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Interview mit Tierschützerin : „Das ist eine massive Einschränkung und Belastung für Katzen“

Werden in Walldorf künftig drinnen bleiben müssen: Hauskatzen Bild: picture alliance / blickwinkel/H

Damit Vögel besser geschützt werden, dürfen in Walldorf Katzen im Sommer nicht mehr außer Haus. Lässt sich das mit dem Tierschutz vereinbaren? Die Tierschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg im Interview.

          5 Min.

          Frau Stubenbord, in Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis dürfen sich Katzen bis Ende August im südlichen Teil der Stadt nicht mehr frei in der Natur bewegen. Warum?

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Dort gibt es Haubenlerchen, eine Vogelart, die vom Aussterben bedroht ist. Aufgefallen ist das offenbar erst, nachdem das Gebiet dort bebaut worden ist. Eine Allgemeinverfügung des Landratsamts schreibt nun vor, dass die Katzen von April bis Ende August keinen Freilauf mehr haben dürfen in der Gegend, in der die Haubenlerchen brüten. Da es sich bei ihnen um Bodenbrüter handelt, sieht die Naturschutzbehörde eine besondere Gefährdung durch die Katzen. Die Sorge ist, dass der Bestand der Haubenlerchen weiter dezimiert wird, während sie ihre Jungen aufziehen.

          Haben Sie Verständnis für die Vorgehensweise des Landratsamts, das die vom Aussterben bedrohte Vogelart schützen will?

          Die Allgemeinverfügung wiegt in gewisser Form pflichtgemäß zwischen Naturschutzrecht und Tierschutzrecht ab. Das muss sein, weil beides gleichberechtigte Rechtsgebiete sind. Aber ich halte diese Maßnahme schon für sehr belastend für die Katzen. Wenn sie täglichen Freigang gewohnt sind, ist das eine massive Einschränkung. Man kann diesen Freilauf nicht vom einen auf den anderen Tag total einschränken. Vor allem nicht für diese lange Zeit. Ich denke, wenn man die Interessen von Lerchen und Katzen, beziehungsweise vom Naturschutz gegen den Tierschutz, gegeneinander abwägt, wäre ein kürzerer Zeitraum vertretbar – drei oder vier Wochen zum Beispiel, während die Jungtiere von ihren Eltern aufgezogen werden und besonders verletzlich sind. Solange könnte man die Katzen auch mal drinnen lassen. Aber vier Monate eingesperrt: Darunter leiden die Tiere massiv.

          Es gibt Vorschläge, wie dem Leiden entgegengewirkt werden könnte…

          Die Alternativen für Katzenbesitzer, die da vorgeschlagen werden, sind einfach nicht praktikabel. Eine Katzenpension für vier Monate zu bezahlen ist teuer. Um Katzen daran zu gewöhnen, an der Leine ausgeführt zu werden, brauchen sie ein Training. Das geht nicht von heute auf morgen. Und außerdem ersetzt das natürlich nicht den Freigang einer Katze: Viele gehen nur draußen auf das Katzenklo. Sie verweilen, spielen und beschäftigen sich draußen – und jagen natürlich auch draußen. Einige kommen nur zum Fressen und Schlafen ins Haus. Das kann man nicht ersetzen, indem man mit einer Katze an einer Leine an der Straße oder im Garten herumläuft.

          Das Landratsamt sagt, es komme auf „das Überleben jedes einzelnen Jungvogels an“. Ist die Entscheidung dann nicht alternativlos?

          Es gibt immer eine hohe Verlustrate bei Jungvögeln. Durch das Wetter oder Prädatoren zum Beispiel. Letztlich ist das aber nicht die Schuld der Katzen, sondern des Menschen. Die Bebauung und die Agrarpolitik mit ihren Monokulturen und Pestiziden sind der Grund, warum viele Tierarten ausgestorben oder vom Aussterben bedroht sind. Es liegt nicht immer am Fuchs, an der Krähe oder der Katze. Das sind vielleicht die, die den letzten Vogel fangen. Schuld ist der Mensch, der die Landschaft zubaut. Das sieht man auch in diesem Fall: Ein Gebiet, das vorher noch für Vögel und andere Tiere ein Zuhause war, wurde bebaut. Jetzt sind dort Häuser und eine Straße.

          Die Landestierschutzbeauftragte Baden-Württembergs: Julia Stubenbord
          Die Landestierschutzbeauftragte Baden-Württembergs: Julia Stubenbord : Bild: Privat

          Immer wieder wird darüber gestritten, wie groß der Einfluss von Katzen auf die Vogelbestände ist. Auch der Naturschutzbund sagt, dass die Haubenlerche bei uns großflächig ausgestorben sei, liege nicht an der Hauskatze – sie sei aber ein zusätzlicher negativer Faktor.

          Es ist immer einfach zu sagen, dass die Katzen daran schuld sind. Was man aber auch nicht vergessen darf: Katzen sind Spezialisten. Manche fangen nie einen Vogel, manche fangen Vögel, manche nur Mäuse, manche Eidechsen. Es ist nicht so, dass Katzen per se immer Vögel fangen.

          In den Gärten von Siedlungsbereichen gibt es oft auch eine hohe Singvogeldichte. Grobe Schätzungen gehen von 200 Millionen getöteten Vögeln pro Jahr aus, schreibt der Naturschutzbund auf seiner Website. Haben Vögel in Deutschland nicht einfach eine zu kleine Lobby?

          Nein, das finde ich nicht. Das sieht man auch an den Vogelzählungen des Naturschutzbundes, die sehr beliebt sind. Viele füttern die Vögel inzwischen auch ganzjährig. Ich stelle inzwischen immer wieder fest, dass es jetzt auch in der Stadt Arten gibt, die ich früher nie gesehen habe: Den Distelfink zum Beispiel. In den Städten haben wir inzwischen eine hohe Dichte an Singvögeln. Die Artenvielfalt in der Stadt hat zugenommen.

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