https://www.faz.net/-gum-a94xs

Tiere erobern britische Städte : Ratmageddon im Königreich

Wo sind all die Menschen? Im Lockdown mit seinen Ausgangsbeschränkungen wagte sich diese Ratte im Sommer sogar bis vor 10 Downing Street. Bild: AFP

Verlassene Bürotürme und leere Bars: Die Pandemie schafft neue Lebensräume für ungeliebtes Getier. Während die Briten daheim bleiben, breiten sich Ratten vielerorts aus.

          3 Min.

          Die Ratte hat nicht viele Freunde, jedenfalls außerhalb des eigenen Rudels, weshalb besonders Warnungen von Kammerjägern zu misstrauen ist. Glaubt man ihnen allerdings, steckt London inmitten einer Rattenplage. Seit dem Beginn der Pandemie, heißt es unter kommerziellen Rattenfängern, kriechen die Nager buchstäblich aus ihren Löchern. Sie machten sich vor allem dort breit, wo einst der Mensch den Ton angab, also in Bürogebäuden, Restaurants und Pubs, überhaupt an allen Orten, die der Städter auf der Flucht vor dem Virus zurückgelassen hat.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die britische Vereinigung der Kammerjäger berichtet schon seit geraumer Zeit von zunehmenden Aufträgen ihrer Mitglieder. Während des ersten Lockdowns im Frühling vergangenen Jahres hatten mehr als die Hälfte aller Kammerjäger mehr Arbeit gemeldet. Ende des Jahres waren es schon 78 Prozent. Angeblich sind die Ratten nicht nur sichtbarer geworden, sondern haben sich von der Pandemie stimulieren lassen und ihren ohnehin bemerkenswerten Fortpflanzungstrieb noch gesteigert. Nach einer Schätzung des Großkammerjägers „pest.co.uk“ erhöhte sich die Zahl der Ratten im Königreich im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf etwa 150 Millionen.

          Wie diese Zählung vorgenommen wurde, erschließt sich nicht ohne weiteres, aber Besorgnis erregt sie – umso mehr, als die menschliche Bevölkerung in derselben Zeit nachweisbar geschrumpft ist. Laut dem Economic Statistics Centre of Excellence haben seit Beginn der Pandemie 1,3 Millionen Menschen dem Vereinigten Königreich den Rücken gekehrt, allein die Hälfte davon der Hauptstadt, die damit acht Prozent ihrer Einwohner verloren hätte. Da die meisten in die Länder zurückgekehrt sind, aus denen sie gekommen waren, ist man versucht, die Metapher vom früh alarmierten Nager auf den Kopf zu stellen: Es sind die Menschen, die das sinkende Schiff verlassen haben.

          Gefundenes Fressen für Boulevardblätter

          „Von Natur aus meiden Ratten Menschen, weshalb sie sich vor der Pandemie in den Rohren und Abwassersystemen versteckt haben“, rief der Kammerjäger David Lodge dieser Tage in einem Fernsehinterview in Erinnerung. Nach Monaten des Lockdowns seien die Ratten nun „dreister“ geworden. Im Sommer berichteten Boulevardzeitungen von „Rattenkriegen“ in der britischen Hauptstadt. Die Rudeltiere würden sich gegenseitig neue Kolonien streitig machen. Besonders „blutrünstige“ Ratten fräßen sich sogar gegenseitig auf. Flankiert werden derartige Frontberichte von Fotos, die im Internet die Runde machen. Darauf sieht man Nager, die fast einen halben Meter messen sollen. Die Zeitung „The Sun“ warnte schon vor „Mutantenratten“, ganz so als hätte das teuflische Variantenspiel des Virus nun auch die Welt der Nager erfasst. „Ratmageddon“, hieß es, sei nicht mehr weit.

          Screenshot vom Instagram-Kanal der britischen Firma Fast Track Pest Control, die sich unter anderem der grassierenden Rattenplage widmet.
          Screenshot vom Instagram-Kanal der britischen Firma Fast Track Pest Control, die sich unter anderem der grassierenden Rattenplage widmet. : Bild: job_rattenplage

          Natürlich ist nicht nur London betroffen, sind es nicht nur die Zentren großer Städte. Ein Kammerjäger aus Manchester trat mit der Beobachtung hervor, dass die Nager in Mittelengland mittlerweile in Vororthäuser „einfallen“ und sich sogar in den oberen Geschossen niedergelassen hätten. Die Ratten erleben ihr eigenes Lockdown-Paradox.

          Wo sich die Menschen im Königreich wundern, dass der Impferfolg bisher nur weitere Einschränkungen nach sich zieht, können sich auch die Ratten keinen Reim auf die Seuche machen. Die Menschenleere erschloss ihnen unverhofft neue Lebensräume, aber in diesen drohen sie zu verhungern. Es sei vor allem der Nahrungsmangel in den verwaisten Innenstädten, der die Ratten in die belebteren Suburbs ausweichen lasse, sagte Steven Belmain vom Natural Resources Institute in Greenwich.

          Tiere erkunden den neuen Lebensraum

          Auch das Verhalten anderer Tiere illustriert ein in Unordnung geratenes Verhältnis zum Städter: In Wales marodierten Ziegen in der Innenstadt von Llandudno, in der israelischen Hafenstadt Haifa leerten Wildschweine Mülleimer aus, und in Santiago de Chile verschafften sich Pumas Zugang zu Vorgärten und Privatwohnungen. Aber derartige Grenzübertreter dürfen auf die menschliche Nachsicht zählen, die Kuriositäten zugutekommt – nicht so die Ratten. Spätestens seit der Entwicklung der Kanalisation sind sie zum Synonym für den Ekel schlechthin geworden; selbst Kakerlaken haben es nicht so weit gebracht.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Als nützliches Getier, gar als Retter tauchen Ratten fast nie auf. Eine seltene Ausnahme ist Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Die Grube und das Pendel“, in der sich der Held aus dem Kerker befreien kann, weil Ratten seine Fesseln zernagen. Sie tun dies allerdings aus Fresssucht; der Gefangene hatte den Strick mit Essensresten eingerieben.

          Geprägt wurde das Rattenbild von Romanen wie Albert Camus’ „Die Pest“, einem wiederentdeckten Klassiker in der Pandemie. In ihm sind es die mysteriös verendenden Ratten, die vom nahenden Tod der Menschen künden. In George Orwells Dystopie „1984“ werden Ratten als Folterinstrumente eingesetzt. Das vielleicht beklemmendste Rattenbild hat H.P. Lovecrafts etwas in Vergessenheit geratene Kurzgeschichte „Die Ratten im Gemäuer“ geschaffen. Dort leben die Nager im geheimen Keller des englischen Landschlosses Exham Priory und fressen die verwesenden Leichenreste auf, die die Ahnen des Erzählers hinterlassen haben.

          Furchtlose Vierbeiner: Diese Ziegen erkundeten die walisische Stadt Llandudno im März 2020.
          Furchtlose Vierbeiner: Diese Ziegen erkundeten die walisische Stadt Llandudno im März 2020. : Bild: dpa

          England wäre nicht England, wenn es nicht wenigstens den Versuch einer Gegenerzählung gäbe. In London, gleich gegenüber der Geheimdienstzentrale MI6, steht die Vauxhall City Farm, die nicht nur tierentfremdeten Stadtkindern das Naturleben näherbringen will, sondern sich auch die Rufrettung der Ratte zur Aufgabe gemacht hat. Chris Platt, einer der Mitbetreiber, findet die miserable Reputation der Ratte „völlig ungerechtfertigt“, wie er kürzlich einer Stadtzeitung anvertraute. Er führt das auf ihr unheimliches Aussehen zurück („die feingliedrigen, menschengleichen Hände und der hautnackte Schwanz“), aber auch auf Mythen. Schließlich seien es nicht die Ratten gewesen, die tödliche Krankheiten übertragen hätten, sondern die Flöhe auf ihnen. In Wahrheit, versichert Platt, seien Ratten „außergewöhnlich reinliche, liebevolle und angenehme Tiere“.

          Weitere Themen

          Elisabeth II. feiert ohne Prinz Harry

          Geburtstag der Queen : Elisabeth II. feiert ohne Prinz Harry

          Die britische Königsfamilie trauert um Prinz Philip. Der diesjährige Geburtstag von Königin Elisabeth II. wurde daher anders begangen: ohne Salutschüsse, ohne das traditionelle Festtagsfoto – aber auch ohne Prinz Harry.

          Topmeldungen

          Einheitliche Regeln : Bundestag stimmt Corona-Notbremse zu

          Ausgangsbeschränkungen ab einer Inzidenz von 100, Schulschließungen ab 165 und einheitliche Regeln für den Einzelhandel: Die „Bundesnotbremse“ ist beschlossen. 8000 Menschen demonstrieren nahe der Abstimmung gegen die Corona-Maßnahmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.