https://www.faz.net/-gum-9uqm8

Historische Spurensuche : Warum in manchen Krippen Elefanten stehen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Ochs und Esel: Die Heiligen Drei Könige brachten womöglich auch ein Kamel und einen Elefanten mit nach Bethlehem. Bild: SZ Photo

Bereits 800 Jahre vor der Ankunft der Heiligen Drei Könige sind Elefanten im Nahen Osten ausgestorben. Wie kommen die Dickhäuter dann zum Stall in Bethlehem? König Caspar bleibt nicht die einzige Erklärung.

          3 Min.

          Neben Ochs und Esel, Schafen und Hirtenhund stehen in manchen Weihnachtskrippen zur Überraschung der Betrachter auch ein Kamel und ein Elefant. Das Kamel passt gut zu den Weisen aus dem Morgenland: Dort sind sie zu Hause. Aber der Elefant? In der Weihnachtskrippe steht er gern beim König Caspar, der oft mit dunkler Hautfarbe dargestellt wird als Hinweis auf seine Herkunft aus Afrika. Zwar lebten Elefanten einst durchaus im Nahen Osten, wurden vermutlich aber rund 800 Jahre vor Ankunft der Heiligen Drei Könige im Stall bei Bethlehem ausgerottet. Woher also kam vor 2000 Jahren der Elefant, der als Vorbild für den Krippen-Elefanten gedient haben könnte?

          In Frage kommen gleich zwei Kontinente: Asiatische Elefanten leben noch heute in einem breiten Streifen von Indien bis nach Vietnam und auf den Inseln Sumatra und Borneo. Und in Afrika gibt es südlich der Sahara sogar zwei Arten, den Steppen- und den Waldelefanten. Beide Gebiete sind aber nur kümmerliche Reste ihrer einstigen Heimat. Die Afrikanischen Elefanten waren früher auf dem gesamten Kontinent bis zur Küste des Mittelmeers zu Hause. Und die Asiatischen Elefanten grasten nicht nur in weiten Teilen Chinas, sondern auch an der Küste des Persischen Golfs bis hinauf nach Anatolien und Syrien. „Im Morgenland aber verschwanden die letzten Elefanten vermutlich vor rund 2800 Jahren aus der Natur“, sagt der Zoologe Gunther Nogge, der jahrzehntelang den Kölner Zoo als Direktor leitete.

          Dickhäuter in Afghanistan

          Damit war jedoch keineswegs ihr Ende im Nahen und Mittleren Osten eingeläutet. „Vermutlich wurden immer wieder Elefanten aus Indien importiert und in Gefangenschaft gehalten“, sagt Nogge. Besonders interessiert an diesem Handel waren Heerführer: In Indien wurden Elefanten samt Elitesoldaten auf dem Rücken schon vor 3100 Jahren als eine Art Kampfpanzer, denen Pfeile und Lanzen nicht viel anhaben konnten, erfolgreich in Schlachten eingesetzt. Als das makedonische Heer unter Alexander dem Großen in der Schlacht von Gaugamela am 1. Oktober 331 vor Christus im Norden des heutigen Irak auf die von Dareios III. kommandierten persischen Truppen traf, standen in deren Reihen 15 Kriegselefanten. Alexander zog als Sieger mit den erbeuteten Tieren nach Indien weiter, wo er seine Truppen mit 200 weiteren Elefanten verstärkte, die er später mit nach Europa brachte.

          Auch die römischen Legionen kämpften mehr als einmal gegen Elefanten. So hatte schon König Pyrrhos I. an der Spitze einer mit 26 Elefanten verstärkten griechischen Armee 280 und 279 vor Christus seine Pyrrhus-Siege gegen die Römer errungen. 218 vor Christus zog der punische Feldherr Hannibal aus Karthago mit einer riesigen Armee und 37 Elefanten über die Alpen nach Norditalien und fügte den Römern empfindliche Niederlagen zu. Auffallend groß war der Elefant des Heerführers, dessen Name Sarus mit „der Syrer“ übersetzt wird und wohl auf die Herkunft des Tiers aus einer Zucht im Nahen Osten hinweist. „Später mussten in den römischen Arenen Elefanten kämpfen, die vermutlich aus Indien importiert worden waren“, ergänzt Nogge. Als die Heiligen Drei Könige vor 2000 Jahren im römisch regierten Nahen Osten nach Bethlehem zogen, dürften sie also Elefanten durchaus gekannt und vielleicht sogar genutzt haben, auch wenn die Tiere dort schon 800 Jahre früher ausgestorben waren.

          Wurden doch einst selbst in Ländern wie Afghanistan, in denen die Tiere nie zu Hause waren, an den Königshöfen und für die Armee Elefanten gehalten. Den Beweis dafür fand Nogge eher zufällig, als er 1969 bis 1973 an der Universität Kabul forschte und gleichzeitig wissenschaftlicher Leiter des Kabuler Zoos war. Damals hatte er in einem Basar Fotos mit Elefanten gesehen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Afghanistan aufgenommen worden waren. Seit der Zoologe im Ruhestand ist, findet er die Muße, die Geschichte hinter dem Fund aufzudecken. Dabei stieß er auf ein Land, in dem man einst bis zu 10.000 Elefanten hielt.

          Bis in die sechziger Jahre

          Sie wurden schon in der Kunst und auf Münzen der Region gezeigt, als Alexander der Große auf seinem Weg nach Indien die heutigen Großstädte Herat und Kandahar in Afghanistan gründete. Im zehnten Jahrhundert nach Christus leisteten dann allein in der damaligen Hauptstadt Ghazni mehr als 1000 Elefanten ihren Militärdienst. Als 600 Jahre später die ersten Feuerwaffen die Region erreichte, neigte sich die militärische Zeit der Elefanten allerdings langsam ihrem Ende entgegen.

          Trotzdem wurden die Tiere wohl weiterhin gehalten. Als Afghanistan 1747 seine Unabhängigkeit errang, lebten sie jedenfalls in der damaligen Hauptstadt Kandahar. Schließlich konnte der neue Herrscher Ahmad Schah Durrani mit seinen Elefanten gut seine Macht demonstrieren. Die Tiere kamen auch zu ganz praktischen Einsätzen, sie transportierten zum Beispiel schwere Lasten. Obendrein mussten darauf abgerichtete Elefanten Gefangene foltern und Straftäter exekutieren, schließt der aus Afghanistan stammende Historiker Shah Mahmoud Hanifi von der James-Madison-Universität in Harrisonburg in Virginia aus Aufzeichnungen aus dieser Zeit. Auch als 1776 Kabul die neue Hauptstadt Afghanistans wurde, inspizierte der Herrscher seine Truppen noch vom Rücken eines Elefanten aus.

          Die Geschichte der Elefanten in dem trockenen Land dauerte bis zum Ende des 20.Jahrhunderts. „Fotos zeigen Elefanten, die 1915 beim Straßenbau halfen, die sich auf einem Volksfest 1922 ein Rennen lieferten und 1930 zur Krönung des Königs zur Parade aufmarschierten“, erzählt Nogge. Der letzte Elefant am afghanischen Königshof verendete nach Erinnerung seines Führers in den sechziger Jahren. 1973 schenkte der indische Präsident dann dem Land das fünfjährige Elefanten-Weibchen Hathi, das 1993 in den Wirren des Bürgerkriegs im Zoo von Kabul zu Tode kam. Damit endet die Geschichte der Elefanten in Afghanistan – zumindest vorläufig.

          Weitere Themen

          Wunderbar old fashioned

          Gartenkunst : Wunderbar old fashioned

          Englischer Landschaftsstil, naturnahes Gärtnern – alles Trends, die an Levens Hall vorbeizogen. Auf dem Anwesen im nordenglischen Cumbria greifen Gärtner seit mehr als 300 Jahren unverdrossen zur Formschnittschere. Zum Glück.

          Topmeldungen

          NRW-Ministerpräsident Armin Laschet besucht die Uniklinik RWTH Aachen. Dabei trägt er seine Maske falsch: Sie sollte auch die Nase bedecken.

          Corona-Bekämpfung : Der Ausstieg ist kein Tabuthema

          Der Ruf nach einer „Exit-Strategie“ ist berechtigt. Aber gibt es klare Maßstäbe dafür? Wo es Sicherheit nicht gibt, sollte Sicherheit nicht vorgegaukelt werden.
          In der Corona-Krise sind Gesundheitssysteme in vielen Ländern überfordert: Intensivstation mit Covid-19-Erkrankten in einer Klinik im italienischen Pavia

          Nach der Corona-Krise : Deutschland wird zum Vorsorgestaat

          Die Corona-Krise erschüttert die Grundlagen unserer Gesellschaften und der Weltwirtschaft. Das Verhältnis von Markt und Staat wird sich fundamental ändern. Gesundheitssysteme sind nicht mehr privatisierbar. Ein Gastbeitrag.
          Für Steuerstundungen ist das jeweilige Finanzamt zuständig.

          Corona-Hilfe : Auf dem schnellsten Weg zur Steuerstundung

          Als Folge der Corona-Pandemie sinken die Einnahmen vieler Unternehmen. Eine Hilfe sind Steuerstundungen, die erste Betriebe schon erhalten haben. Das ist dabei zu beachten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.