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Wildkatzen in Hessen : Spuren an Lockstöcken

Reibungsverlust: Mit Hilfe von Haaren an sogenannten Lockstöcken können Wildkatzen nachgeweisen werden. Bild: Helmut Weller

Früher war sie weit verbreitet, die Jagd und Eingriffe in ihren Lebensraum ließ sie fast aussterben: Jetzt aber konnte der Bund für Umwelt und Naturschutz vier Wildkatzen am Übergang vom Taunus zur Wetterau nachweisen.

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          Mitten in Deutschland treibt sich ein Kater herum. Vermutlich nicht nur einer, mindestens vier Wildkatzen leben dort, wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jetzt nachgewiesen hat. Nachdem es in vergangenen Jahren schon gelungen war, den scheuen Tieren in den Waldgebieten des östlichen Taunus rund um den Kamm des Wintersteins auf die Spur zu kommen, ließ sich nun nachweisen, dass sich auch in den Wäldern bei Butzbach in der Wetterau Wildkatzen aufhalten. Insgesamt elf Haarproben konnte der BUND in Zusammenarbeit mit dem Forstamt Weilrod und der Stadt Butzbach sammeln. Diese wurden bei der Abteilung Wildtiergenetik der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung untersucht und daraus genetische Profile erstellt. Ermöglicht wurde das durch einen Gewinn bei der Umweltlotterie.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Um den Tieren auf die Fährte zu kommen, werden Holzpflöcke mit Baldrian besprüht und an verschiedenen Orten aufgestellt. Dieser Duft, so hatte man herausgefunden, übt auf Wildkatzen vor allem während der Paarungszeit besondere Anziehungskraft aus. Die Katzen reiben sich am Holz und lassen dabei Haare zurück. Mit Hilfe gentechnischer Untersuchungen lassen sich die Haare dann zuordnen. Mit dieser sogenannten Lockstock-Methode ist es immer wieder gelungen, Vorkommen von Wildkatzen zu belegen.

          Denn zu Gesicht bekommt man die Tiere nur sehr selten. Sie führen ein Leben im Verborgenen, halten sich tagsüber meist in Verstecken auf und ruhen dort, bis es dunkel wird, um dann auf Beutefang zu gehen. Hinzu kommt, dass die einzelnen Populationen klein sind und oft nur aus wenigen Tieren bestehen.

          Die Jagd dezimierte Bestände

          Dass verschiedentlich Wildkatzenvorkommen in der Gegend am Osthang des Taunus belegt werden konnten, hat nicht zuletzt mit umweltschonender Waldbewirtschaftung in großflächigen Laubmischwäldern zu tun, was dieser Spezies entgegenkommt. Die Butzbacher Wälder wiederum bilden den Übergang vom Taunus in die Ebenen der Wetterau, und die Naturschützer wollten wissen, ob die Wildkatze auch in diesen Randgebieten anzutreffen ist: ob sie den Griedeler Markwald als Lebensraum nutzt, ob Wildkatzen den von Ausflüglern häufiger besuchten Butzbacher Hausberg durchstreifen, ob auch Hecken und Feldgehölze in der Verbindung zur offenen Landschaft der Wetterau als Unterschlupf dienen.

          Tatsächlich ließen sich die Tiere sowohl im Forst rund um den Hausberg als auch im Griedeler Markwald nachweisen. Ein Kuder, wie die männliche Wildkatze auch genannt wird, sei besonders aktiv gewesen und habe vier verschiedene Lockstöcke in teilweise kurzen Zeitabständen aufgesucht, berichtet Joachim Höller vom BUND Butzbach, der federführend für die Spurensuche zuständig war. Auch ein Feldgehölz habe der Kuder durchwandert.

          Seit rund anderthalb Jahrzehnten engagiert sich der BUND mit dem unter anderem von der Bundesregierung geförderten Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ für den Schutz dieser Art und ihrer Lebensräume. Die Wildkatze, die mit ihrem bräunlich-gelb eingefärbten Fell der Hauskatze ähnelt, sich von dieser aber durch kräftigere Statur und besonders das stumpfe Ende ihres Schwanzes unterscheidet, war früher verbreitet. Die Jagd dezimierte die Bestände, weil etliche Jäger die Tiere fälschlicherweise für verwilderte Hauskatzen hielten, die das Ökosystem stören. Hinzu kamen Eingriffe in die Lebensräume der Wildkatze: Straßen, die Wälder voneinander trennen, Landwirtschaft und Siedlungen, die sich ausbreiteten.

          Der Autoverkehr als größte Gefahr

          So schrumpften die Reviere der Wildkatze mehr und mehr, Rückzugsräume bestehen häufig nur noch isoliert. Womit sich die Populationen verringerten, die Bestände wurden zudem für Krankheiten und Inzucht anfälliger.

          In dem Projekt geht es darum, Waldstücke wieder miteinander zu vernetzen. Denn wenn Wälder durch Korridore miteinander verbunden sind, ermöglicht das genetischen Austausch zwischen verschiedenen Populationen. Das soll nicht nur helfen, die Wildkatzenbestände zu stabilisieren und zu vergrößern, davon profitieren, wie es von Seiten des BUND heißt, auch andere Waldbewohner wie der Rothirsch und der seltene Luchs.

          Das Engagement für das Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ und strenger Artenschutz haben bewirkt, dass sich heute schätzungsweise wieder rund 1000 Wildkatzen in Hessen aufhalten. An weiterer Ausbreitung werden Wildkatzen nach Ansicht von Naturschützern vor allem durch Autobahnen und andere vielbefahrene Straßen gehindert. Tatsächlich gilt der Autoverkehr heutzutage als größte Gefahr für Wildkatzen, als häufigste nicht natürliche Todesursache.

          Das jetzt an gleich an mehreren Lockstöcken nachgewiesene Exemplar hat offensichtlich Glück gehabt, denn es muss bei seinen Streifzügen dorthin auch einige Male die Bundesstraße 3 nördlich von Butzbach überquert haben.

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