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Vogelgrippe : „Wir sehen eine Epidemie“

Ein Lastwagen mit Mulden zum Abtransport von Tierkadavern vor dem Geflügelbetrieb in Grumby bei Schleswig. Bild: dpa

Die Geflügelpest breitet sich in Deutschland weiter aus. 30.000 Hühner mussten geschlachtet werden. Hunde und Katzen dürfen in betroffenen Gegenden nicht mehr frei herumlaufen.

          3 Min.

          Seit Tagen herrschen winterliche Temperaturen in Norddeutschland, und prompt ist auch die Geflügelpest, gemeinhin Vogelgrippe genannt, wieder da. Zuerst tauchte das Virus in Ungarn und Österreich auf, schließlich in Polen, schon bedenklich nahe an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Dann dauerte es nur wenige Tage, bis es auch in Deutschland nachgewiesen wurde. Wie das Nationale Referenzlabor für Geflügelpest, das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems in Vorpommern, feststellte, handelt es sich um das hochansteckende Virus H5N8. Nachgewiesen wurde es zuerst bei toten Wasservögeln, die an den Seen rund um Plön in Holstein gefunden worden waren.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Mittelpunkt des Geschehens derzeit ist allerdings ein Geflügelhof in Grumby bei Schleswig mit 30.000 Hühnern. Ende der vergangenen Woche wurden dort einzelne tote Tiere entdeckt. Am Samstag waren es schon Hunderte, woraufhin auch alle anderen Tiere getötet wurden. Das geschah mit einem unter Strom gesetzten Wasserbad. Wie der Virus in die Anlage kam, ist ungeklärt. Fachleute vom Loeffler-Institut versuchen nun, das herauszufinden. Eigentlich sind die Ställe hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Möglicherweise spielte die Lüftung eine Rolle.

          Der Zuchtbetrieb für Bruteier in Grumby ist jedenfalls bundesweit die erste Massentierhaltung, den die aktuelle Geflügelpest-Epidemie trifft. Um den Hof wurde, wie in solchen Fällen üblich, ein Sperrbezirk von drei Kilometern und ein Beobachtungsgebiet von weiteren sieben Kilometern eingerichtet. Von dem Hof nach Dänemark gelieferte Eier, immerhin 300.000 Stück, wurden vorsorglich vernichtet. Zwei weitere Geflügelbetriebe in Vorpommern und bei Lübeck sind von H5N8 ebenfalls betroffen, dort handelt es sich bislang aber nur um wenige Tiere.

          Katzen dürfen nicht mehr frei herumlaufen

          Am Montag meldete außerdem Sachsen den ersten Vogelgrippefall. Eine tote Reiherente, die bereits in der vergangenen Woche am Cospudener See bei Leipzig gefunden worden war, war mit der hochansteckenden Variante des Vogelgrippevirus H5N8 infiziert, wie das Landratsamt des Landkreises Leipzig mitteilte. Das Untersuchungsergebnis für zwei weitere tote Wildenten, die am Sonntagnachmittag am Ufer des Sees gefunden worden waren, stand am Montag noch aus. Um den Fundort wurde ein drei Kilometer umfassender Sperrbezirk eingerichtet, in dem für Geflügel Stallpflicht herrscht. Das Landratsamt des Landkreises Leipzig forderte die Bürger außerdem auf, tote Nutzvögel sofort zu melden. Hunde und Katzen dürfen in der Gegend vorerst nicht mehr frei herumlaufen und müssen an die Leine gelegt werden. Laut Behörde ist das eine reine Vorsichtsmaßnahme; bisher gebe es weltweit keinen bekannten Fall, in dem das Virus auf Hunde oder Katzen übertragen worden wäre.

          Verendete Wildvögel wurden auch in Baden-Württemberg und Bayern gefunden. Europaweit gibt es aus mindestens sieben Ländern Geflügelpest-Nachweise bei Wildvögeln oder in Geflügelbeständen. Das Friedrich-Loeffler-Institut weist darauf hin, dass in diesem Jahr offenbar besonders Reiherenten von der Seuche betroffen sind. Für Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gilt, dass alles Nutzgeflügel wieder in die Ställe muss. Auch in Brandenburg und Niedersachsen haben einige Landkreise inzwischen Stallpflicht angeordnet. Sachsen werde eine landesweite Stallpflicht für Geflügel einführen, kündigte eine Sprecherin des Ministeriums für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz am Montag an.

          Möglicherweise gibt es bald auch eine bundesweite Stallpflicht. Das Bundeslandeswirtschaftsministerium hat einen Zentralen Krisenstab Tierseuchen einberufen. „Sicher hat man erkannt, dass wir deutschlandweit ein flächendeckendes Geschehen bekommen können und die Bundesrepublik dann eventuell für den internationalen Handel gesperrt wird“, sagte der Schweriner Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Der Präsident des Loeffler-Instituts Thomas Mettenleiter sagte: „Wir sehen eine Epidemie in der Wildvogelpopulation.“ Auch er warnte, dass das Virus sich weiter rasch verbreiten könnte.

          Infektionen von Menschen mit den Viren sind bislang nicht nachgewiesen

          Bereits seit 2014 waren H5N8-Viren mehrfach in Geflügelbetrieben in Deutschland und anderen europäischen Ländern entdeckt worden. Infektionen von Menschen mit den Viren sind bislang nicht nachgewiesen. Dennoch wird zur Vorsicht gemahnt, sowohl im Umgang mit lebendem Geflügel als auch beim Essen von Geflügel. Tot aufgefundene Tiere sollten auf keinen Fall berührt werden.

          Noch in besonderer Erinnerung ist in Mecklenburg-Vorpommern vor allem das Geschehen vom Februar 2006, als auf der Insel Rügen, aber auch auf Riems, wo sich das Loeffler-Institut befindet, Hunderte tote Tiere, vor allem Schwäne, entdeckt wurden. Damals gab es Rangeleien über die Zuständigkeit. Der Schweriner Minister Backhaus hatte das Geschehen zunächst unterschätzt und musste um seine politische Zukunft kämpfen. Der jetzige Krankheitsausbruch kommt auch für den Kieler Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ungelegen. Er muss das Infektionsgeschehen im Auge behalten, würde sich derzeit aber lieber seiner Partei widmen, für die er Spitzenkandidat zur Bundestagswahl werden will.

          Ob die Geflügelpest Einfluss auf den diesjährigen Weihnachtsbraten haben könnte, ist ungewiss. Teurer wird der Braten auch ohne H5N8. Höhere Lohnkosten schlagen in jedem Fall auf den Preis.

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