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Wildreservat in Tansania : Bulldozer im Paradies

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Bedroht? Eine Elefantenherde durchquert einen Fluss im Selous-Wildreservat. Bild: mauritius images

In Tansanias größtem Wildschutzgebiet soll ein Staudamm gebaut werden. Die Regierung träumt von der Industrialisierung – Artenschützer befürchten jedoch den Einsturz des Ökosystems und sehen die Tierwelt in Gefahr.

          Tansanias Präsident John Magufuli macht seinem Spitznamen wieder einmal alle Ehre. Bulldozer wird der Mann genannt, der das Land seit 2015 regiert. Ziemlich rabiat herrscht er über seine Untertanen. Mal bläst er zur Jagd auf Homosexuelle, dann lässt er Zeitungen verbieten und Oppositionelle einsperren.

          Jetzt soll es zum Entsetzen von Naturschützern dem Selous-Wildreservat im Süden des ostafrikanischen Landes an den Kragen gehen. Schon seit langem möchte die Regierung in der Stiegler-Schlucht einen Staudamm mit einer 126 Meter hohen und 700 Meter breiten Mauer errichten, um den Rufiji-Fluss zu einem 1100 Quadratkilometer großen See aufzustauen – nach Angaben von Magufuli, „damit wir die für unsere Industrialisierung so wichtige Elektrizität gewinnen können“.

          Bislang fehlten der Regierung in der Hauptstadt Dodoma die finanziellen Mittel, um mit dem umstrittenen Projekt zu beginnen. In der vergangenen Woche aber wurde ein Vertrag in Anwesenheit von Magufuli und dem ägyptischen Premierminister Mostafa Madbouly mit den beiden ägyptischen Firmen El Mokawloon El Arab und Sewedy Electric unterzeichnet. Die Kosten des Damms sollen drei Milliarden Dollar betragen. Wie das bitterarme Land, dem internationale Finanziers wegen Menschenrechtsverletzungen in den vergangenen Monaten immer mehr Zuschüsse strichen, die Lasten schultern soll, ist unklar.

          Im Selous Game Reserve pulsiert das Leben

          Selous ist mit rund 50.000 Quadratkilometern Tansanias größtes Schutzgebiet. Es bedeckt fünf Prozent der Fläche des Staats, seit 1982 gehört das Reservat zum Weltkulturerbe der Unesco. Trotz der Wilderei, die in Tansania in den vergangenen Jahren epidemische Ausmaße angenommen hat, tummeln sich in den endlosen Miombowäldern mit ihren Johannisbrotgewächsen immer noch afrikanische Wildhunde und Kaffernbüffel, Lichtenstein-Antilopen und Blauducker, schwarz-weiße Stummelaffen und Streifenschakale.

          „Noch ziehen Elefantenherden und Giraffen durch die Savanne, dümpeln Nilpferde im flachen Wasser, schleichen Löwen auf der Jagd durchs Gras; vor kurzem haben Biologen Spitzmaulnashörner gesichtet“, schwärmt die Naturschutzorganisation „Rettet den Regenwald“. Im Selous Game Reserve pulsiere das Leben. Doch glaubt man der Gruppe, könnte bald schon Schluss sein mit der Vielfalt: „Ein geplanter Damm in Stiegler’s Gorge wäre ein ökologisches Desaster.“

          Elefanten im Wildreservat Singita Grumeti in Tansania.

          Ähnlich pessimistisch ist man beim WWF: „Der Staudamm wäre der Anfang vom Ende dieses einzigartigen und geschützten Wildnisgebiets, er würde den Lebensraum von zigtausend Wildtieren überfluten, Wanderrouten überschwemmen und zusammenhängende Tierpopulationen trennen“, sagt Johannes Kirchgatter, der Ostafrika-Referent des WWF in Deutschland. Der Staudamm ziehe Straßen, Industrieanlagen und Siedlungen für Bauarbeiter inmitten des Schutzgebiets nach sich und sorge für Lärm, Verkehr und Dreck. „Es steht weit mehr auf dem Spiel als die drei Prozent der Parkfläche, die überflutet würden. Das Ökosystem des Flusses würde massiv gestört. Die negativen Folgen würden bis in die Mangrovengebiete des Flussdeltas hineinwirken.“ Zudem sei der Rufiji-Fluss nicht nur die Lebensader des Schutzgebiets, sondern auch „das touristische Herz der Region“. Die Existenz von 200.000 Menschen, die wirtschaftlich vom Selous-Schutzgebiet abhängig sind, sei in Gefahr.

          Durch die Serengeti sollte einmal eine Schnellstraße führen

          Magufuli hält von den Warnungen der Naturfreunde wenig. Seine Partei regiert das Land, das zu Kaiser Wilhelms Zeiten einmal Teil von „Deutsch-Ostafrika“ war, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1961. Der sozialistische Staatsgründer Julius Nyerere trieb das Land zwischen Kilimandscharo, Tanganjikasee und Sansibar mit Enteignungen, Umsiedlungen und Einparteienherrschaft in den Ruin. Magufuli, ein großer Bewunderer Chinas, träumt nun von der Industrialisierung. Bislang sind die meisten Tansanier in der Tourismusindustrie und der Landwirtschaft beschäftigt.

          Durch die Serengeti, die Bernhard Grzimek einst berühmt machte und die bis heute Haupteinsatzgebiet der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft ist, wollte Magufuli einmal eine Schnellstraße bauen lassen. Damals brach ein Sturm der Entrüstung los, und der Bulldozer fügte sich dem internationalen Druck.

          Das nun geplante Wasserwerk soll in der Lage sein, 2100 Megawatt Strom zu produzieren. Das wäre ungefähr eineinhalb Mal soviel wie die gesamte derzeitige Stromerzeugung des Landes. Für den Bau des Damms sollen 2,6 Millionen Bäume gefällt werden, und das Holz soll für 53 Millionen Euro verkauft werden.

          Ob der Bau des Damms dem tansanischen Präsidenten allerdings Glück bringen wird, wagen abergläubische Landsleute zu bezweifeln. Laut einem Bericht der BBC plante schon der Patron jener Schlucht, in welcher der Rufiji nun gestaut werden soll, einen Damm: der Schweizer Großwildjäger und Ingenieur Stiegler. Weit kam er nicht mit seinem ambitionierten Projekt. Ein Elefant trampelte ihn 1907 zu Tode. Der Legende nach soll Stiegler daraufhin in jene Schlucht gestürzt sein, die bis heute seinen Namen trägt.

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