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Stierkampf in Spanien : Der peinliche Stier der Sozialisten

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Archaisch: Ein Teilnehmer stößt dem Stier beim Toro-de-la-Vega-Turnier 2011 die Lanze in den Leib. Bild: Reuters

Beim Toro-de-la-Vega-Turnier soll an diesem Dienstag wieder ein Stier sterben. Der sozialistische Bürgermeister von Tordesillas ist für den Kampf - und bekam schon Morddrohungen. Den Stier lässt er mit besonderen Mitteln vor den Tierschützern schützen.

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          In der kastilischen Stadt Tordesillas wurde einmal Weltgeschichte geschrieben, als sich dort 1494 Spanien und Portugal mit Hilfe des Borgia-Papstes Alexander VI. die Neue Welt aufteilten. Inzwischen wird in der Gemeinde am Steilufer des Duero alljährlich nur noch eine Skandalchronik geschrieben. Anlass ist der programmierte Tod des Toro de la Vega (Stier der Flussaue). Er wird während der Fiesta in einem Turnier, das in das Jahr 1355 zurückreicht, von Lanzenreitern und Bewaffneten zu Fuß auf offenem Feld aufgespießt. An diesem Dienstag ist es wieder so weit, und diesmal haben die Tierschützer die höchste Instanz der Christenheit angerufen, um dem Treiben ein Ende zu setzen: Papst Franziskus.

          Die Sache ist besonders verzwickt, weil in Tordesillas nicht etwa ein konservativer Bürgermeister jener Volkspartei regiert, die den Stierkampf unlängst per Gesetz zum „Kulturgut“ erhoben hat. Vielmehr gehört Bürgermeister José Antonio González Poncela der Sozialistischen Arbeiterpartei an. Er bekam schon mehrere Morddrohungen. Auch sein neuer Parteichef Pedro Sánchez ließ ihn wissen, dass er sich für ihn „schämt“. Doch González hat das nicht beeindruckt. Solange die Bürger von Tordesillas mit den Lanzen ausrücken wollten, sollten sie das dürfen, sagt er.

          Der Stier heißt in diesem Jahr Rompesuelas (Sohlenbrecher), ist schwarz, wiegt 640 Kilogramm und wurde zu einem Schätzpreis von 6000 Euro eingekauft. Ein stattliches Polizeiaufgebot soll verhindern, dass militante Tierschützer, die von der linkspopulistischen Partei Podemos zu einem kreativen Boykott mit Zeltlager aufgerufen wurden, ihm noch im letzten Augenblick das Leben retten.

          Zuvor gab es mehrere Konfrontationen. Die Organisation Pacma (Partei gegen die Tierquälerei) brachte am Wochenende an der Madrider Puerta del Sol mehrere tausend Demonstranten zu dem bislang wohl größten Protest zusammen. Sie übersandten dem Bürgermeister von Tordesillas auch 12.0000 Unterschriften, während die Sympathisantengruppe „Gladiatoren des Friedens“ im Vatikan einen Brief an den Papst übergab. Am gleichen Wochenende versammelten sich hingegen in Valladolid, zu dessen Provinz Tordesillas gehört, mehrere tausend Anhänger der Tauromachie.

          Spanien hat einen besonders blutigen Sommer hinter sich

          In Spanien wird jedoch vor dem Hintergrund eines politischen und gesellschaftlichen Wandels, der sich vor allem gegen „Tierquälerei als Unterhaltung“ richtet, gerade so manches durchgerüttelt. Das Land hat bei seinen Volksfesten einen besonders blutigen Sommer hinter sich. Zwölf Personen, so viele wie nie zuvor, sind bei Stierläufen ums Leben gekommen. Ein Grund dafür waren neben anderen Unvorsichtigkeiten fatale „Selfies“. Besondere Empörung rief bei einer Dorffiesta in der Estremadura ein Zwischenfall hervor, bei dem ein Festteilnehmer mit einem Gewehr einen Stier aus nächster Nähe erschoss.

          Sogar in der Zunft der Toreros gibt es Dissens. Während Morante de la Puebla bei den „Goyescas“ im andalusischen Ronda vor Demonstranten seine Kunst verteidigte und versicherte „Ich bin Stierkämpfer, kein Mörder“, outete sich der kolumbianische frühere Matador Álvaro Múnera, der seit einem Hornstoß im Rollstuhl sitzt, als geläuterter Gegner. Und dann war da noch die Tierarzthelferin Virginia Ruiz, die „Heldin der Tiere“, die in Málaga in die Arena sprang, um einen sterbenden Stier mit einer letzten Umarmung zu trösten.

          Die Meinungsführerschaft neigt sich den Kritikern zu

          Regional geht es in Spanien noch etwas durcheinander. So haben die katalanischen Nationalisten in Barcelona die „spanische Fiesta“ schon vor fünf Jahren verboten. Im baskischen San Sebastián, wo die gleichfalls nationalistische Bildu-Partei ein zweijähriges Verbot durchgesetzt hatte, kehrte indes nach einem Wechsel im Rathaus der Stierkampf – mit Altkönig Juan Carlos auf den Rängen – zurück.

          Im öffentlichen Disput neigt sich die Meinungsführerschaft aber allmählich den Kritikern der „Barbarei“ zu. Seit den Regional- und Kommunalwahlen im Mai, welche vielerorts bunte linke Koalitionen um Podemos an die Macht brachten, erklärten sich von Palma de Mallorca bis La Coruña weitere Städte zu „stierkampffreien Zonen“ oder kündigten Verbote und Volksabstimmungen an.

          Noch immer sind die „Toros“ ein Geschäft, das vor allem in Tourismusgegenden von Ausländern mit am Leben erhalten wird. Aber insgesamt sind Veranstaltungen und Zuschauerzahlen in den vergangenen Jahren doch merklich zurückgegangen. Mancher Stierzüchter meldet Verluste, Subventionen wurden gestrichen. Sollte die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy bei den nächsten Parlamentswahlen im Dezember kippen, spricht wenig dafür, dass der Nachfolger den bei der Unesco gestellten Antrag unterstützen wird, den Stierkampf zum „Weltkulturerbe“ zu erklären.

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