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Spektakuläre Bilder : Eisbären im Hausflur

Bild: Greser & Lenz

Auf dem russischen Archipel Nowaja Semlja treiben sich Raubtiere in Siedlungen herum. Ein Video zeigt einen stattlichen Eisbären in einem Hausflur. Auch wenn darüber Witze gemacht werden: Der Hintergrund ist ernst.

          In Russlands hohem Norden, auf dem Archipel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer, sind Mensch und Eisbär einander dieser Tage so nah gekommen, dass spektakuläre Bewegtbilder um die Welt gehen. Ein in sozialen Medien weit verbreitetes Video, das wohl von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde, zeigt einen stattlichen – und im Vergleich mit ziemlich schmutzigen Artgenossen auf anderen Bildern aus der Gegend schön weißen – Bären in einem Hausflur. Am Boden fehlen Kacheln, die Wände könnten einen Anstrich gebrauchen. Das Tier passiert Türen und Kinderwagen, guckt sich um und läuft dann rasch wieder zurück. Ein russischer Onlinesatireanbieter witzelte, der Eisbär habe gesehen, unter welchen Bedingungen Russen zur Zeit lebten, habe sich erschreckt und sei fortgelaufen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Hintergrund ist ernst. Seit Dezember verzeichnet Nowaja Semlja („Neues Land“) ein erhöhtes Eisbärenaufkommen. Am Samstag meldete das Gebiet Archangelsk, zu dem der Archipel zählt, die Behörden hätten wegen einer „Invasion“ von Eisbären dort den Notstand verhängt. Insgesamt 52 der Tiere wurden auf dem Gebiet der Siedlung Beluschja Guba gezählt. Sie ist mit gut 2400 Bewohnern der Hauptort des Archipels, dessen Kern eine von einer Meerenge getrennte Doppelinsel ist. Insgesamt leben auf Nowaja Semlja nur rund 3000 Menschen. Viele von ihnen sind Soldaten. In sowjetischer Zeit wurden auf dem Archipel Kernwaffen getestet. Am Meeresboden rund um Nowaja Semlja lagern radioaktive Abfälle. Das Militär hat auch einen Flughafen auf Nowaja Semlja hinterlassen. Der Archipel ist daher Sperrgebiet und kann nur mit einer Erlaubnis des Verteidigungsministeriums besucht werden.

          Eisbären betrifft und schert das natürlich nicht. Wie viele von ihnen auf Nowaja Semlja unterwegs sind, ist nicht bekannt. Aber sechs bis zehn von ihnen seien ständig in Beluschja Guba, hieß es am Wochenende. Es habe Fälle aggressiven Verhaltens von Bären gegenüber Menschen wie Angriffe oder „Eindringen in Wohn- und Diensträume“ gegeben. Eine Bewohnerin berichtete von einer Begegnung, als sie ihre Tochter in den Kindergarten brachte: „Ich sah die kleinen, schönen Augen des Bärenjungen. Aber ich hatte noch nie so viel Angst.“ Sie habe das Kind gepackt und sei weggerannt. Soldaten erzählten, die Tiere ließen sich nicht einmal von Schüssen abschrecken. In die Luft, versteht sich: Eisbären stehen auf der „Roten Liste“, nur in Extremfällen wird eine Sondererlaubnis zum Abschuss gegeben.

          Fachleute bringen den Eisbäreneinfall mit dem Klimawandel in Verbindung. Die Tiere sind zur Jagd auf Robben, ihre wichtigste Beute, auf Eisschollen angewiesen. An Eislöchern lauern sie den Tieren auf. Aber das Eis wird weniger. Selbst im Winter. Im Sommer wird die Arktis bis 2050 nach Angaben der Umweltschützer des WWF sogar vollständig eisfrei sein. Nicht nur im Norden Russlands hat dieser Wandel schon zu Bär-Mensch-Konflikten geführt, sondern auch in Grönland, Kanada und Alaska.

          Hinzu kommt der Müll. Auf der Suche nach Nahrung, die Eisbären auf 30Kilometer wittern können, werden sie von menschlichen Siedlungen angezogen. Die Abfallentsorgung auf Nowaja Semlja wird als „nicht sehr gut“ beschrieben. Es gibt offene Müllkippen. So kommt es zu Bildern von Eisbären, die Unrat nach Essbarem durchwühlen – was dem größten Landraubtier und „Herrn der Arktis“ viel von seinem Nimbus raubt.

          Die Behörden versuchen nun, die Eisbären „mit der Technik, die es gibt“, zu vergrämen. Wenn etwa Kinder auf einem frisch umzäunten Spielplatz spielten, stehe ein Auto bereit, um allfällige Bären zu verscheuchen. Die Mülldeponien sollen verschwinden: Im kommenden Jahr soll auf Nowaja Semlja eine Verbrennungsanlage entstehen. Der WWF spricht sich nun für Zäune, Videoüberwachung und Warnsysteme aus. Zusammen mit russischen Partnern habe man den Behörden längst einen Plan zur „Konfliktprävention“ vorgeschlagen. Vergebens. Auch habe keiner der Fachleute in den vergangenen Jahren eine Erlaubnis vom Verteidigungsministerium bekommen, Nowaja Semlja zu besuchen. Erst jetzt, im Notfall, wurde einem Team aus Eisbär-Fachleuten diese Erlaubnis erteilt. Schon Anfang der Woche sollte das Team nach Nowaja Semlja fliegen. Aber noch am Donnerstagvormittag verhinderte schlechtes Wetter die Reise.

          Stattdessen gab es Erfolgsmeldungen vom Archipel: Die Zahl der Eisbären um Beluschja Guba nehme ab. Am Dienstag habe man noch 20, am Mittwoch zwölf und am Donnerstag noch neun Tiere gezählt. Den Notstand werde man aufheben, wenn man wieder nur drei bis fünf Tiere zähle. Denn so viele lebten ständig in der Umgebung der Siedlung.

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