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Fund aus dem Pleistozän : Wolfswelpe aus einer anderen Zeit

Fast unversehrt: Die Mumie des Wolfswelpen wurde auf den Namen Zhùr.getauft. Bild: dpa

Eine kleine Grauwölfin, die im Permafrostboden Kanadas gefunden wurde, fasziniert die Wissenschaft. Ein so gut erhaltener Fund ist zumindest in Yukon eine Seltenheit – denn dazu bedarf es besonderer Umstände.

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          Der Klimawandel hat allerlei Nebenwirkungen. Unter anderem führt er auch dazu, dass immer öfter Tierkadaver gefunden werden, die zum Teil Jahrtausende im Permafrostboden überdauert haben. Nun beginnt der Boden aufzutauen und allerlei Mumien freizugeben. Die Entdeckungen sind zum Teil spektakulär, wie das Beispiel einer kleinen Wölfin zeigt, die im Juli 2016 in einer Goldmine in der Nähe von Dawson gefunden wurde, einer Stadt im Yukon-Territorium im Nordwesten Kanadas nahe der Grenze zu Alaska.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Besondere an der mumifizierten Grauwölfin: Sie ist fast zu 100 Prozent erhalten, wie die Paläontologin Julie Meachen von der amerikanischen Des Moines University in Iowa berichtet. „Nur die Augen fehlen.“ Dass Tiere aus dem Pleistozän noch mit Fell, Haut und Fleisch zutage kommen, ist zumindest in Yukon, wo es sonst viele fossile Knochenfunde von ausgestorbenen Arten wie Wollhaarmammuts, Steppenbisons oder auch nordamerikanischen Pferden und Löwen gibt, eine große Seltenheit. Denn dazu bedarf es besonderer Umstände: Der Wolf, in diesem Fall war es eine Wölfin, muss auf tiefgefrorenem Boden verendet und ziemlich schnell begraben worden sein, sonst hätten sich die Weichteile trotz der Kälte schnell zersetzt, oder der Kadaver wäre gefressen worden.

          Todesursache unklar

          Wie die Wölfin zu Tode kam, lässt sich nach den Worten der Paläontologin nur vermuten: Wahrscheinlich war sie in ihrer Höhle, als diese einstürzte und sie unter sich begrub. „Sie musste also nicht zu lange leiden.“ Warum sie allein in der Höhle war? Auch darauf hat die Wissenschaftlerin, die ihre Erkenntnisse und Forschungsergebnisse jetzt in der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlichte, keine klare Antwort: Entweder hatte die Wölfin keine Geschwister, oder sie war allein in ihrem Bau, als dieser kollabierte.

          Das Alter des kleinen Welpen, der Zhùr genannt wird – was „Wolf“ in der Sprache der in Yukon ansässigen Tr’ondëk Hwëch’in vom Volksstamm der Hän Hwëch’in („Volk, das am Fluss lebt“) bedeutet–, konnte Meachen hingegen recht schnell anhand von Röntgenaufnahmen und den Knochen feststellen. Da sie im Bereich des Ellenbogens noch nicht ausgewachsen waren, muss das Tier etwa sechs bis acht Wochen alt gewesen sein, als es vor rund 57.000 Jahren zu Tode kam, wie die Radiokarbonmethode zeigt.

          Erstaunlich, dass vieles darauf hindeutet, auch der Mageninhalt, dass die Wölfin vor allem Wassertiere, besonders Lachse, gefressen hat. „Man würde erwarten, dass Wölfe in der Eiszeit eher Landtiere wie Moschusochsen oder Bisons gejagt haben, aber keine Fische“, sagt Meachen. Ihr Kollege Benjamin Barst von der Universität von Alaska Fairbanks, der Zhùr ebenfalls untersucht hat, hält das durchaus für möglich. Es sei für Wölfe auch heute nicht ungewöhnlich, sich den Bauch mit Lachsen vollzuschlagen, wenn sie für sie eine leichte Beute sind und sie am Wasser leben, so wie offenbar Zhùr und ihr Rudel. Anhand des Genoms konnte zudem festgestellt werden, dass der Welpe ein Nachfahre von Wölfen ist, die einst in Russland, Sibirien und Alaska lebten und als Vorfahren aller neuzeitlichen Wölfe gelten.

          Nach all den Untersuchungen an verschiedenen Instituten und Universitäten in Nordamerika ist Zhùr inzwischen zu den Tr’ondëk Hwëch’in zurückgekehrt. In Whitehorse, der Hauptstadt von Yukon, soll sie künftig ausgestellt werden.

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