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Brutzeit auf dem Balkon : Die Taube soll bleiben – aus pädagogische Gründen

Friedliche Koexistenz: die Taube und der Wasserspender Bild: Rainer Schulze

Sie machen Dreck und sollen Krankheiten verbreiten: Tauben werden in der Stadt auch wenig schmeichelhaft als Ratten der Lüfte bezeichnet: Doch was tun, wenn ein Exemplar den Balkon als Nistplatz wählt?

          Frankfurt. Die Taube ist auf einmal da. Als wir nach drei Wochen aus dem Urlaub zurückkehren, den Vorhang hochziehen und die Balkontür öffnen, flattert sie aufgeregt davon. Mit der schönen Ruhe ist es jetzt vorbei. Unter dem Balkonapfelbaum lässt der graue Vogel eine Bescherung zurück. In einem Nest aus dünnem Reisig und Federn liegen zwei ziemlich große Taubeneier.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als die Tür wieder zu ist, kommt die Taube zurück, setzt sich auf die Eier und starrt uns durch die Scheibe mit roten Augen an. Wie lange sie dort wohl schon sitzt? Eine Woche bestimmt, vielleicht zwei. Auch die Wasserflasche, die wir vor der Abreise mit zerstochenem Deckel umgekehrt in die Erde gesteckt hatten, damit der Baum nicht vertrocknet, scheint sie bei der Nestsuche nicht übermäßig gestört zu haben. Was sollen wir jetzt tun? „Die Eier rausnehmen und entsorgen“, sagt ein Bekannter. Es gebe doch sowieso viel zu viele Tauben in der Stadt. Und nennt man sie nicht auch „Ratten der Lüfte“, wegen des Drecks und der ganzen Krankheiten? Was ist, wenn der Apfelbaum eingeht, weil der Taubenkot so aggressiv ist?

          Naturbeobachtung vom Frühstückstisch

          Auch das Kind schreit „weg, weg, weg“, fuchtelt vor der Scheibe und will auf den Balkon. Aber hat so ein Tier nicht auch seine Instinkte? Keiner von uns bringt es übers Herz, das Nest einfach zu zerstören. Wir lassen den Vorhang erst mal wieder runter und machen uns schlau. Ergebnis der Blitzrecherche: Nach ungefähr zwei Wochen Brutzeit sollen die Jungen schlüpfen, drei Wochen später sind sie flügge. In spätestens fünf Wochen sind die Mitbewohner also wieder ausgezogen. Und soll das Kind nicht auch lernen, wie sich Vögel vermehren? Naturbeobachtung vom Frühstückstisch, besser geht es gar nicht. Die Taube darf erst einmal bleiben. Aus pädagogischen Gründen.

          Am nächsten Tag rufen wir die Leute vom Stadttaubenprojekt an. Gudrun Stürmer und ihre Kollegen betreiben in Oberrad einen „Gnadenhof“ und halten dort in großen Volieren rund 800 Tauben. Damit die Population nicht noch weiter steigt, tauschen die Ehrenamtlichen die echten Eier gegen solche aus Gips aus. Das klingt ein bisschen verrückt, aber jeder hat halt sein Hobby. Stürmer war eigentlich Katzenfreundin, als sie vor 30 Jahren eine verletzte Taube fand und zum Tierarzt brachte. „Man kann so ein Tier nicht einfach verenden lassen“, findet sie.

          Erst einmal will Stürmer wissen, wen wir denn da genau zu Gast auf dem Balkon haben. Türkentaube, Ringeltaube oder Stadttaube? Wie schicken ein Foto. Kurz darauf ruft Stürmer zurück. „Eine Stadttaube, ganz klar.“ In drei bis vier Wochen seien die Kleinen flügge. Stürmer macht einen Vorschlag: Wir lassen die Jungen schlüpfen und eine Woche bei ihrer Mutter. Dann kommt jemand vom Stadttaubenprojekt vorbei, nimmt die Kleinen mit und bringt sie nach Oberrad. Da hätten die Vögel dann eine Lebenserwartung von 14 Jahren. In Freiheit würden sie kaum vier Jahre alt.

          Taubenkot für die Tomaten

          Ist es nicht schöner, vier wilde Jahre lang frei durch die Stadt zu fliegen, als 14 Jahre in einem Käfig zu sitzen? Wir wollen es jetzt durchziehen. Zumal Stürmer, was den Taubenkot und die Krankheitserreger betrifft, Entwarnung gibt. Die Tiere übertrügen nicht mehr Krankheiten als andere auch. „Ich mache das seit 30 Jahren und war noch nie krank.“ Und der Kot sei sogar ein guter Dünger. „Viele türkische Familien holen sich bei uns den Kot ab für ihre Tomaten. Die kommen jedes Jahr wieder. Das kann so schlecht nicht sein.“ Dass es zu viele Tauben in Frankfurt gebe, glaubt Stürmer auch nicht. Die Uni Marburg hat einmal 4500 Vögel gezählt. Stürmer rechnet mit einer hohen Dunkelziffer und schätzt die Population auf höchstens 10.000 Tiere. Stürmer findet, dass die Vögel zu Unrecht einen schlechten Ruf haben. Sie seien dem Menschen wohl einfach zu ähnlich: „Sie sind laut und machen Dreck.“

          Unsere Taube gewöhnt sich an uns. Inzwischen lässt sie zu, dass wir den Apfelbaum vorsichtig gießen. Nur die Plastikflasche dürfen wir nicht aus dem Nest nehmen, dann hackt sie mit dem Schnabel. Vorgestern früh dann der große Moment: Die Jungvögel sind da. Zwei verklebte, gelbe Klumpen mit roten Schnäbeln und geschlossenen Augen. Jetzt wechseln sich Vater und Mutter ab. Wenn die Kleinen ausgeflogen sind, müssen wir allerdings höllisch aufpassen, dass die Tiere das Nest nicht gleich wieder für die zweite Brut nutzen. Also Remmidemmi machen auf dem Balkon, Windräder aufstellen und Streifen aus Alufolie aufhängen. Denn Tauben brüten achtmal im Jahr.

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