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Tag des Haustiers : Zu Besuch bei den Katzen-Streetworkern

Will doch nur spielen: Viele Katzenbesitzer setzen die Tiere aus, wenn sie lästig werden (Symbolbild). Bild: dpa

Viele lieben sie, einige sind grausam zu ihnen: Wer sich mit Katzen beschäftigt, lernt viel über Menschen. Die Katzenhilfe ist da ein Kosmos für sich – und angewiesen auf bedingungslose Tierliebhaber.

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          Wer Doris Zimmermann trifft, käme nie auf die Idee, wo die stilsichere Dame in diesem Winter viele kalte Nächte verbracht hat. Dick eingepackt harrte die Frau aus Würselen bei Aachen stundenlang an einer vierspurigen Straße in klirrend kalter Nacht aus, um drei ausgesetzte Katzen einzufangen, zu retten vor dem Kälte- und Hungertod und davor, überfahren zu werden. „Ich mache das nicht alleine. Wir sind fünf Leute und wechseln uns ab“, sagt Zimmermann, die sich bei der Aachener „Katzenhilfe“ engagiert. Seit 15 Jahren fährt sie Abend für Abend in einen benachbarten Stadtteil, um auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei Streunerkatzen mit Futter zu versorgen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Katzenfreunde zu belächeln ist einfach. Und sicher, unter exponierten Tierfreunden gibt es überdrehte Naturen, spießige Vereinsmeier, Menschen, die mit Menschen auf Augenhöhe nicht können, sich verbittert zurückziehen und deren falsch verstandene Tierliebe zu einer Art Affenliebe mutiert. Hund und Katze freuen sich immer, wenn jemand heimkehrt und Fressen organisiert. Es gibt fürchterlich naive Naturen, die ihr Haustier vermenschlichen und nicht wissen, wie sich artgerechte Haltung buchstabiert, ausnutzend, dass Katzen zu ihren Besitzern affektive Bindungen aufbauen.

          Nach einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover bezeichnet fast die Hälfte der Tierbesitzer ihre Vierbeiner als „Kind-Ersatz“. Darunter sind Menschen, die ihre Einsamkeit mit Katzen niederringen und über jede Blähung ihrer einzigartigen „Thisbe“ so referieren, als handle es sich um den ersten fehlerfreien Satz des Enkelwunderkindes. Es gibt unter den geschätzt acht Millionen deutschen Katzenhaltern jene, die sich stundenlang verzückt durch Kätzchenvideos klicken, es normal finden, ihrem Vierbeiner Menüs und 900-Euro-Zahnoperationen zu finanzieren, zum Geburtstag einen Leberwurstkuchen ordern und eine Grabstätte pachten, aber denen es nie und nimmer einfallen würde, etwas für die Obdachlosenhilfe und deren Kältebusse zu spenden. Aber es gibt eben auch jene – und das sind viele – die einfach tierlieb sind, fähig zu Empathie und Mitleid zur geschundenen Kreatur.

          Das ist nicht immer einfach. Doris Zimmermann berichtet von frustrierenden Erlebnissen. An Futterstellen, die in Absprache mit städtischen Behörden eingerichtet worden sind, werden immer wieder Schutzhütten für Streunerkatzen zertreten. Einfach so. Aus purer Lust am Zerstören. In mehreren Fällen waren die Täter Schulkinder. Verhungerte Kaninchen in winzigen Verschlägen, verdurstete Wellensittiche in überhitzten Käfigen, angezündete Entennester mit sterbenden Küken – wer sich mit Tierheimmitarbeitern unterhält, der verliert schnell den Glauben an das Gute im Menschen.

          Wenn das Tier lästig wird

          Dass Tiere Leid und Schmerz empfinden, scheint immer mehr Kindern nicht klar oder gleichgültig zu sein, oder – noch schlimmer – sogar Freude zu bereiten. Manche Erwachsene sind ihnen kein gutes Vorbild. So suchte die Katzenhilfe eine Urlaubsvertretung für einen Futterplatz hungrig-herrenloser Streunerkatzen auf einem verwaisten Kasernengelände. Der Effekt: Katzenbesitzer lasen das und setzten dort prompt ihre Tiere aus, die alt waren alt, krank – oder einfach nur lästig. „Die hatten noch einen Restfunken Mitleid mir ihrem Tier, wollten es aber loswerden“, sagt  Zimmermann. Die Konsequenz: künftig werden keine Adressen mehr veröffentlicht.

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