https://www.faz.net/-gum-84r5s

Tierhaltung im Zirkus : Babys letzter Ausflug

Ein ausgerissener Elefant tötet einen Spaziergänger – und der erbitterte Streit zwischen Tierrechtlern und Zirkussen wird neu befeuert.

          8 Min.

          Wenn es sich nicht verbieten würde, bei einer so traurigen Geschichte von einem Happy-End zu sprechen, dann könnte dieses vielleicht so aussehen: Ein paar Afrikanische Elefanten streifen durch die Landschaft. Irgendwann setzen sich alle vier in Bewegung und traben um einen kleinen Hügel aus aufgehäuftem Sand herum, dass es nur so staubt. Es ist nicht die Savanne, sondern nur das umzäunte Gelände eines Safariparks in Ostwestfalen, doch der kurze Film auf der Facebook-Seite des Zoos vermittelt den Eindruck einer friedlichen Fauna. So etwas war nicht unbedingt zu erwarten angesichts des Neuzugangs in der Anlage, eines 34 Jahre alten Tieres, das im Laufe seines Lebens mal Baby hieß und mal Benjamin und dem die „Bild“-Zeitung gerade einen weiteren Namen verpasst hat: „Hier stapft der Killer-Elefant in sein neues Zuhause“, schrieb das Blatt am Dienstag.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Killer geworden war die Elefantenkuh drei Tage zuvor. Am frühen Samstagmorgen hatte sich im Odenwaldstädtchen Buchen der 65 Jahre alte Alexander H. zu seinem gewohnten Spaziergang aufgemacht, bei dem er Pfandflaschen und -dosen aufzusammeln pflegte. Bei einem Sportplatz, etwa hundert Meter entfernt vom Zelt eines kleinen Wanderzirkusses, traf er gegen halb sechs auf jemand anderen, der zur frühen Stunde unterwegs war: Der Zirkuselefant, in Freiheit und unbeaufsichtigt, attackierte den Rentner und tötete ihn. Als dessen Ehefrau sich später auf die Suche nach ihm machte, war schon die Polizei am Ort. Den Elefanten hatte ein Zirkusmitarbeiter zurück ins Zelt gebracht. Wie das Tier hatte entkommen können, ist ungeklärt.

          Zirkus. Auf den klassischen Plakaten, verankert im kollektiven Gedächtnis wenigstens jener, die heute über vierzig sind, dominieren die immergleichen Motive: der dumme August, die Reiterin mit dem Federschmuck auf dem Kopf, der zähnefletschende Tiger - und der Elefant. Prächtig geschmückt mit orientalischen, goldverzierten Decken, auf den Hinterbeinen stehend, den Rüssel majestätisch erhoben. Keiner verkörperte das Versprechen, im Zirkuszelt in eine unbekannte Welt einzutauchen, imposanter als der Elefant, das größte Landsäugetier der Erde, die gezähmte Urgewalt. Heute weiß man längst, wie verzerrt die Bilder waren. Und das nicht allein deshalb, weil noch kein Mensch je einen Elefanten in freier Wildbahn beim Kopfstand sah.

          Nicht in allen, aber in vielen Zirkussen mit Elefantendressur waren die hochintelligenten, sensiblen Geschöpfe im Lauf der Jahrzehnte gequält oder zumindest nicht artgerecht gehalten worden: zu kleine Gehege, ständige Fahrten in engen Transportwagen, fehlender Kontakt mit Artgenossen. Die Folgen: Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen, Minderwuchs, frühe Sterblichkeit. Seriöse Zirkusse haben nachgebessert, erfüllen die Auflagen der Behörden und geben sich transparent, doch aus der Schusslinie bringt sie das nicht. Wo auch immer ein Großzirkus mit Tieren heute seine Zelte aufschlägt, die Demonstranten mit ihren Banderolen und Megaphonen sind schon da. Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das mit harten Bandagen ausgefochten wird.

          Am umstrittensten sind die zahlreichen kleinen Wanderzirkusse, die durch die Lande tingeln, häufiger vor halbleeren Rängen spielen und versuchen, den Glanz der alten Zirkuswelt durch Elefanten zu erhalten. Sie haben oft nicht die Mittel, um die gewaltigen Tiere angemessen pflegen zu können, und wenn das Veterinäramt etwas zu beanstanden hat und einschreiten will, sind sie häufig schon weitergezogen zum nächsten Ort, wo ein anderes Amt zuständig ist.

          Weitere Themen

          Vulkanwolke erreicht Deutschland

          Nach Ausbruch des Cumbre Vieja : Vulkanwolke erreicht Deutschland

          Berichte über giftige Wolken in Folge des Vulkanausbruchs auf La Palma haben zu zahlreichen Anrufen beim Deutschen Wetterdienst geführt – dieser gibt Entwarnung. Seit einem Monat spuckt der Cumbre Vieja Asche, Rauch und Lava.

          Topmeldungen

          Konkurrenten um das Amt des Finanzministers: Robert Habeck (links) und Christian Lindner

          Ampel-Verhandlungen : Wer was wird

          Welche Partei welches Ministerium bekommt, soll erst am Schluss der Koalitionsverhandlungen besprochen werden. Doch im Hintergrund hat das große Verteilen längst begonnen. Ein Überblick aus der Berliner Gerüchteküche.
          Szene aus dem Netflix-Hit „Squid Game“. (Pressefoto)

          Streaming-Dienst : „Squid Game“ hilft Netflix

          Netflix gewinnt nach zwischenzeitlicher Abschwächung wieder mehr Nutzer – und profitiert vom Überraschungserfolg einer blutrünstigen koreanischen Serie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.