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Nilgänse : Wären sie doch in Übersee geblieben

  • -Aktualisiert am

Nicht am Nil, sondern am Rhein: Unverwechselbar stolziert die Afrikanische Gans durch deutsche Felder, Wälder und auch Parkanlagen. Bild: Carl-Albrecht von Treuenfels

Die Nilgans breitet sich immer weiter in Deutschland aus und macht es manchen heimischen Vogelarten schwer. Was tun? Zugucken oder Jagd auf die Zugereisten machen?

          7 Min.

          Für viele Vögel ist die Brut beendet. Manche sind noch mit einem Zweit- oder Nachgelege mitunter bis in den August beschäftigt. Doch schon jetzt steht fest, dass sich der Rückgang mancher Arten auch in diesem Jahr fortsetzt – besonders bei Sing-, Feld- und Wiesenvögeln und einigen Greifvogelarten. Eine vorläufige Auswertung der diesjährigen Brutsaison steht erst in einigen Monaten zur Verfügung. Die von vielen Ornithologen zusammengetragenen Zahlen werden dann in die Statistik des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA) eingehen. Zunächst werden sie auf dem Internetportal „ornitho.de“ zu sehen sein. Später werden sie ihren Niederschlag in der Fortführung des erstmalig in diesem Jahr erschienenen „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ finden. In diesem 800 Seiten dicken Buch sind das Bruthabitat, der Bestand und die Verbreitung von 311 brütenden Arten erfasst und beschrieben. In mehr als zehnjähriger Arbeit haben Hunderte von Vogelbeobachtern Daten gesammelt. Der Zeitraum der Auswertung endet 2009.

          Den Hauptteil des in Zusammenarbeit von DDA und der Stiftung Vogelmonitoring Deutschland herausgegebenen Werkes machen die Kapitel über die Arten aus. Aus ihnen werden die Vielfalt der hiesigen Vogelwelt, aber auch die Veränderungen ihres Spektrums in jüngerer Vergangenheit deutlich. Eine besondere Rolle spielen die „gebietsfremden“ Arten, sogenannte Neozoen. Ob selbständig eingeflogen, aus Gefangenschaft entwichen oder widerrechtlich ausgesetzt und angesiedelt: Bis zum Sommer 2012 wurden nicht weniger als 360 gebietsfremde Vogelarten in Deutschland festgestellt. Die Mehrzahl von ihnen gab nur ein kurzes Gastspiel, doch immerhin 90 Arten brüteten auch bereits in unseren Breiten.

          Viele „Zugereiste“ unter Gänsen

          Inzwischen gelten acht Prozent der Vogelarten als „etablierte Neozoen“, wie Fachleute die dauerhaft niedergelassenen Neuankömmlinge nennen. Zwölf bis 14 Arten haben über mehrere Generationen langfristig stabile Brutpopulationen aufgebaut und sich weiträumig verbreitet. Während der aus Vorderasien stammende Jagdfasan schon vor Jahrhunderten auch in Deutschland angesiedelt wurde und von vielen Menschen als heimische Art angesehen wird, gelten die in mehreren deutschen Städten zu Hunderten brütenden Halsbandsittiche auch in Zukunft sicher weiterhin als Exoten.

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          Besonders viele „Zugereiste“ gibt es unter den Gänsen. Nicht weniger als sechs außereuropäische Arten brüten in Deutschland, zwei davon in stattlicher Zahl. Bei diesen Neusiedlern gehen die Meinungen stark auseinander, auch unter den Vogelfreunden und Naturschützern. Die einen sehen in ihnen eine Bereicherung, für die anderen verfälschen sie die Fauna und stellen eine Bedrohung für die heimischen Arten dar. Während einige der Natur freien Lauf lassen wollen, ist eine Mehrheit dafür, ihre Ausbreitung zu begrenzen oder sie sogar auszurotten.

          Schon ihre Namen weisen darauf hin, dass die beiden Arten, die sich in den vergangenen gut 30 Jahren in Deutschland stark ausgebreitet haben, nicht ursprünglich hier beheimatet sind: Nilgans und Kanadagans. Die Nilgans, erstmals als Brutvogel 1981 am Niederrhein nahe der Grenze zu den Niederlanden nachgewiesen, trägt eigentlich einen falschen deutschen Namen – in doppelter Hinsicht. So wenig wie das Vorkommen von Nilpferd und Nilkrokodil auf den großen afrikanischen Fluss beschränkt ist, gilt das auch für „Alopochen aegyptiacus“, wie der schwedische Naturforscher Carl von Linné 1766 den in zwei Farbvarianten gefiederten Wasservogel wissenschaftlich bezeichnete. Sein englischer Name lautet dementsprechend auch „Egyptian Goose“, wenngleich sich seine Heimat über ganz Afrika südlich der Sahara erstreckt und er in Ägypten eher selten geworden ist. Daher zunehmend auch als „Afrikanische Gans“ bezeichnet, zählt er in vielen afrikanischen Ländern zu den häufigsten Wasservogelarten.

          Die zweite Ungenauigkeit bezieht sich auf den zweiten Teil des Namens der Nilgans. Sie ist nämlich keine echte Gans. Um die verwandtschaftlichen Verhältnisse und systematischen Zuordnungen von Gänsen und Enten zu verstehen, braucht man schon normalerweise einen Kompass. Das gilt besonders auch für die Nilgans. Sie gehört der neueren zoologischen Systematik entsprechend in der Ordnung der Entenvögel („Anseriformes“), der Familie der Entenverwandten („Anatidae“) und der Unterfamilie der Entenartigen („Anatinae“) zur Gattungsgruppe der „Halbgänse“. Mit mehr als 20 Arten wird diese unterschieden von den 16 Arten der „echten Gänse“, die wiederum in Feldgänse (Gattung „Anser“ mit zehn Arten, darunter die Graugans) und Meergänse (Gattung „Branta“ mit sechs Arten, darunter die Kanadagans) eingeteilt sind.

          Konkurrenz unter Halbgänsen

          Als „Halbgänse“ (Gattungsgruppe „Tadornini“) bezeichnen die Zoologen diejenigen Entenartigen, die sowohl Merkmale und Eigenschaften von Enten als auch von Gänsen im Körperbau und im Verhalten zeigen. In Deutschland war bis vor knapp 50 Jahren die an den norddeutschen Meeresküsten wie – seltener – im Binnenland vorkommende Brandgans („Tadorna tadorna“) mit ihrem auffällig farbenfrohen Gefieder die einzige heimische Halbgans. Die Zahl ihrer in Erdhöhlen brütenden Paare lag im Jahr 2009 zwischen 6500 und 8000.

          Durch die Nilgans hat sie nun mächtig Konkurrenz bekommen. Bereits 2009 wurde der deutsche Brutbestand mit 5000 bis 7500 Paaren eingeschätzt. Für 2013 nannte der DDA die Zahl von 30.000 bis 50.000 Vögel. Der Gänseforscher Johan Mooij, Leiter der Biologischen Station im Kreis Wesel, wo viele Nilgänse leben, schätzt, dass es heute mindestens doppelt so viele sind. Nach wie vor ist Nordrhein-Westfalen eine Hochburg für die Vögel, aber auch in Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein nehmen die Nilgänse mittlerweile die vorderen Plätze auf den Streckenlisten der Jäger ein. Ein Bundesland nach dem anderen hat sie in den vergangenen Jahren auf die Liste der jagdbaren Arten, allerdings mit zeitlich begrenzten Schonzeiten, gesetzt. Das wurde vielfach sogar von Naturschützern unterstützt, obwohl sich diese sonst stark gegen die Bejagung der meisten anderen Gänsearten aussprechen. Die Befürworter der Bejagung sehen deren Notwendigkeit in den stetig wachsenden Jahresstrecken bestätigt: In Nordrhein-Westfalen wurden im – jeweils vom 1. April bis zum 31. März dauernden – Jagdjahr 2013/14 gut 7000 Nilgänse erlegt, in Hessen, wo das Rhein-Main-Gebiet zu den Hauptverbreitungsgebieten gehört, waren es allein 1425.

          Was macht die Nilgänse so unbeliebt? Die Vögel, die schon im 17. Jahrhundert in englischen Parks, Zoos und Menagerien gehalten wurden und von dort später zunächst in die Niederlande gelangten, sind überall „tonangebend“. Das bezieht sich nicht nur auf ihre heiseren, teils tiefen und rauhen, teils schrillen und zischenden Stimmlaute, sondern gilt auch für die Art ihres Auftretens. Wo sie sind, bleibt kaum Platz für andere, weil sie stets erst einmal andere Vögel verjagen. Da sie sich im Winter zu Scharen von hundert und mehr Vögeln zusammenschließen, kann es schnell zu einer mehr als intensiven Nutzung der Flora führen. Im Gegensatz zu anderen Gänsearten halten sich Nilgänse gerne an den Feldmieten mit Gras-Silage schadlos. Dabei ist oft weniger die aufgefressene Menge das Problem für die Landwirte. Die Vögel befreien das vergärte Viehfutter von der Abdeckung und sorgen so dafür, dass Frost eindringen kann und sich weitere Nutznießer über die Nahrungsreserve hermachen.

          Ziemlich rabiate Brutplatzsuche

          Wo Ganter und Gans ihre bis zu acht oder sogar zehn Jungen ausführen, mitunter zwei oder drei Familien gemeinsam, und ihren Kot hinterlassen, kann ähnlich viel Schaden entstehen wie durch die winterlichen Gesellschaften. In der freien Landschaft sind Nilgänse scheu, besonders dort, wo sie bejagt werden. In Städten indes, wo sich auch immer mehr ansiedeln, können sie sehr vertraut werden, mitunter aber ungemütlich im Umgang mit Menschen. Ein Ganter, der seine Jungenschar von einem Hund oder Menschen bedrängt fühlt, scheut nicht vor einem Angriff mit vorgestrecktem Kopf und bissbereitem Schnabel zurück.

          Eine weitere Unart: Bei der Suche nach einem geeigneten Nistplatz für die Brut zwischen März und Juni gehen Gans und Ganter, die überwiegend in lebenslanger bis zu zwanzigjähriger Ehegemeinschaft verbunden sind, ziemlich rabiat vor. Sowohl auf dem flachen Land als auch in der Stadt, nicht selten weit vom nächsten Gewässer entfernt, inspizieren sie mögliche Brutstätten. Vom Fabrikschornstein über Gebäudesimse, alte Krähen- und Greifvogelhorste, Baum- und Erdhöhlen, aber auch Schilfzonen und die von Vogelschützern aufgestellten künstlichen Nistunterlagen für Weißstörche wählen sie zur Brut. Bevor sie sich niederlassen, verjagen sie andere Vögel. Selbst mit Störchen liefern sie sich mitunter tagelange Kämpfe. Hinzu kommt, dass sie sich gelegentlich mit anderen Gänsen paaren und so für einen unerwünschten Artenmix sorgen. Ganz farbenrein ist die Art ohnehin nicht mehr. Während die ursprüngliche Erscheinungsform ein unterschiedlich braunes, grün schillerndes und weißes Gefieder trägt, hat sich in Europa eine überwiegend graue Variante herausgebildet. Auch sie hat aber den artspezifischen braunen Ring um die Augen, einen blassroten Schnabel und kräftige rote Beine und Füße.

          Ob man sie mag oder nicht: Die Nilgans ist aus Deutschland nicht mehr wegzudenken. Trotz erhöhtem Jagddruck und dem Zerstören von Gelegen wird sich ihre Ausbreitung nach Einschätzung von Fachleuten fortsetzen. Sie ist einfach eine zu robuste Überlebenskämpferin. Nicht anders ist es mit der zweiten Gänseart, deren eigentliche Heimat in Nordamerika liegt, die aber schon seit den zwanziger Jahren mit einzelnen Brutpaaren in Deutschland festgestellt wurde. Heute wird der Bestand der Kanadagans („Branta canadensis“) mit gut 5000 Paaren angegeben. Auch sie wurde vom Menschen schon im 17. Jahrhundert nach Europa eingeführt und zunächst in England als Zier- und Jagdvogel angesiedelt. Von dort gelangte sie vor allem nach Skandinavien, wo der schwedische Zoologe, Naturschriftsteller und -fotograf Bengt Berg (1885 bis 1967) eine kleine Population begründete. Aus ihr und anderen Auswilderungsaktionen sind Tausende Nachkommen geworden. Ein Teil der schwedischen Kanadagänse kommt in jedem Herbst an die mecklenburgisch-vorpommersche Ostseeküste, um dort zu überwintern.

          Zu einem echten Parkvogel geworden

          Auch die Kanadagänse, von denen es in Nordamerika zwei Arten gibt (die in Europa mittlerweile fest etablierte „Atlantische Kanadagans“ und die „Zwergkanadagans“), gehören in Deutschland in den meisten Bundesländern als fest etablierte Art zum jagdbaren Wild. Sie zählt zwar zu den Meergänsen, ist aber auch im Binnenland häufig anzutreffen. Die mit einer Körperlänge von gut einem Meter und einem Gewicht von bis zu mehr als fünf Kilogramm größte aller Gänse ist vielerorts zu einem echten Parkvogel geworden, der zum Kummer von Freizeitgenießern für die Verschmutzung mancher Liegewiese sorgt und auch landwirtschaftliche Schäden verursachen kann.

          Ein echter Parkvogel: Die Kanadagans fühlt sich auch in Frankfurt sehr heimisch.

          Sie ist bei der Brutplatzwahl nicht so ambivalent wie die Nilgans, sondern bebrütet ihre fünf bis acht Eier in einem Bodennest bevorzugt im Schilf oder einem Weidenbusch nahe einem Gewässer. Mit ihrem schwarzen Kopf, einem weißen Kinnband, langem schwarzen Hals, dem hellen Brust- und Bauchgefieder, dunklem Schnabel und schwarzen Beinen wird sie gelegentlich mit der erheblich kleineren europäischen Weißwangengans („Branta leucopsis“) verwechselt. Gut 60.000 Paare soll der Brutbestand der Kanadagänse in Europa betragen, die Gesamtzahl liegt bei 350.000 Einzelvögeln. Auf der ganzen Welt sollen bis zu zehn Millionen Kanadagänse nach Angaben der Internationalen Naturschutz Union (IUCN) leben.

          Dagegen nehmen sich die deutschen Jagdstrecken eher bescheiden aus, wenngleich auch ihre Tendenz nach oben zeigt. So wurden in Nordrhein-Westfalen im Jagdjahr 2001/2002 nur 178 der Vögel erlegt, 2013/2014 waren es schon 4827. In Schleswig-Holstein betrug die Strecke 1268, in Bayern mehr als 800 und in Hessen 225. Die nächste Anwärterin auf den Streckenlisten der nicht heimischen Gänse ist die aus Südosteuropa und Asien stammende Rostgans („Tadorna ferruginea“), ebenfalls eine „Halbgans“. Sie ist schon mit mehr als 200 Brutpaaren in Deutschland erfasst, Tendenz steigend.

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