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Spürhund Artus : Ritter der Schnüffelhunde

Der belgische Schäferhund Artus erschnüffelt in der Justizvollzugsanstalt Dresden als Handyspürhund in deutschen Gefängnissen ein Handy. Im Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde setzen die Ermittler ihre Spurensuche mit einem speziellen Datenträger-Spürhund fort. Bild: dpa

Der belgische Spürhund Artus kann elektronische Datenträger erschnüffeln. Möglicherweise liefert er der Polizei im Fall Lügde entscheidende Hinweise.

          Am Ende dieses Arbeitstags ist Artus vollkommen erschöpft. „Sechs Suchen sind für ihn sehr viel“, sagt Hundeführer Jörg Siebert am Telefon. „Das ist wie für uns ein Marathonlauf.“ Siebert ist in einer Pension in der Nähe des Einsatzorts und Artus wie immer bei ihm auf dem Zimmer. Es sollte ein kurzer Einsatz werden, doch nun müssen sie länger bleiben, nachdem Artus am Mittwoch bei der abermaligen Durchsuchung des Campingplatzes bei Lügde nach Beweisen für den sexuellen Missbrauch von Kindern unter anderem einen USB-Stick in einer Sesselritze gefunden hat.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Artus ist ein Spürhund der sächsischen Justiz; Siebert hat ihn 2012 im Rahmen eines Pilotprojekts ausgebildet, um Handys in Haftanstalten zu finden. Mobiltelefone in Gefängnissen seien ein zunehmendes Problem, da Strafgefangene so weiter Geschäfte betrieben oder Zeugen bedrohten, heißt es aus dem Dresdner Justizministerium. Seit seinem Ersteinsatz hat Artus mehr als 120 Handys in Gefängnissen aufgespürt, was auch deshalb eine Leistung ist, da die Geräte immer häufiger in ihre Einzelteile zerlegt versteckt würden.

          Artus könne sogar SIM-Karten erschnüffeln, sagt Siebert. Wie genau das funktioniert, wisse er nicht, auf jeden Fall reagiere der Hund auf die in Telefonen und Datenträgern verbauten Metallteile, die zusammen einen spezifischen Geruch ergäben. Artus sei deutschlandweit der erste Hund, der dafür ausgebildet wurde und der zweite weltweit.

          „Von 100 Welpen wird einer ein Spürhund“

          Siebert führt auch einen Rauschgiftspürhund. Die beiden seien aber nicht zu vergleichen, überhaupt seien nur die wenigsten Hunde für den Fahndungseinsatz geeignet. „Von 100 Welpen wird einer ein Spürhund.“ Für die Ausbildung kämen nur deutsche und belgische Schäferhunde infrage, wobei er am liebsten mit letzteren, Malinois genannt, arbeite. Sie hätten eine schnelle Auffassungsgabe und seien besonders robust. Die Welpen müssten kerngesund und sozial verträglich sein, dürften sich nicht etwa durch Blaulicht oder Hubschrauberlärm ablenken lassen, und vor allem brauchten sie einen ausgeprägten Spieltrieb. Siebert sagt: „Nur ein Welpe, der unermüdlich sucht und das versteckte Spielzeug unbedingt finden will, eignet sich für die Ausbildung.“

          Diese Ausbildung beginne im Alter von acht Monaten und dauere bei Rauschgiftspürhunden 13 Wochen. Artus dagegen wurde ein Dreivierteljahr lang auf seine Aufgabe vorbereitet. Er musste lernen, einzeln versteckte Handy-Displays, Akkus, Chassis und SIM-Karten zu finden. Lithium-Ionen-Akkus, wie sie heute genutzt werden, spüre der Hund sogar schneller auf als Handys mit Chrom-Nickel-Batterien. „Wir nehmen deshalb an, dass er das Lithium riecht.“ Mit jeder Suche gewinne das Tier an Erfahrung, und es sei außerordentlich gründlich. „Bei manuellen Nachsuchen haben wir bisher nie etwas gefunden.“ Anders als bei Rauschgiftspürhunden, die ihre „Beute“ eher leicht fänden, müsse man als Hundeführer mit Handy-Spürhunden im Einsatz besonders intensiv arbeiten. „Ich muss nah bei ihm sein, ihn immer wieder motivieren und vor allem Pausen machen.“ Sätze wie „Kannste hier mal schnell durchgehen“ seien grundfalsch. Durch das intensive Schnüffeln steige Artus’ Körpertemperatur um bis zu zwei Grad. „Der Hund gibt jedes Mal alles, sucht immer mit leichtem Fieber.“

          Als Familienhund sei ein Malinois nicht geeignet. „Er braucht täglich körperlich und geistig volle Auslastung.“ Zur Belohnung bekomme Artus nach dem Einsatz neben Lob und Streicheleinheiten seinen Lieblings-Spielball und gutes Futter. Das habe er diesmal auf die Schnelle gar nicht mitnehmen können, sagt Siebert. „Da muss ich gleich mal los, Ersatz finden.“

          Der Einsatz bei Lügde ist nicht der erste außerhalb Sachsens. Artus hat schon in einem Mordfall in Rostock ein Handy in einem Zementsack entdeckt und in Kiel zwei Mobiltelefone bei IS-Verdächtigen aufgespürt. Artus ist jetzt neun Jahre alt, vermutlich kann er noch ein bis zwei Jahre Dienst tun, vorausgesetzt, er besteht die jährliche Prüfung. Danach geht er in Pension bei seinem Hundeführer. Das sei doch selbstverständlich, sagt Siebert. Schade finde er allerdings, dass Sachsens Justiz die einzige Diensthunde führende Behörde in Deutschland sei, die für ihre Spürhunde in Rente nicht aufkommt.

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