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Reproduktion bedrohter Art : Wie deutsche Forscher das Nördliche Breitmaulnashorn retten wollen

Bild: dpa

Das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn der Welt ist in Kenia gestorben. Die verbliebenen zwei Weibchen können nicht schwanger werden. Damit ist die Art quasi ausgestorben. Doch die Wissenschaft hat andere Pläne.

          Die Wilderer haben Sudan bis zuletzt nicht erwischt. Rund um die Uhr wurde das Nashorn in seinem Reservat von bewaffneten Rangern bewacht. Jetzt ist das Nördliche Breitmaulnashorn dennoch tot – eingeschläfert, weil es mit seinen 45 Jahren altersbedingt litt. Sudan war das letzte männliche Tier seiner Unterart, die vor dem Aussterben steht.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das Breitmaulnashorn ist nach dem Afrikanischen und Asiatischen Elefanten das drittgrößte Landsäugetier der Erde. Die nördliche Unterart lebte einst in Zentral- und Ostafrika. 1960 gab es laut der Naturschutzunion IUCN noch 2360 Tiere in freier Wildbahn. Heute gibt es noch zwei weibliche Exemplare, die in einem Reservat in Kenia leben. Denn Nashörner werden gejagt, das pulverisierte Horn gilt in vielen asiatischen Ländern als Medizin. Im vergangenen Jahr wurden allein in Südafrika 1028 Nashörner getötet, rund drei am Tag. Seit 2007 hat die Wilderei dort laut WWF drastisch zugenommen.

          Sudan wurde 1973 im heutigen Südsudan geboren. Aus dem Land, das dem Nashorn seinen Namen gab, wurde es mit zwei Jahren in die damalige Tschechoslowakei in einen Zoo gebracht. Im Jahr 2009 kehrte das Tier auf den afrikanischen Kontinent zurück. Im Ol-Pejeta-Reservat in Kenia sollte gelingen, was im Zoo gescheitert war: die Fortpflanzung.

          Damals gab es auf der Welt noch eine Handvoll Tiere der Unterart. Doch auch in Kenia bekamen sie keinen Nachwuchs. Heute sind nur noch Sudans Tochter Najin und Enkelin Fatu am Leben. Beide können keinen Nachwuchs bekommen. Die Enkelin hat eine vernarbte Gebärmutterschleimhaut, die Tochter kaputte Achillessehnen, die das zusätzliche Gewicht einer Schwangerschaft nicht aushalten könnten. Deshalb soll die Art durch eine Leihmutterschaft gerettet werden.

          Ein Forscherteam rund um das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung wird im Mai nach Kenia reisen, um Najin und Fatu Eizellen zu entnehmen. Es ist eine komplizierte Mission: Eineinhalb Meter muss ein Apparat durch den Körper des Nashorns bis zu den Eierstöcken zurücklegen. Sind die Eizellen erst einmal entnommen, wird es nicht leichter. Sie werden dann nach Cremona in Italien gebracht, wo ein Fachmann sie mit Spermien befruchten wird, die zur Zeit noch in Stickstofftanks am Leibniz-Institut in Berlin lagern.

          Anschließend soll der so entstandene Embryo in einem europäischen Zoo einem weiblichen Südlichen Breitmaulnashorn eingesetzt werden. Noch tüfteln Forscher an diesem komplizierten Embryotransfer. Erst wenn sie in etwa einem Jahr alle Unwägbarkeiten kontrollieren können, soll es losgehen.

          Nashörner gibt es seit 50 Millionen Jahren

          Auch Spermien von Sudan wurden vor seinem Tod in einem Tank mit Flüssigstickstoff eingelagert. Sie sollen aber nicht zum Einsatz kommen, da Inzest auch in der Tierwelt genetische Probleme verursachen kann. Sudan hätte also ohnehin nicht mehr Vater werden können. Aus wissenschaftlicher Sicht, sagt Steven Seet vom Leibniz-Institut, ist der Tod des letzten männlichen Exemplars insofern zwar nicht einschneidend. „Aber was das Artensterben betrifft, ist es schon ein großer Fingerzeig. Die Menschheit schaut zu, wie eine Art verschwindet.“

          Und zwar eine Art, die nicht nur optisch urtümlich anmutet. Nashörner gibt es seit 50 Millionen Jahren. Es handelt sich um eine sogenannte Regenschirm-Art: Wie ein schützender Schirm breitet sie sich über andere Arten, die von ihr abhängen – angefangen bei Mikroben, die sich vom Kot des Nashorns ernähren. Nicht nur das Nördliche Breitmaulnashorn ist betroffen: Auch vom Java- und Sumatra-Nashorn in Asien gibt es jeweils nicht einmal mehr 100 Exemplare. „Da müssen wir aufpassen“, sagt Seet.

          Vom Südlichen Breitmaulnashorn gibt es dank intensivem Tierschutz im südlichen Afrika heute mehr als 20.000. Es ist dem Nördlichen ähnlich genug, damit die Leihmutterschaft klappen kann. Kritiker fragen, ob es überhaupt unterschiedlich genug ist, damit die Rettung lohnt. Für Seet und seine Kollegen steht das außer Frage. Seet sagt außerdem: „Wir entwickeln eine Blaupause für zukünftige Arten, die in die gleiche Situation geraten. Entweder, eine Art ist schon ausgestorben, wenn es noch drei, vier Exemplare gibt – oder eben nicht. Die Wissenschaft zeigt: Es gibt Möglichkeiten, diese Arten zurückzuholen.“

          Auch andere Einwände gegen das Projekt lässt Seet nicht gelten. Zum Beispiel, dass es viel kostet und dass man mit diesem Geld viele Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum schützen könnte, statt einige im Reagenzglas zu zeugen. Nur 150.000 Euro hätten sie aus dem eigenen Haushalt nehmen dürfen, sagt er. Das Projekt sei unterfinanziert, viele Forscher arbeiteten in ihrer Freizeit daran. Der Flug nach Kenia für die Entnahme der Eizellen sei nur dank einer Artenschutzauktion im Hotel Adlon finanzierbar.

          Sollten künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft scheitern, bleibt noch eine letzte Hoffnung für das Nördliche Breitmaulnashorn: Andere Forscher, unter anderem aus Japan und den Vereinigten Staaten, versuchen parallel, aus Zellen verendeter Nashörner embryonale Stammzellen zu gewinnen. Aus denen könnten dann Eizellen und Spermien entstehen. Bei Mäusen hat das schon funktioniert. Bis es beim Nördlichen Breitmaulnashorn so weit sein könnte, wird es aber wohl noch einige Jahre dauern.

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