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Trockene Sommer : Igel verhungern und verdursten

  • Aktualisiert am

Bedroht: Die Igel haben es schwer im heißen Sommer. Bild: dpa

„So dramatisch wie dieses Jahr war es noch nie“: Für den stacheligen Vierbeiner ist die Hitze in Deutschland tödlich. Wegen des trockenen Sommers finden die nachtaktiven Igel kaum mehr Nahrung – und auch nicht genügend Wasser.

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          Die Hitze macht nicht nur einigen Menschen zu schaffen – auch Igel leiden unter dem trockenen Sommer. „Viele der Tiere verhungern oder verdursten“, sagte Anja Knieper von der Umweltstation Würzburg. In dem teilweise harten Boden sei es zum Beispiel schwer, Würmer zu finden. Die nachtaktiven Tiere suchen mittlerweile am Tag nach Futter und Wasser. Findet die Igelmutter keine Nahrung, kann das für ihren Nachwuchs den Tod bedeuten. Mehrere Medien hatten auch darüber berichtet.

          „So dramatisch wie dieses Jahr war es noch nie“, teilte die Stadt Würzburg in einer Pressemitteilung mit. „Hat die Igelstation in Gerbrunn bis 2015 noch durchschnittlich jedes Jahr bis zu 330 hilfsbedürftige Igel aufgenommen, war die letzten Jahre ein überaus deutlicher Rückgang zu verzeichnen.“

          Experten zufolge begünstigen trockene und heiße Sommer das Insektensterben – weshalb den Igeln als Insektenfressern die Nahrungsgrundlage fehle. In diesem Sommer leidet Unterfranken besonders unter der Trockenheit.

          Der Bund Naturschutz, die Umweltstation der Stadt Würzburg und die Igelstation in Gerbrunn (Landkreis Würzburg) raten Gartenbesitzern, Wasser aufzustellen. Auch Katzenfutter sei sinnvoll. Werden außerhalb eines Igelnestes nackte und blinde Säuglinge gefunden, ist ihrer Mutter wahrscheinlich etwas passiert, und sie kommt nicht mehr. In diesem Fall sollte sofort eine Igelstation kontaktiert werden.

          Mit seinen rund 8.000 Stacheln ist er ideal vor Feinden geschützt. Lange Zeit konnte kaum etwas das nachtaktive Gartentier in die Bredouille bringen. Doch die Zahl der Igel geht spätestens seit Mitte der 1990er Jahre nicht nur in Deutschland stark zurück.

          Auf deutschen Straßen findet man immer weniger überfahrene Igel. Diese gute Nachricht ist eigentlich eine schlechte; denn es gibt kaum noch Igel, die überhaupt überfahren werden könnten. „Bis heute ist der Bestand regelrecht zusammengebrochen“, erklärt Nora Künkler, Biologin und Sprecherin der Sielmann Stiftung. Durch Pestizideinsatz, Insektensterben, dichte Bebauung und fehlende Brachflächen finden die Stacheltiere immer weniger Nahrung und Lebensräume.

          Genaue Zahlen über die heimische Igelpopulation und deren Entwicklung sind Mangelware. Es sei sehr mühsam, die nachtaktiven Tiere, die versteckt im Unterholz leben, zu zählen, erklärt Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

          Die Verhaltensbiologin geht selbst in Berliner Parks und Friedhöfen zu später Stunde auf die Suche. Meist finde sie zwei, drei Tiere auf einem Gelände. Anders im Treptower Park, wo sie 2015 auf 80 Hektar stattliche 55 Igel registrierte. Bis dort 2016 - mit Igelschutzauflagen - ein Festival stattfand. Wenig später wurden alte Büsche durch Neupflanzungen ersetzt. „Drei Jahre später fanden wir dort nur noch zwei Igel.“

          Parallel verlaufe die Entwicklung in England, dem „Mutterland der Igelforschung“. Schon seit einigen Jahrzehnten beobachte man dort „dramatische Rückgänge“, sagt Berger. Immerhin sei die tierliebe Bevölkerung in einer breiten Kampagne früh für das Thema sensibilisiert worden. „Die Briten, die auch gerne ihre Gartenvögel zählen, waren schnell bereit, unter wissenschaftlicher Anleitung die Nächte draußen beim Igelzählen zu verbringen und ihre Beobachtungen aufzuschreiben“, freut sich die Spezialistin. Deshalb habe man einen guten Überblick über die Igel-Population in ganz England.

          Igelstraßen könne helfen

          Und die Zählung war erst der Anfang. Die Bürger wurden ermuntert, in Hinterhöfen und Gärten sogenannte Igelstraßen anzulegen. Durch eigens in Gartenmauern und Bretterzäune eingelassene und gekennzeichnete Löcher können sich die Tiere bei ihrer nächtlichen Suche nach proteinhaltiger Nahrung wie Regenwürmern und Käferlarven nun ungehindert durch ihr Revier bewegen. In der Initiative „Hedgehog Street“ tauschen sich Gleichgesinnte aus und küren eigene „Hedgehog Champions“.

          Berger wünscht sich solches Engagement auch hierzulande. Schließlich kann aus ihrer Sicht jeder Gartenbesitzer einen Teil zum Überleben der Stacheltiere beitragen, etwa durch insektenfreundliche Pflanzen und geeignete Unterschlupfmöglichkeiten zwischen totem Holz und Laub. Auch Künkler wirbt für „Schmuddelecken“ im Garten; nur so finden Igel aus Expertensicht genügend Möglichkeiten, sich ein Nest für den Tag und für den Winterschlaf zu bauen.

          Aber nicht jeder Garten ist gleich ein guter Lebensraum für Igel. Laubbläser und Mähroboter hätten in ökologisch orientierten Privatgärten und in Parks nichts verloren, sagt Berger. Zwar versicherten die Hersteller von Mährobotern, ihre Geräte würden den „Apfeltest“ bestehen und auf dem Boden liegende Hindernisse umfahren. „Aber die Zahlen aus den Tierarztpraxen sagen etwas anderes“, beklagt die Fachfrau. „Ein Igel sagt leider keinen Mucks, wenn er von den Maschinen verletzt wird. Er verkriecht sich ins Gebüsch und stirbt jämmerlich.“

          Für mindestens genauso gefährlich hält Berger Laubbläser. „Sie schleudern junge Igel unbemerkt und zusammen mit dem Laub nur so durch die Luft, und diese erleiden dann oft viele Knochenbrüche.“ Auch Treppen, Kellerschächte und Steilufer von Teichen können zur Todesfalle werden. Mit Ausstiegshilfen aus Ziegelsteinen oder Brettern kann sich ein Tier wieder befreien.

          Berger hofft, dass sich die Bestände des Igels auch wieder erholen, so wie sie jetzt eingebrochen sind. Die Möglichkeit dazu bestünde zumindest, wenn wieder günstigere Lebensbedingungen für den Igel geschaffen werden.

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