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Blutbad am Luangwe River : Sambia plant den Abschuss von 2000 Nilpferden

Nilpferde im Sambesi, dem Grenzfluss zwischen Sambia und Zimbabwe Bild: David Klaubert

Angeblich um den Kollaps des Ökosystems zu verhindern, sollen in Sambia Tausende Nilpferde abgeschossen werden. Artenschützer bezweifeln die hehren Absichten der als hochgradig korrupt geltenden Regierung.

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          Ausgerechnet der sambische Tourismusminister hat in der Hauptstadt Lusaka das geplante Blutbad verkündet. Sein Land gedenke in den nächsten fünf Jahren insgesamt 2000 Nilpferde zum Abschuss freizugeben, so Charles Banda. Der Grund: Die trägen, bis zu vier Tonnen schweren Kolosse, die sich besonders gerne im Luangwa-Fluss tummeln, drohten auf Grund zu laufen, da der Wasserpegel wegen niedriger Regenfälle in den vergangenen Jahren zu niedrig sei für die große Zahl an Nilpferden.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          „Der Süd-Luangwa-Nationalpark hat eine Population von mehr als 13.000 Nilpferden“, sagte Banda, „die Gegend ist aber nur für 5000 Nilpferde geeignet.“ Durch die vermeintliche Überbevölkerung drohe nun der Kollaps des Ökosystems und die Verbreitung von Milzbrand. Der Bacillus anthracis könne die Tiere nämlich befallen und von diesen auf den Menschen übertragen werden. Die Tiere aber in andere, wasserreichere Gegenden umzusiedeln, sei schlicht zu teuer.

          Hippopotamusse – der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörtern hippos (Pferd) und potamos (Fluss) – ab, verbringen praktisch den ganzen Tag über im Wasser, um ihre empfindliche, ledrige Haut zu schützen. Erst in der Dunkelheit wagen sich die Grasfresser aus dem Wasser und gehen auf Nahrungssuche. Um Mensch und Tier vor dem drohenden Elend zu schützen, müssten, so der Minister, die Tiere wohl oder übel getötet werden. Nach einer zweijährigen Schonzeit soll nun wieder Jagd auf die Nilpferde gemacht werden.

          „Die Regierung ist praktisch pleite“

          Artenschützer bezweifeln die hehren Absichten der als hochgradig korrupt geltenden Regierung von Präsident Edgar Lungu. „Die sambische Nationalparkverwaltung hat weder wissenschaftliche Beweise vorgelegt, dass es zu viele Hippos und zu wenig Wasser gibt“, sagt Will Travers von der britischen Artenschutzorganisation Born Free, „noch hat sie Milzbrandausbrüche, die durch Flusspferden ausgelöst wurden, nachweisen können.“ Zudem sei das Nilpferd vom Aussterben bedroht. In ganz Afrika gebe es gerade noch 130.000 Nilpferde, das sei ein Drittel der Zahl, die es auf dem Kontinent noch an Elefanten gebe.

           In ganz Afrika gibt es gerade noch 130.000 Nilpferde.

          Insbesondere wegen der Zähne und des Nilpferd-Elfenbeins werden die Schwergewichte gejagt. Travers sagt: „Allein zwischen 2004 und 2014 wurden rund 60.000 Kilo Hippo-Elfenbein nach Hongkong verschifft.“ Doch die Abnehmer befinden sich nicht nur in Afrika. Zwischen 2006 und 2016 sollen alleine nach Europa 6000 Nilpferdzähne exportiert worden sein. Nicht zu Unrecht befänden sich die Nilpferde auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion, so Travers. Born free hatte vor zwei Jahren die Öffentlichkeit auf das damalige „Culling“, wie der kontrollierte Abschuss der Wildtiere genannt wird, hingewiesen und dafür gesorgt, dass das sambische Programm vorübergehend ausgesetzt wurde.

          In Gefahr: Insbesondere wegen der Zähne und des Nilpferd-Elfenbeins werden die Schwergewichte gejagt.

          Dass der Regierung ausschließlich am Wohl der Natur gelegen ist, glaubt auch Hyde Haguta nicht. Der sambische Journalist ist stellvertretender Vorsitzender des Media Institute für Southern Africa in Lusaka. „Die Regierung ist praktisch pleite und bekommt kaum noch Geld aus dem Ausland, seit der Internationale Währungsfonds Kredite gestoppt und europäische Länder wie Großbritannien, Finnland, Irland und Schweden Hilfszahlungen eingestellt haben.“ Der Grund: Die Regierung verschleiert die Staatsverschuldung und ist dafür verantwortlich, dass zuletzt rund 4,7 Millionen Dollar an britischem Steuergeld, das für die Armutsbekämpfung in Sambia gedacht war, verschwanden.

          Jetzt, glaubt Haguta, versuche die Regierung, die Nilpferde zu Geld zu machen. „Die Tiere wissen sich schon selbst zu helfen: Gibt es an einem Ort zu viele von ihnen, ziehen sie weiter und suchen sich eine andere Wasserstelle.“ Verdächtig sei auch, dass die Regierung keineswegs vorhabe, die Tiere selbst zu töten, sondern plant, die Lizenzen an professionelle Jagdfirmen zu veräußern. Überall im Südluangwa-Nationalpark würden bereits Jagdcamps errichtet werden. Der Nationalpark ist neben den Victoriafällen eine der Haupt-Touristenattraktionen Sambias. Er ist rund 9000 Quadratkilometer groß und wurde 1938 unter britischer Verwaltung zum Schutzgebiet erklärt.

          Dass mit der Jagd viel Geld verdient werden kann, ist kein Geheimnis. So hatte erst kürzlich die „Lusaka Times“ von der südafrikanischen Firma Umlilo Safaris berichtet, die im Luangwa Valley Fünf-Tages-Touren anbietet. An jedem Tag dürften die Kunden ein Nilpferd erschießen und am Ende die Stoßzähne behalten. Name der Safari: „Nilpferd-Management-Jagd“, Kostenpunkt: 10.500 britische Pfund pro Person.

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