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Aus ganz Deutschland : Warum Imker ihre Bienen auf Baltrum aussetzen

  • -Aktualisiert am

Die Schlüsselfigur an der Belegstelle: Detlef Kremer (links vorne) Bild: Fabian Franke

Einmal im Jahr bringen Imker aus ganz Deutschland ihre Bienenköniginnen nach Baltrum. Denn die Fortpflanzung will geplant sein.

          7 Min.

          Am Ende zählt das Wohlergehen des Volkes, der Königin, des Staates. Doch noch kriecht der Wind in die Jacke. Er bläht die Kapuzen der Imker auf, pfeift kalt durch die Haare und fegt Sand von den Dünen herüber. „Hätte ich mal meine Skibrille mitgebracht“, sagt ein Imker, kneift die Augen zusammen und zieht seine Jacke höher. Die Nacht im Auto hat ihm die Farbe aus dem Gesicht gesogen. Um zwei Uhr morgens ist er aufgestanden und 300 Kilometer gefahren, bis hierher, an den kleinen Fährhafen von Neßmersiel, einem Dorf an der niedersächsischen Nordseeküste.

          Andere sind im Ruhrgebiet oder Bayerischen Wald gestartet. Sie haben auf dem Hafenparkplatz geschlafen, zusammengekauert auf der Rückbank oder dem Beifahrersitz. In den Kofferraum konnten sie nicht. Darin stapelten sich Kästchen so groß wie Schuhkartons, gefüllt mit Bienen – genannt „Begattungskästchen“. Nun warten die Imker, bis die „Baltrum II“ den Lastenkran ausfährt und die vier Gitterboxen mit den bunten Kästchen auf das Schiffsdeck hebt. Jedes Jahr im Sommer ist das so, alle zwei Wochen, fast zwei Monate lang. Wozu dieser Aufwand?

          Die Imker, die an diesem Morgen am Hafen stehen, treibt die Suche nach dem perfekten Bienenstaat an; sie züchten Bienen.

          Bienen und Zucht – für die wenigstens passt das zusammen. „Die Biene“ steht für Wildnis und Naturnähe. Dieses Jahr war sie Wappentier für Artenvielfalt, mit ihr hat man Volksbegehren bestritten. Doch die Honigbiene ist ein Nutztier. Auch aus ihr kann man wie bei Schafen oder Kühen Eigenschaften wegzüchten – oder hinzu. Ertrag zum Beispiel. Abwehrkräfte gegen Parasiten wie die Varroa-Milbe. Oder Sanftmütigkeit: dass die Bienen weniger stechfreudig sind.

          Die Drohnen warten bereits

          Doch wie züchtet man Tiere, die mehrere Kilometer weit fliegen und um die man nicht einfach einen Zaun oder Käfig bauen kann? Die man nicht an der Leine zur Besamung führen kann, wie Rinder oder Pferde? Wie bringt man Bienenköniginnen dazu, sich mit männlichen Bienen eines ganz bestimmten Volkes zu paaren – ohne Labor?

          Man isoliert sie. In Tälern oder auf Höhenzügen von Gebirgen, wo sonst keine Bienen leben. Oder auf einer Insel, von der sie nicht wegkönnen. Bienen fliegen nicht über große Gewässer, wahrscheinlich – so genau kann das niemand sagen – weil ihnen dort Landmarken fehlen. Inselzucht gilt deshalb als zuverlässig.

          Einmal im Jahr kommen die Imker deshalb auf die ostfriesische Insel Baltrum, 6,5 Quadratkilometer klein, viertes Glied in der Inselkette zwischen Langeoog und Norderney, und deponieren für zwei Wochen ihre Bienenköniginnen in den Dünen. Dort warten bereits die männlichen Bienen, genannt Drohnen. Sie werden den Bienenköniginnen ihr Erbgut übertragen.

          Wenn die Imker an diesem Morgen nach Baltrum übersetzen, geht es nicht nur um ihre eigenen 50, 70 oder hundert Völker im Ruhrgebiet oder Bayerischen Wald. Es geht auch um eine Glaubensfrage: Welche Rasse eignet sich besonders für die Imkerei?

          Detlef Kremer lässt sich auf die gepolsterte Eckbank der Schiffskajüte fallen. Der Motor dröhnt, die Bullaugen vibrieren. Draußen an Deck beginnen die Begattungskästchen zwischen Bierfässern und Lebensmittellieferungen im Rhythmus der Wellen zu wanken, als das Schiff ablegt.

          Kremer, dichtes graues Haar, Rauschebart und kleine, ruhige Augen, koordiniert die Arbeit an der Belegstelle auf Baltrum. „Belegstelle“, weil „belegen“ ein anderes Wort für begatten ist. Kremer zieht eine Liste aus der Seitentasche seiner Hose und nimmt einen Stift in die Hand, der darin zerbrechlich wirkt wie eine Salzstange.

          „Wer hat bezahlt?“, fragt er in die Runde und gleicht seine Liste ab. 25 Euro kostet es, eine Bienenkönigin auf die Insel zu bringen. Manche Imker liefern mehrere Dutzend, sammeln auch die Begattungskästchen von Freunden ein. Kremer schreibt die Namen auf, die er hört. Ein Imker ist in der Wärme der Kajüte bereits eingedöst.

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