, während er die Straßen von Osnabrück entlangrast. Denn er macht nicht viele Worte, sondern rettet Tiere in der Praxis, egal wie es um ihn herum piept.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Diese Praxis ist seit einem halben Jahrhundert sein Alltag. Mit seiner Frau Heidi und der Tochter Birge ist er rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Wolfgang Herkt liebt Tiere, er füttert, verarztet, hegt und pflegt. Und sieht seine Arbeit jetzt von anderen gefährdet, die das auch tun, allerdings nicht in der Praxis: Politikern und Tierschützern, die es ihm verbieten wollen, Küken an die Wildvögel seiner Station zu verfüttern.

          Die Patientenliste ist lang

          Wolfgang Herkt lenkt das Auto auf seine Betreuungsstation für Wildvögel, die krank, verletzt oder hilflos aufgefunden werden. Ein Paradies voller Wiesen, Storchennester, Teiche, Flachwasserzonen, Vogel-Volieren und wild bewachsener alter Bauerngehöfte am westlichen Stadtrand von Osnabrück. Mittendrin ein großzügiges Landhaus, davor ein kleiner Brunnen.

          Er herrscht über dieses Gebiet. Gütig, wenn es um die Tiere geht oder um seine Tochter Birge, Tierärztin und offizielle Storchenbetreuerin in der Region. Streng, wenn er seine Mitarbeiterin am Telefon mit „Weiterarbeiten!“ verabschiedet. Herkt, 72 Jahre alt, springt jetzt aus dem Wagen. Seine weißen Haare wollen überallhin. Nur an den Wangen sind sie zu einem Stoppelbart gestutzt.

          Katze und Hund laufen auf ihn zu und folgen ihm ins Haus. Im Eingang sitzen zwei flauschig-zerrupfte Storchenjunge in Pappkartons und plärren. „Alle Volieren und Gebäude, selbst die Garage, sind voll mit Patienten, deshalb habe ich diese beiden Jungstörche hier untergebracht“, sagt Herkt. Hund und Katze beäugen den Vogelnachwuchs, mehr nicht.

          Einige bleiben Dauergäste

          Die Patienten sind Steinadler, Fischadler, Baum- und Wanderfalken, Wespenbussarde, Eulenarten vom Steinkauz bis zum Uhu, Eisvögel, Weißstörche – und auch mal Hasen und Eichhörnchen. Teils streng geschützte oder bedrohte Arten. Einige nennt er Dauergäste. Sie können nicht mehr ausgewildert werden, weil sie nicht mehr fliegen oder Nahrung erbeuten können oder weil sie zu anhänglich sind – wie die Störchin „Feder“, die auf den Treppen zum Haus sitzt und sich gern in seiner Nähe aufhält, seit er dem schwer verletzten Jungtier das Leben gerettet hat.

          Die zwei Jungstörche im Eingang brauchen Nahrung. Herkt trägt sie in den Halbschatten und holt einen Eimer aus dem Kühlraum, zu zwei Dritteln gelb und rosafarben gefüllt: tote Küken. Es ist der männliche Nachwuchs von Legehennen, der direkt nach dem Schlüpfen getötet wird, weil er keine Eier legen kann, aber auch nicht genug Fett ansetzt, um als Masthähnchen zu taugen. Ein Abfallprodukt einer Industrie, die durch Hochleistungszucht Mast- und Legerassen erst produziert hat und Lebewesen als Kostenfaktor betrachtet. Herkt füllt warmes Wasser in den Eimer, seine Patienten mögen ihr Fressen nicht zu kalt. Dann greift er in die Küken-Brühe und nimmt zwei Tiere in die Hand. „Die fahren piepend und flauschig in einem Behälter über ein Band, atmen Kohlendioxid, schlafen ein und sterben“, sagt er. „So einen Tod würde ich mir wünschen, wenn ich einmal unheilbar krank an Schläuchen hängen sollte.“

          Wolfgang Herkt kennt keinen Urlaub, keinen Feierabend. Sein Haus ist mit dem Betreuungsgebäude verbunden, damit er auch in ungemütlichen Nächten nach seinen Patienten sehen kann. Bilderstrecke
          Wolfgang Herkt kennt keinen Urlaub, keinen Feierabend. Sein Haus ist mit dem Betreuungsgebäude verbunden, damit er auch in ungemütlichen Nächten nach seinen Patienten sehen kann. :

          Er wirft die Küken zwei Störchen zu, die ihm gefolgt sind, und eilt dann zu den beiden wenige Wochen alten Störchen vorm Haus. Der eine hat eine Schnabelfehlstellung und kann nur unter großen Schwierigkeiten fressen. Herkt stülpt den Tieren in solchen Fällen Ober- und Unterteil des Schnabels eines toten Artgenossen über und reguliert die Schnabelstellung so in vier bis sechs Wochen. Das funktioniert, solange die Tier noch jung sind und der Schnabel schwärzlich gefärbt ist. Sobald er das helle Rot eines ausgewachsenen Storchs erreicht hat, ist er ausgehärtet und lässt sich nicht mehr formen.

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