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Interview mit Zoologe : „Homosexuelles Verhalten ist in der Tierwelt weit verbreitet“

Liebesspiel zweier Löwen in Kenias Naturschutzgebiet Masai Mara Bild: Picture-Alliance

Fortpflanzung ist nicht der einzige Grund für Sex. Ob Löwen, Affen oder Pinguine – die Wissenschaft hat schon bei Hunderten Arten die gleichgeschlechtliche Liebe gut erforscht.

          4 Min.

          Herr Bøckman, laut einer soeben in der Zeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlichten Studie hat sich homosexuelles Verhalten in der Tierwelt nicht mit der Zeit entwickelt, sondern war von den Ursprüngen an immer parallel zu heterosexuellem vorhanden. Hat Sie das überrascht?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das hängt davon ab, wie man Homosexualität definiert. Das menschliche Verständnis von Homosexualität auf die Tierwelt anzuwenden, ist riskant. Homosexuelles Verhalten ist in der Tierwelt aber weit verbreitet: Bei 500 Arten ist es gut dokumentiert, bei doppelt so vielen schon mal beobachtet worden. Dieses Forschungsgebiet entwickelt sich rasant und es würde mich nicht wundern, wenn die in „Nature“ vorgestellte These sich als korrekt herausstellt.

          Wenn wir Sex in der Tierwelt betrachten, dann eigentlich immer unter dem Aspekt der Fortpflanzung. Wie passt dazu Homosexualität?

          Bei einer engen Auslegung der natürlichen Selektion nach Darwin ist nur schwer zu erklären, warum Tiere homosexuell sind. Hätte eine Art ausschließlich Homo-Sex, würde sie aussterben, so die strikte evolutionsbiologische Anschauungsweise. Dass gleichgeschlechtlicher Sex in der Tierwelt existiert, zeigt uns, dass Fortpflanzung nicht der einzige Grund für Sex in der Tierwelt ist.

          Petter Bøckman ist ein bekannter norwegischer Zoologe. Er lehrt seit mehr als zehn Jahren am renommierten Naturhistorischen Museum der Universität Oslo. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Themen rund um die Homosexualität im Tierreich.
          Petter Bøckman ist ein bekannter norwegischer Zoologe. Er lehrt seit mehr als zehn Jahren am renommierten Naturhistorischen Museum der Universität Oslo. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Themen rund um die Homosexualität im Tierreich. : Bild: Karsten Sund

          Sondern?

          Sex dient dazu, Allianzen zu formen, Appeasement zu betreiben, die soziale Leiter nach oben zu klettern. Wenn Tiere in Rudeln zusammenleben, gehört Sex zwischen praktisch allen Rudelmitgliedern dazu. Weibliche Makaken, die innerhalb ihres Rudels aufsteigen wollen, befriedigen die Alpha-Äffin. Während der Brutzeit trennen sich im Rudel der Killerwale Männchen und Weibchen – und die männlichen Killerwale machen sich übereinander her. In einem Löwenrudel mit zwei männlichen Löwen geschieht der meiste Sex zwischen diesen beiden. Gleichzeitig wollen auch die Löwinnen während der Paarungszeit Sex – und zwar viel Sex. Sex ist ein wichtiger Bestandteil im Leben der Löwen. Man könnte sagen, dass ihr Motto lautet: „Make love not war“.

          Wieso denn Krieg?

          Gibt es zwei ausgewachsene Männchen in einem Rudel, stehen sie in ständigem Wettbewerb miteinander, zum Beispiel darum, wer mehr Nachkommen gezeugt hat. Würden sie ihren Wettbewerb im Kampf ausfechten, würden beide sterben. Das wollen sie nicht. Sie haben stattdessen Sex als Strategie zum Aggressionsabbau.

          In der Studie heißt es, in einem frühen Stadium der Evolution hätten Tiere ein wahlloseres Paarungsverhalten aufgewiesen und ein Teil davon habe sich bis heute überlebt. Wie passt das zum Aggressionsabbau?

          Eigentlich ziemlich gut. Wenn wir davon ausgehen, dass die Autoren recht haben und Paarungsverhalten im Lauf der Zeit spezifischer geworden ist, heißt das ja, dass auch nichtreproduktive Paarung ein Resultat dieses Prozesses ist. Und das ergibt nur Sinn, wenn solches Verhalten dem Individuum Vorteile verschafft. Aggressionsreduktion im Rudel ist ein solcher Vorteil.

          Nun leben Tiere nicht nur in Rudeln, sondern manchmal auch in Paaren, wie die Menschen. Wie sieht es da mit der Homosexualität aus?

          Flamingos zum Beispiel leben als Paar, das gemeinsam den Nachwuchs großzieht und das gemeinsame Territorium verteidigt. Manchmal tun sich zwei Männchen oder zwei Weibchen zusammen. Zwei Weibchen finden immer ein Männchen zum Befruchten, da haben sie es leicht. Die Männchen bekommen Eier zum Ausbrüten von einem ungebundenen Weibchen, das keinen Partner gefunden hat. Sie nehmen seine Eier und vertreiben das Weibchen, weil es nicht Teil des Paars ist. Das ist komplizierter. Sie haben aber den Vorteil, dass zwei von ihnen stärker sind und so besser ihr Territorium verteidigen können. Schwule Paare sind bei den Flamingos also im Vorteil. Generell ist homosexuelles Verhalten bei Vögeln besonders gut zu beobachten, weil viele von ihnen in Paaren leben und die Männchen sich optisch sehr von den Weibchen unterscheiden. Bei wilden Füchsen in einem Rudel zum Beispiel ist es viel schwerer zu sehen, ob auch die Männchen Sex miteinander haben.

          Ging die Wissenschaft deshalb so lange davon aus, dass Homosexualität in der Tierwelt nicht vorkommt? Oder liegt es daran, dass heterosexuelle Männer das Forschungsgebiet lange Zeit dominierten? Und, wie die Studie suggeriert, ihre Vorstellungen einfach auf die Tiere projizierten?

          Ja, vielleicht. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass gleichgeschlechtlicher Sex ohne Fortpflanzungsmöglichkeit geschieht. Und es hat viel mit fehlender Vorstellungskraft für die Vielfalt der Tierwelt zu tun. Besonders gut sehen wir das bei Untersuchungen von Giraffen. Wenn eine männliche Giraffe eine weibliche beschnüffelte, interpretierten die Forscher das sofort als sexuell. Kam es zum Sex mit Ejakulation zwischen zwei männlichen Giraffen, wurde das als Rivalität beschrieben.

          Der Londoner Zoo klärte im Juni 2019 über Homosexualität bei Tieren auf. Ihre Existenz widerspricht vielen Vorstellungen der Evolutionspsychologie.
          Der Londoner Zoo klärte im Juni 2019 über Homosexualität bei Tieren auf. Ihre Existenz widerspricht vielen Vorstellungen der Evolutionspsychologie. : Bild: dpa

          Bedeutet das alles, dass Tiere uns näher sind, als wir denken? Menschen haben schließlich auch nicht nur Sex, um sich fortzupflanzen.

          Zu sagen, dass Tiere Sex haben, um Nachwuchs zu bekommen, ist eine altmodische Betrachtungsweise der Natur. Wenn man mal etwas mehr darüber nachdenkt, gibt es nur eine Spezies, die Elternschaft wirklich planen kann: der Mensch. Schimpansen vielleicht noch. Aber wissen Delphine, dass Sex zu kleinen Delphinen führt? Ich denke nicht. Tiere haben Sex, weil sie Sex haben wollen. Sexualität geht bei Tieren mit einem starken Drang einher und der ist unabhängig vom reproduktiven Ergebnis. Die Wissenschaft weiß heute, dass Tiere nicht Sklaven einer Art inneren Stimme sind, die ihnen sagt, was sie im Sinne der Evolution zu tun haben. Tiere haben Gefühle und treffen Entscheidungen – wie Menschen.

          Also können Tiere sich verlieben, eifersüchtig sein, sich trennen?

          Natürlich lässt sich unser Gefühlsleben nicht mit dem von Flamingos vergleichen. Aber Eifersucht kommt auch dort durchaus vor. Wenn ein Männchen lange wegbleibt, reagiert das Weibchen verärgert. Wenn ein fremdes Männchen im Nest landet, wird es vom Vater verscheucht. Ich denke, Tiere sind genauso wie Menschen eifersüchtig, weil sich das in der Evolution auszahlt. Je mehr man sich mit Tieren auseinandersetzt, umso mehr Ähnlichkeiten zum Menschen bemerkt man. Es gibt nichts, was zwischen Menschen geschieht, das nicht auch zwischen anderen Säugetieren geschieht.

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