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Was gegen Stiche hilft : Sind es wirklich mehr Wespen geworden?

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Gefühlt verirren sich immer mehr Wespen in unsere Nähe – doch stimmt der Eindruck? Bild: dpa

Nähern sich Wespen dem Menschen, treffen sie meist auf panische Reaktionen: Herumwedelnde Arme und plötzliche Flucht lassen schon aus der Ferne den Insektenangriff erahnen. Jetzt wird es wieder kühler – haben wir also bald Ruhe?

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          Der gesellschaftliche Wespenhass nimmt bei manchen Menschen schon strafbare Ausmaße an. Nicht nur sind die Insekten vollkommen unbeliebt, erzeugen im Internet mannigfaltige Gewaltfantasien und werden sogar mit Hassobjekten wie dem Montag verglichen, sondern müssen auch die schlimmsten Dinge über sich ergehen lassen: Sobald sie sich einem Menschen nähern, nimmt die Gefahr eines Schlages exponentiell zu, in gesetzlich wegen Artenschutz verbotenen Wespenfallen werden die kleinen Tiere qualvoll umgebracht.

          Und vielen drängt sich auch in diesem Sommer der Eindruck auf, die Zahl der Wespen sei im Vergleich zum vergangenen deutlich höher. Stimmt das? Oder alles nur Einbildung? „Jeder Sommer ist in dem Sinne ein Wespensommer“, sagt Melanie von Orlow. Der Eindruck, es gebe zunehmend mehr Wespen, sei falsch – inzwischen seien die rund 600 Wespenarten sogar bedrohter als die so in den Fokus von Naturschützern gerückten Bienen, erläutert die Biologin im sogenannten Hymenopterendienst, der Einrichtung für Wespenschutz und -auskunft des Nabu.

          Die verschiedenen Arten leben in zwei Rhythmen. Während die sogenannten kurzzyklischen Wespen schon Ende August sterben, lebten die langzyklischen Wespen inzwischen bis in den November. Neueste Beobachtungen zeigten sogar Überwinterungen und lebendige Völker im Januar. Diesen Folgen des Klimawandels zum Trotz sei die Zahl der Wespen aber nicht gestiegen. Sie überleben schlicht länger, sagt von Orlow.

          Erkennen die Wespen aus ihrer Sicht eine Gefahr oder fühlen sich bedroht, stechen sie zu. Mit einer aufgeschnittenen Zwiebel und viel Eis lässt sich das Ausmaß des Stiches dann in Grenzen halten, empfiehlt die Frankfurter Allgemeinmedizinerin Johanna Liebetrau. Generell seien die Ausmaße von Wespenstichen meist sehr gering, verbunden mit einer leichten Schwellung und Rötung sind die Folgen des Stiches nach zwei bis drei Tagen wieder verheilt.

          Mehr allergische Reaktionen auf Wespenstiche

          Auffällig sei in diesem Jahr die Häufung der allergischen Reaktionen nach einem Wespenstich, sagt die Frankfurter Allgemeinmedizinerin Johanna Liebetrau: „Im Vergleich zu letztem Sommer behandeln wir deutlich mehr allergische Reaktionen auf die Wespenstiche, Patienten hatten zum Teil einen dritten Arm.“ Von den allergischen Reaktionen seien auch Patienten betroffen, die ansonsten nie allergisch auf Wespenstiche reagiert hätten. Woher die Häufung der allergischen Reaktionen auf die laut Nabu eigentlich gleichbleibende Wespenpopulation kommt, kann sie sich nicht erklären. Die Vermutung der Allgemeinmedizinerin: Die Wespen werden durch die akute Wasserknappheit im Sommer zunehmend aggressiver.

          Hass auf die schnellen Wesen ist dennoch unbegründet, findet die Biologin Orlow. Wespen seien hochgradig sozial, und genau diese Eigenschaft begeistert sie: „Jeder ist dem großen Ganzen verschrieben, bis zuletzt opfern sie sich auf. Das ist bei Menschen lange nicht so ausgeprägt.“ Der Mensch denke immer zuerst an sich und sehe nicht das globale Ausmaß von Problemen – wie bei dem für die Menschheit relevanten Klimaschutz. Ihr ökologischer Nutzen ist zudem groß: Wespen töten kleinere Insekten wie Fliegen und Mücken und füttern damit unter anderem ihren Nachwuchs.

          Während von großen Insektennestern eine Gefahr ausgeht und das Risiko eines Stiches tatsächlich gegeben ist, sind die einzeln auftretenden Wespen eigentlich ungefährlich – und sogar ziemlich blind. Wegen der schlechten Sicht durch die auf ein hohes Flugtempo ausgerichteten Augen müssen sie ständig in Bewegung bleiben und pendeln während des Fliegens, um ein möglichst breites Sehfeld abzudecken. Darum wirken sie so nervös und sind jederzeit bereit zu einem Angriff.

          Und dennoch reagieren Menschen negativ auf die doch so kleinen Wespen, die doch nur ein großes Interesse an stark riechenden und zuckrigen Lebensmitteln haben. Wegpusten macht sie jedoch wegen des Kohlendioxids sowie der erhöhten Luftfeuchte im Atem aggressiv.

          Was gegen Wespen hilft

          Wer sich von den schlecht sehenden Insekten bedroht fühlt, kann sie mit einfachen Mitteln abschrecken. Von allen Geruchsfallen kann man sich jedoch verabschieden, sagt Melanie von Orlow: „Wespen sind auch Aasfresser, Gerüche können die Wespen nicht reizen.“ Abschreckend sei jedoch entzündeter Kaffeesatz, weil die Luft schwerer zu durchqueren sei. Aber das sei nicht mehr unbedingt eine Umgebung, in der sich Menschen noch aufhalten möchten, gibt die Biologin zu bedenken. Ablenkfütterung als künstliche Nahrungsquelle unweit des eigenen Esstisches solle die Wespen zwar ablenken, führe aber im Endeffekt nur zu mehr lockenden Eindrücken. Wirklich hilfreich seien nur natürlichen Umwelteinflüsse, die den Wespen eine nicht ideale Umgebung vermitteln. Wasser sprühen oder Wind mit einer Zeitung erzeugen lasse die Wespen den Rückweg antreten, rät Orlow.

          Wer stattdessen ein Herz für Wespen entdeckt, kann zu Wildbienenhotels mit kleineren Durchmessern von zwei bis drei Millimetern greifen. Oder am einfachsten: Die Wespen kurzerhand in Ruhe lassen, früher oder später fliegen sie wieder weg.

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