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Schwarzbrauenalbatros : „Landen ist nicht so sein Ding“

  • -Aktualisiert am

Meilenfresser: Der Schwarzbrauenalbatros legt im Gleitflug Tausende Kilometer zurück - ohne Zwischenlandung. Bild: Sylvain Cordier/hemis.fr/laif

Bald wird ein Schwarzbrauenalbatros auf Helgoland erwartet. Biologe Jochen Dierschke über den seltenen Besuch eines tollpatschigen Vielfliegers von der Südhalbkugel.

          Schon zweimal machte der südliche Schwarzbrauenalbatros eine seltene Stippvisite auf Helgoland. Jetzt wurde er vor der französischen Atlantikküste entdeckt. Jochen Dierschke vom Helgoländer Institut für Vogelforschung erwartet ihn auch bald wieder auf der roten Felseninsel in der Deutschen Bucht.

          Herr Dierschke, haben Sie den Schwarzbrauenalbatros schon gesichtet?

          Noch lässt er auf sich warten, aber ich habe mich jetzt schon dabei ertappt, dass ich öfters in den Himmel schaue als sonst. Den Feldstecher habe ich auch griffbereit.

          Ein Schwarzbrauenalbatros jenseits der südlichen Hemisphäre ist ein seltener Anblick.

          Es ist tatsächlich immer wieder eine kleine Sensation. Die Brutplätze des Schwarzbrauenalbatros liegen normalerweise Tausende Kilometer entfernt auf Inseln rund um die Antarktis – etwa auf den Falklandinsel oder auch auf den Campell-Inseln in Neuseeland. In den vergangenen 30 Jahren hat man nur etwa 122 Sichtkontakte in Europa registriert.

          Auf Helgoland ist er allerdings schon fast ein Stammgast. In den Frühjahren 2014 und 2015 wurde er dort ebenfalls gesichtet. Glauben Sie, dass es wieder derselbe Vogel ist?

          Sicher kann ich das nicht sagen, ich gehe aber fest davon aus.

          Was macht Helgoland für den Vogel so attraktiv?

          Vermutlich liegt es an den vielen Klippen und den zahlreichen Vogelkolonien. Seevögel neigen generell dazu, sich Gruppen anzuschließen.

          Nicht nur der Albatros scheint an Helgoland Gefallen zu finden. Die Nordseeinsel ist für ihren Artenreichtum bekannt.

          Das stimmt. Helgoland ist Deutschlands einzige Insel im offenen Meer und auch der einzige Brutplatz von Hochseevögeln wie Basstölpel, Eissturmvogel oder Lummen in Deutschland. Mit über 420 registrierten Vogelarten ist Helgoland wohl der artenreichste Ort in Europa. Das hat unter anderem mit der isolierten Lage der Insel in der Norddeutschen Bucht zu tun: Für Vögel auf Durchzug bietet die Insel einen beliebten Rastplatz. Daher wird auch alljährlich eine Vielzahl seltener Arten auf Helgoland gefunden. Der Schwarzbrauenalbatros ist unsere neueste Errungenschaft, vor ihm war es der Wüstengimpel, eine Vogelart aus Nordafrika und Asien.

          Hat der Albatros auf der Insel einen Lieblingsplatz?

          Er hat sogar drei – und zwar am Lummenfelsen. Dort sucht er immer die Nähe der Basstölpel-Kolonie. Manche Albatrosse kehren mehr als 40 Jahre lang stets an denselben Platz zurück.

          Mit seiner imposanten Flügelspannweite von 2,40 Metern zählt der Schwarzbrauenalbatros zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt.

          Der Wanderalbatros kommt sogar auf eine Spannweite von knapp 3,20 Metern.

          Im Gespräch: Jochen Dierschke, Biologe in der Vogelwarte Helgoland des Instituts für Vogelforschung Wilhelmshaven.

          Bei der Landung wirkt der elegante Vogel aber meist nicht gerade majestätisch.

          Bei seinem ersten Besuch musste das Tier für seine Landung jeweils zehn bis 20 Mal Anlauf nehmen. Das sah schon lustig aus. Auch seine Schritte am Boden wirken sehr unbeholfen, er geht sehr tollpatschig. Der Albatros ist zum Fliegen geboren, Landen ist nicht so sein Ding.

          Er hält sich also meist nicht lange am Boden auf?

          Albatrosse sind Langstrecken-Flieger. Sie kommen nur zur Brut an Land. Wenn sie nach Meerestieren wie Krebsen suchen, dann segeln die Tiere meist Wochen über dem Meer – ohne eine einzige Zwischenlandung. Zehn Stunden lang können Albatrosse eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 130 Kilometern pro Stunde konstant aufrechterhalten.

          2005 berichteten Forscher sogar von einem Albatros, der in 46 Tagen mehr als 20 000 Kilometer zurückgelegt hat. Das entspricht einer halben Weltumrundung. Woher nimmt er die Energie dafür?

          Albatrosse können sich nicht nur auf die Kraft ihrer Flügel verlassen, das würde zu stark von ihren Energiereserven zehren. Sie müssten also Unmengen an Nahrung zu sich nehmen, um überhaupt fliegen zu können. Die langen Reisen ermöglicht ihnen ein energieeffizienter Gleitflug: Die Seevögel drehen sich knapp über der Wasseroberfläche mit aufgespannten Flügeln in den Wind und werden vom Gegenwind aufgetrieben – etwa wie ein Flugzeug beim Start. Anschließend machen sie einen Bogen und gleiten mit Rückenwind zurück Richtung Wasseroberfläche.

          Nicht nur bei seinen Flügen, auch beim Alter stellt der Albatros Rekorde auf. Er kann bis zu 65 Jahre alt werden. Wie alt, schätzen Sie, ist der Helgoland-Besucher?

          Leider kann man das Alter bei ausgewachsenen Albatrossen nur schwer einschätzen. Man weiß nur, dass sein Gefieder nach dem sechsten Lebensjahr ausgefärbt ist. Bei unserem Albatros ist das der Fall, ich vermute also, dass er mindestens sechs Jahre alt ist.

          Auf ihren langen Flügen über das offene Meer sind Albatrosse vielen Gefahren ausgesetzt – besonders durch die Fischerei.

          Es ist vor allem die so genannte Langleinenfischerei, die dazu beiträgt, dass inzwischen rund 19 der 21 Albatros-Arten vom Aussterben bedroht sind. Die Albatrosse schlucken die in den Leinen nahe der Wasseroberfläche ausgebrachten Köder mit den Haken, die sich dann in ihre Hälse bohren, sie hinabziehen und ertränken.

          Was wird dagegen unternommen?

          Inzwischen wurden Schutzzonen eingerichtet.Viele Fischer werfen die Leinen nun nachts aus und beschweren sie mit Bleigewichten, damit sie schneller sinken und von den Tieren nicht mehr erreicht werden können.

          Könnte der Albatros auf Helgoland heimisch werden?

          Theoretisch schon. Klima und Nahrungsquellen stehen dem nicht entgegen. Allerdings hat der Vogel hier keinen Brutpartner - er ist derzeit wohl der einzige seiner Art in Europa.

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