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Eingeschleppter Parasit : Neue Zeckenart geht auf die Jagd

Dreimal größer: Die tropische Zecke Hyalomma (links) unterscheidet sich vom Holzbock (oben ein Weibchen, unten ein Männchen) deutlich. Bild: Universität Hohenheim / Marco Drehmann

Zecken kommen inzwischen in ganz Deutschland vor. Das zeigt eine Studie der Universität Hohenheim. Darunter sind auch tropische Arten, die als besonders gefährlich gelten.

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          Sie haben braun-gelb gestreifte Beine, sind schnell fast wie Spinnen und werden von Zug­vögeln ein­geschleppt: Zecken der Gattung Hyalomma. Anders als endemische Zecken wie etwa der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), der oft Wochen und Monate auf einen vorbeikommenden Wirt lauert, gehen Hyalomma-Zecken auf die Jagd. Sie können ihre Wirtstiere wie etwa Pferde oder Rinder aus bis zu zehn Meter Entfernung mit den Augen oder chemischen Sinnen erkennen und sie dann über mehrere Hundert Meter verfolgen. Was sie unter anderem so gefährlich macht? „Eine Zecke kann bis zu acht Milliliter Blut auf­nehmen“, sagt Ute Mackenstedt vom Fachbereich Parasitologie an der Universität Hohenheim. „Bei 200 Zecken, die ein Pferd befallen können, wird allein das schon zum Problem.“ Für die Expertin sind Zecken die gefährlichsten Vektoren überhaupt, gefähr­licher noch als etwa Stechmücken. „Zecken übertragen unglaublich viele verschiedene Krankheitserreger“, sagt Mackenstedt, „darunter Bakterien wie Rickettsien, die das Zecken-Fleckfieber auslösen, und Viren, die zu tödlichen Krankheiten wie dem Krim-Kongo Hämorrhagischen Fieber führen können.“

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erstmals entdeckt wurde eine der Zecken mit ihrem sehr ungewöhnlichen Aussehen im Dezember 2015 auf einem Pferd in der Nähe von Frankfurt. Erst Lidia Chitimia-Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München gelang es, sie unter dem Mikroskop als Hyalomma rufipes zu identifizieren, eine Schildzecke, die ihr angestammtes Verbreitungsgebiet in Afrika hat. Daraufhin begann Ute Mackenstedt mit ihrem Team in Hohenheim das Projekt „Tropen­zecken“. Um herauszufinden, wie viele und auch welche Zecken in Deutschland vorkommen, bat sie die Bevölkerung, Zecken an ihr Institut zu schicken. Die Aktion endete nach drei Jahren Ende Dezember. Genau 8107 Zecken konnten untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Citizen-Science-Studie wurden in dieser Woche auf einem dreitägigen Zeckenkongress an der Universität Hohenheim vorgestellt.

          Auf Zugvögeln eingeflogen

          „Zweierlei hat uns überrascht“, sagt Mackenstedt. „Zum einen, dass die Auwaldzecken viel weiter in Deutschland verbreitet sind als bisher angenommen, und zum anderen, dass Hyalomma-Zecken schon am dritthäufigsten bei uns zu finden sind.“ Gut die Hälfte der eingeschickten Zecken, 4058, waren Auwaldzecken (Dermacentor reticulatus), die zu den Bunt­zecken gehören. Sie sind endemisch, gehen gern auf Hunde, können Hundemalaria und auch das Virus der gefürchteten Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. „Wir dachten, sie kommt überwiegend in Ostdeutschland und in Baden-Württemberg vor, doch wie unsere Studie zeigt, findet man sie inzwischen in ganz Deutschland, sogar auf Sylt“, berichtet Ute Macken­stedt. Gründe für die starke Verbreitung könnte eine erhöhte Zahl an Brachgebieten sein, etwa Wiesen, die nicht mehr regelmäßig gemäht werden. Auch die veränderten Witterungsbedingungen spielen eine Rolle: Zecken sind inzwischen das ganze Jahr unterwegs.

          Die Zecken der Gattung Hyalomma hingegen werden noch nach Deutschland eingeschleppt. „Die Larven setzen sich nach dem Schlüpfen auf Zugvögeln fest“, sagt Mackenstedt. „Dort saugen sie Blut, häuten sich und fallen schließlich als Nymphen hier in Deutschland ab.“ Vor allem ­Hyalomma rufipes aus Afrika braucht hohe Temperaturen und lange Trocken­perioden, wie es sie 2019 und 2020 gab, um überleben zu können. Darum wurden im vergangenen Jahr, als es mehr Regen und Anfang des Jahres auch noch einen Kälteeinbruch gab, weniger Nymphen und damit später auch Adulte, also erwachsenen Männchen und Weibchen, gefunden. Hyalomma marginatum, eine Gattung, die aus östlichen Gebieten wie etwa dem Kaukasus eingeschleppt wird, ist hingegen kälteresistenter. „Entscheidend aber sind die Trockenphasen“, sagt Mackenstedt. „Nur wenn es lange warm ist und nicht regnet, kann die Hyalomma-Zecke in Deutschland überleben und auch ihre Eier legen.“ Was ihr bisher, nach allen vorliegenden Indi­zien, noch nicht gelungen sei.

          Pilze gegen Zecken

          Zecken ist nur schwer beizukommen. „Ziel muss sein, dass wir uns als Wirte unattraktiv machen“, sagt Mackenstedt. Etwa mit Tabletten für Hunde oder auch Substanzen, mit denen wir unsere Haut einsprühen können. Akarizide großflächig einsetzen sollte man hingegen nicht: Die Pestizide oder Biozide töten neben Zecken zum Beispiel auch Bodenmilben ab, die wichtig für das Ökosystem sind.

          An der Parasitologie in Hohenheim forscht Macken­stedt aber auch an neuen Bekämpfungsmethoden aus der Natur, unter anderem an entomopathogenen Pilzen, die allerdings im Labor gezüchtet werden. Die Pilze dringen über Atemwege in Zecken ein und überwuchern diese. Auch damit wird man nicht ganze Landstriche zeckenfrei bekommen, darum aber geht es der Expertin nicht. „Wir könnten allerdings versuchen, regional begrenzt mit solchen Pilzen die Zahl der Zecken zu reduzieren“, sagt Ute Mackenstedt, „zum Beispiel in Wald­kindergärten, auf Spielplätzen oder auch Grillplätzen – also dort, wo der Kontakt zwischen Mensch und Zecke besonders häufig stattfindet.“

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