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Studie zum Insektensterben : Fast so wichtig wie Bienen

Ins Netz gegangen: Vogelkundler wie Wulf Gatter fangen seit Jahrzehnten auf der Schwäbischen Alb auch Insekten, um die Bestände auszuwerten. Bild: Ruben Gatter/Forschungsstation Randecker Maar/dpa

Forscher haben auf der Schwäbischen Alb über ein halbes Jahrhundert hinweg ein dramatisches Insektensterben verfolgt. Der Rückgang an Schwebfliegen beträgt bis zu 97 Prozent. Dabei sind sie wichtig für die Pflanzenbestäubung.

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          Das Randecker Maar ist ein ehemaliger Vulkanschlot auf der Schwäbischen Alb. Wanderer kennen die Gemarkung am Albtrauf. Das nationale Geotop im Landkreis Esslingen ist aber nicht nur ein Ziel vieler Touristen, sondern auch ein bekanntes Erkundungsgebiet für Ornithologen. Schon vor mehr als 50Jahren, 1969, gründete der Förster Wulf Gatter eine nicht staatlich geförderte private Forschungsstation zur Vogelbeobachtung. Untersucht wird dort seit 1970 auch, wie sich wandernde Insekten bewegen. Eine so gründliche Langzeitbeobachtung von Insektenpopulationen gibt es in Deutschland sonst nicht. Deshalb dürfte die jüngste Veröffentlichung von Gatter und einigen seiner Kollegen über das Artensterben im vergangenen halben Jahrhundert auf die Diskussion über eine Verbesserung des Artenschutzes nicht ohne Einfluss bleiben.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Wenn es um die Novellierung von Artenschutz- und Naturschutzgesetzen geht, sagen Politiker oft, dass man über das Phänomen noch zu wenig wisse. In der Diskussion beziehen sich die Politiker in der Regel auf die „Krefelder Studie“, die aber nur 20Jahre zurückreicht und nicht 50 wie die von der Schwäbischen Alb. In der „Krefelder Studie“ war noch ein Artenrückgang von 75 Prozent vorausgesagt worden.

          Die neuen Erkenntnisse sind noch beunruhigender: Die Wissenschaftler konnten bei der Zahl der Schwebfliegen seit 1970 einen Rückgang zwischen 85 und 97 Prozent nachweisen. „Eigentlich lohnt es sich nicht mehr, Fangreusen für Insekten aufzustellen, weil es so wenige sind“, sagt Wulf Gatter. Vor einem halben Jahrhundert habe die Luft geflimmert von Tausenden von Schwebfliegen (Syrphidae), dieses Phänomen lasse sich heute nicht mehr beobachten.

          Schwebfliegen sind wichtig für die Pflanzenbestäubung

          Minutenzählungen der Insekten machten die Forscher zwischen 1970 und 1974 sowie zwischen 2014 und 2019. Dabei zeigten sich extreme Rückgänge: Ende Juli bis Anfang August 1972 registrierten die Forscher 10.000 Schwebfliegen pro Stunde, 2017 nur 290. Schwebfliegen sind für das Bestäuben von Pflanzen fast genauso wichtig wie Bienen. Sie spielen auch bei der biologischen Schädlingsbekämpfung eine Rolle.

          Lars Krogmann, der Leiter des Stuttgarter Naturkundemuseums, hält die Befunde deshalb für dramatisch: „Es ist eine gute Erinnerung daran, wie stark das Insektensterben ist. Auch zeigt sich, dass das Artensterben nicht erst 1980 begonnen hat.“ Die 97 Prozent solle man nicht überbewerten, die absoluten Zahlen seien aber sehr aussagekräftig. „Wenn die Wirtsinsekten im Bestand zurückgehen, dann sterben auch ihre Gegenspieler, mit unabsehbaren Folgen für unsere Ökosysteme. Wenn die Insekten weg sind, dann ist alles weg“, sagt der Entomologe. Die Larven der Schwebfliegen ernähren sich von Blattläusen und kleinen Insekten. Ebenfalls erfasst wurde im Randecker Maar der Bestand von Waffenfliegen und Schlupfwespen. Er soll in den vergangenen 35 Jahren um 84 Prozent zurückgegangen sein.

          Der Vulkantrichter in dem Naturschutzgebiet ermöglichte es erst, Vögel und Insekten mit standardisierten Zählungen auf einer Breite von sechs Kilometern zu erfassen. „Unsere Untersuchungen belegen, dass am Randecker Maar im Zeitraum von 2014 bis 2019 die Zahl der migrierenden Schwebfliegen massiv unter der Anzahl der siebziger Jahre lag“, lautet die Schlussfolgerung der privaten Forscher. Feststellbar sei ebenfalls ein starker Rückgang der Marienkäfer-Population. Auch verschiedene Laufkäferarten und Kurzflügelkäfer seien in dem 1990 ausgewiesenen Naturschutzgebiet mit einer Fläche von 110 Hektar wesentlich seltener anzutreffen.

          Eine Schwäche der mit mehr als 500 ehrenamtlichen Helfern erstellten Studie ist die fehlende zeitliche Kontinuität, auch gab es kein Kreuzgutachten (Peer-Review). Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) untersucht das Artensterben seit einigen Jahren ebenfalls und kommt auch zu alarmierenden Befunden. Der naturschutzpolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Markus Rösler, der früher Mitarbeiter der Forschungsstation war, interpretiert selbst den geringeren Rückgang einer Schwebfliegenart, die im Volksmund als Mistbiene bezeichnet wird, als Warnsignal: Die Mistbiene überlebe deshalb, weil die Landschaft überdüngt sei.

          Eine Sprecherin des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums sagte, die grün-schwarze Landesregierung habe mit dem „Biodiversitäts-Stärkungsgesetz“ gerade wichtige Maßnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt beschlossen. „Wir sehen das Problem. Man kann beim Artenschutz den Schalter aber nicht von einem auf den anderen Tag umlegen.“

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